30.07.2010 Drucken Empfehlen
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Ganz legal: Sprinter mit Spritze

Der deutsche 200-Meter-Meister Daniel Schnelting lebt mit Diabetes

Sprinter mit Spritze. Das klingt zunächst zwiespältig. Für den deutschen 200-Meter-Meister Daniel Schnelting ist es normal. Der 24-Jährige hat Diabetes, die Zuckerkrankheit. Trotzdem hat er es zur EM geschafft.

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WOLFGANG SCHEERER
Artikelbild: Der deutsche 200-Meter-Meister Daniel Schnelting lebt mit Diabetes Spitzensportler trotz Zuckerkrankheit: Daniel Schnelting. Foto: dpa

Ein paar Fragen nach dem Rennen, dann entschuldigt sich Daniel Schnelting. Es ist kurz vor Zwölf. "Ich muss etwas essen", sagt der Sprinter. Essen und sich selbst Insulin spritzen - das gehört für ihn immer zusammen. Dreimal täglich, plus weitere zwei bis drei Mal außerhalb der Essenszeiten muss er den Blutzuckerspiegel auf das gewöhnliche Maß senken. "Ich bin Diabetiker und lebe damit", sagt der 24-Jährige. Aber nicht jeder startet mit oder trotz der Krankheit bei einer Europameisterschaft.

Daniel Schnelting lief gestern die 200 Meter. Nur um drei Hundertstelsekunden verpasste er den Einzug ins Halbfinale. Seit dem fünften Lebensjahr ist er auf dauernde Kontrolle angewiesen. Für ihn gehört das zum Leben wie Schuhebinden. "Ich kenne es nur so." Als Junge musste er um 18 Uhr daheim sein, damit die Mutter die Werte messen konnte. Auch in der Schule wurde kontrolliert. War der Wert zu hoch, wurde er eine Runde ums Schulhaus geschickt. Laufend in Bewegung - das sollte den Zuckerspiegel senken. Rennen war keine Strafe, es machte ihm Spaß. Bei den Bundesjugendspielen 1999 war Schnelting der mit Abstand Schnellste und Hermann-Josef Emmerich, damals wie heute beim LAZ Rhede sein Trainer, froh, als dieses Talent gleich darauf zum Verein kam.

Es ist genau wie bei Gewichtheber-Olympiasieger Matthias Steiner: Auch Daniel Schnelting sieht niemand an, dass er Diabetes hat. Er ist von beeindruckender Statur, fast zwei Meter groß, wiegt 93 Kilo und wirkt mit seinen blauen Augen strahlend gesund. "Wenn ich den Blutzuckerspiegel normal halte, bin ich das auch", sagt Schnelting.

Spritzen und Leistungssport sind allerdings eine Kombination, die ganz schnell verdächtig vorkommt. Wenn sich Schnelting bei Wettkämpfen wie jetzt in Barcelona das Insulin in den Bauch injizieren muss, dann immer verborgen vor neugierigen Blicken. Falls doch jemand skeptisch würde: Er hat immer eine Bescheinigung des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF dabei, denn Insulin steht auf der Dopingliste. Die Ärzte des deutschen Verbandes und seine DLV-Teamkollegen wissen sowieso Bescheid.

Wenn die Werte nicht stimmen, läuft es nicht. Die 20,98 Sekunden gestern im 200-Meter-Vorlauf erklärte sich Schnelting (Saisonbestzeit 20,61) allerdings mit dem starken Gegenwind. Das Halbfinale hatte er eigentlich fest im Visier - auch wegen einer Wette mit seinem Trainer. Der hätte dann mit (Pfeife-)Rauchen aufgehört.

Vielleicht tut Hermann-Josef Emmerich ihm den Gefallen ja trotzdem. Denn Gesundheit ist neuerdings auch Daniel Schneltings Berufsgebiet. Der Sprinter mit Turbo-Studium arbeitet inzwischen als Wirtschaftsingenieur bei einem großen Pharma-Unternehmen in Mannheim, das auch Diabetes-Produkte und Apparaturen entwickelt. Auch einen Teil des Trainings hat er hierher zur starken Sprint-Abteilung des MTG Mannheim verlagert.

Die Krankheit wird ihm auch weiterhin ihr Diktat aufzwingen. Daniel Schnelting fühlt sich anderen Athleten gegenüber aber nicht benachteiligt. Nur der zusätzliche Aufwand ist immer wieder hinderlich: "Ohne die Diabetes wäre vieles natürlich schon einfacher. Ich müsste nicht ständig meine Werte kontrollieren und nicht immer aufpassen."

Er tut es routiniert und richtet nach dem EM-Aus gestern den Blick nach vorne: Olympia 2012 in London ist das große Ziel. Ohne Spritze wird es nicht gehen - aber vielleicht rauchfrei.

30.07.2010 - 08:30 Uhr
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