Rudern: Weltmeister wollte eigentlich nie ins Boot
Vom Abspecken zum WM-Sieg
Urs Käufer ist im August mit dem Nationalteam Ruder-Weltmeister in Posen (Polen) geworden. Beim Tübinger Herbstsprint erzählte der 24-Jährige dem TAGBLATT, warum er sich auf dem Wasser oft quälen muss und wie sich sein Abspecken zur Sport-Leidenschaft gemausert hat.
Bitte anhalten! Urs Käufer (vorderes Boot, zweiter von rechts) bremst mit dem Achter des Ulmer RC Donau beim Tübinger Herbstsprint hinter der Ziellinie. Bilder: Metz
TAGBLATT: Hallo Herr Käufer, wie kommt‘s, dass sie beim Tübinger Herbstsprint im Ulmer Boot sitzen?
Urs Käufer: Ich habe mit 14 Jahren beim Ulmer Ruderclub Donau mit dem Sport angefangen und nie den Verein gewechselt.
Aber inzwischen leben Sie doch in Dortmund?
Ruder-Weltmeister Urs Käufer kommt aus Ulm, lebt in Dortmund und studiert Wirtschaftspsychologie.
Ja, dort ist das Ruderleistungszentrum vom Deutschen Ruderverband. Dort trainiere ich seit 2004. Umso schöner ist es, beim Herbstsprint mal wieder mit meinen Vereinskollegen zu fahren – die sehe ich sonst das ganze Jahr nicht.
Sie haben im August mit dem Nationalteam in Posen den WM-Titel im Achter geholt. Was war Ihr eindruckvollstes Gefühl?
Wow, wir sind ungeschlagen – im Vierer und im Achter! Wahnsinn! Wir sind schon vor der WM die ganze Saison durch immer vorne mitgefahren und dann holen wir den Titel in 5,24 Minuten im Achter mit drei Sekunden Vorsprung. Das ist fast eine Welt, das gab es schon lange nicht mehr.
Welche Eigenschaften haben Ihnen geholfen, das zu schaffen?
Natürlich Ehrgeiz – ich will jedes Rennen gewinnen. Dann muss man ein Wettkampftyp sein: Wenn ich gute Leistungen aus dem Training nicht abrufen kann, hilft es wenig. Und ich muss im Kopf zu bestimmten Dingen bereit sein.
Wie meinen Sie das?
Viele wissen nicht, dass Rudern qualvoll ist. Die ersten 1000 Meter geht nur die Pumpe, aber dann fangen Arme und Beine wie verrückt zu brennen an. Und dann…
…tut es richtig weh?
Ja. Und über diesen Punkt muss ein Ruderer hinausgehen, um noch das letzte entscheidende Bisschen rauszuholen. Dazu muss man bereit sein.
Ist deshalb Kraft gar nicht das entscheidende Kriterium im Boot?
Es ist beispielsweise sehr wichtig, die gleiche Auffassung von Technik zu haben. Wie ein Schlag ausgeführt wird, darüber müssen sich alle Ruderer im Boot einig sein – zum Beispiel wann ich die Beine durchtrete.
Wie oft üben Sie so etwas?
Vor der WM haben wir 20 bis 25 Stunden pro Woche trainiert, dazu noch mehrere Wochen verschiedene Trainingslager. Das sind schon lange Tage. Mehrmals pro Woche stehe ich um fünf Uhr auf, dann lernen an der Uni, dann wieder aufs Wasser bis abends.
Apropos Uni: Kriegen Sie ihr Wirtschaftspsychologie-Studium in Bochum mit dem Sport unter einen Hut?
Es ist schwer, aber es geht schon.
Werden Sie ihr Studium irgendwann brauchen?
Vom Rudern zu leben, ist schwer. Wir haben für den WM-Sieg zwar eine Prämie bekommen. Als Student habe ich keine hohen Ansprüche und werde wohl eine gewisse Zeit davon leben können. Aber langfristig…
…wollen Sie beruflich abgesichert sein?
Ja, das ist mir wichtig. Ich muss sehen, wo ich bleibe. So wie es aussieht, hat der Deutschlandachter nächstes Jahr keinen Sponsor mehr. Und ins Berufsleben kann ich nicht erst mit 35 einsteigen.
Wie lange werden Sie noch an den Riemen ziehen?
Auf jeden Fall will ich bei den Olympischen Spielen 2012 in London dabei sein, zwei Jahre vorher ist die WM in Neuseeland. Das sind meine nächsten Ziele.
War rudern schon immer Ihr Ding?
(lacht) Nein. Meine Eltern sind beide bei Weltmeisterschaften gerudert, meine Mutter auch bei Olympia. Ich war also vorbelastet und wollte auf keinen Fall ins Boot sitzen. Lieber habe ich als Kind Fußball und Eishockey gespielt.
Doch eines schönen Tages…
…kam alles anders, genau. Ich hatte mit 14 Jahren Pubertätsspeck aufgebaut. Den wollte ich weg haben. Also nahm mich mein Vater mit ans Wasser.
Und?
Nur ein Jahr später fuhr ich mein erstes Rennen im Leichtgewicht.
Wieso haben Sie fürs Rudern Feuer gefangen?
Zum einen hatte ich offensichtlich Talent. Zum anderen fasziniert mich nach wie vor, dass die Leute im Boot eine absolute Einheit bilden müssen – je besser das klappt, desto erfolgreicher fährt das Team. Und wissen Sie was?
Nein.
Es ist einfach ein unglaublich gutes Gefühl, wenn‘s mit dem Achter auf dem Wasser richtig gut läuft.
Fragen von Ira Knabbe