01.08.2012 Drucken Empfehlen
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Für eine moderne Sekunde

Britta Heidemann ist glücklich über Silber, hadert aber mit der Zeitmessung

Für den fatalen Sekundenbruchteil, der vor dem Degen-Finale ewige Diskussionen ausgelöst hatte, nahm sich Silbermedaillen-Gewinnerin Britta Heidemann gestern noch einmal Zeit. Eine feinere Messung soll her.

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WOLFGANG SCHEERER

Die erste olympische Medaille fürs deutsche Team ist etwas Besonderes. Dass die zweite Besonderheit an Britta Heidemanns Degen-Silber die vorherige Jury-Hängepartie im Halbfinale gegen die Südkoreanerinnen A Lam Shin war, blieb auch am Tag danach großes Thema. "Solche Diskussionen sind wirklich richtig ärgerlich", sagte die 29 Jahre alte Peking-Olympiasiegerin. "Und doch: Die Medaille zählt. Ich fühle mich gut damit." Wie sie danach so gegen Mitternacht noch gefeiert habe, wurde sie gefragt. "Beim Burger-Essen im Athletendorf." Fast Food in der Mensa nach einem langen, spannenden Tag in der Fechthalle.

Artikelbild: Britta Heidemann ist glücklich über Silber, hadert aber mit der Zeitmessung Die kaum endende Sekunde im Halbfinale und der Sieg von Britta Heidemann sorgen für Diskussionen. Foto: Getty Images

Eine einzige, ziemlich dehnbar wirkende Sekunde war es, die über ihren Final-Einzug entschied. Bei 5:5 in der Verlängerung, dem so genannten "Sudden Death", hatte es zwei Doppeltreffer innerhalb jener letzten Sekunde gegeben. Obfrau Barbara Csar aus Österreich forderte dann beim Kampfgericht die Überprüfung der Uhr, bei der offenbar ein Fehler festgestellt wurde.

Auf Nachfrage der Obfrau stimmten die Fechterinnen zu, diese Schlusssekunde zu wiederholen. Heidemann traf an der rechten Schulter, Shin verlor 5:6. Danach begannen das Diskussions-Drama der Funktionäre. 25 Minuten brauchten sie, obwohl im Fechten der TV-Beweis herangezogen werden kann, zu einer ersten Entscheidung.

Das Problem war aber nicht der Treffer an sich (er selbst ist unstrittig), sondern die Frage, ob er innerhalb jener einen Sekunde gefallen ist oder zu spät. Sie war deshalb so schwierig zu beantworten, weil es beim Fechten, anders als bei den meisten anderen Sportarten, keine moderne Zeit-Unterteilung in Zehntel- oder Hundertstelsekunden gibt. Deshalb das ganze Hin und Her, die wütenden Reaktionen aus der südkoreanischen Ecke, ein erneuter Einspruch gegen die Wertung und eine tief erschütterte A Lam Shin, die die Fechtbahn nicht verlassen wollte.

"Laut Regel 32.1.3 liegt es allein in der Entscheidungshoheit des Kampfrichters, wieviel Zeit es bis zum Ende des Kampfes noch gibt", lieferte der Fecht-Weltverband FEI gestern als Begründung nach.

"Klar kann ich die Koreanerin gut verstehen", sagte Britta Heidemann. "Für uns beide war es eine unschöne Situation. Aber ich habe mich über diese Zeitanzeige auch schon oft genug aufgeregt. Im Fechten gibt es nun einmal die Regel, dass man nur ganze Sekunden sehen kann. Vielleicht sieht man ja irgendwann genauere Zeiten."

Das sollte durchaus als Anregung zu einer Regeländerung zu verstehen sein. Der Rat der freiberuflichen Unternehmensberaterin: "Wir brauchen mehr Transparenz. Das war kein Fehler der Athleten, sondern ein Fehler der Technik. Wenn solche Diskussionen genau in einem solchen Moment auftauchen, muss man auf jeden Fall schneller Entscheidungen treffen."

Alles in allem wurden aus der vielleicht einer Hundertstel am Ende über 70 quälend lange Minuten, ehe das Bronzegefecht begonnen werden konnte, in dem A Lam Shin fast logischerweise unterlag.

Auch Britta Heidemann selbst musste die Last ins Finale mitschleppen, hatte zumindest Silber allerdings sicher. "Ich habe natürlich auch ganz schön viele Nerven gelassen. Das hat sich auch in der Physis niedergeschlagen. Ich war wirklich sehr erschöpft im Finale", räumte sie ganz offen ein. Die Konzentration gegen die Ukrainerin Jana Schemjakina, die beim 9:8 im "Sudden Death" den mit Abstand größten Erfolg ihrer Degen-Karriere feierte, sei aber voll dagewesen: "Ich war den ganzen Tag in einer Art Tunnel." Tief da drinnen erlebte sie wohl auch ein Stück Peking-Feeling in London: "Das war damals ein riesengroßes Erlebnis."

Wie weggewischt ist durch einen Streich mit der Klinge das ganze Krisengerede um die deutsche Top-Fechterin nach dem 126. Platz bei der WM 2011 in Catania. "Das Tief ist tiefer geredet worden, weil sie von so weit oben kam", bedauerte Trainer Manfred Kaspar, der schon beim Gold-Triumph 2008 an der Fechtbahn stand. "Britta war nie wirklich weg von der Bildfläche und ist auch mit Silber die Beste." In der Team-Entscheidung am Samstag kann sie das erneut demonstrieren.

01.08.2012 - 08:30 Uhr

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