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Auf Kollisionskurs mit der Fitness-Flotte

Leichtathleten diskutieren über Breitensport-Konzepte

Kommerzielle Anbieter graben dem Breitensport in den Leichtathletik-Vereinen das Wasser ab, sagt Dieter Schneider. Der Breitensportwart des Württembergischen Leichtathletik-Verbands hat die Vereine bei einer Konferenz in Tübingen aufgefordert, sich der Konkurrenz zu stellen.

Johannes Knuth
Wie den Nachwuchs an den Verein binden? Mit dieser und anderen Fragen befasste sich eine Konferenz ... Wie den Nachwuchs an den Verein binden? Mit dieser und anderen Fragen befasste sich eine Konferenz mit Dieter Schneider, Breitensportwart des WLV (links, mit Olympiasieger Dieter Baumann beim ersten Stadtlauftraining 2008). Archivbild: Franke

Tübingen. Nach ein paar Minuten hatte er das förmliche „Sie“ vergessen. Dieter Schneider, im Hauptberuf Generalinspekteur der baden-württembergischen Polizei, sprach nur noch von „wir“ und „uns“, dem Landesverband und den Vertretern der Leichtathletikvereine aus Tübingen, Reutlingen, Calw, Rottweil, Freudenstadt und Böblingen, die Schneider ins Vereinsheim der TSG Tübingen geladen hatte. Schneider wollte eine Allianz schmieden, die sich verlorenes Breitensport-Terrain von Fitnesstudios und anderen kommerziellen Anbietern zurückholt.

Der Breitensportwart sparte zu Beginn seines Vortrags nicht mit Kritik. Die bewährten Angebote wie Lauf- und Nordic-Walking-Treffs, Jedermann-Zehnkämpfe, Lauf-, Mehrkampf- und Sportabzeichen verlören an Popularität, der große Volkslauf-Boom sei vorbei. „Wir laufen Gefahr, zu vergreisen“, sagte Schneider – er blickte in den Raum, kaum einer seiner Gäste war jünger als 50 Jahre. Schneider mahnte, dass die Kundenkarteien der Fitnessstudios weiter wachsen: „Das ist Konkurrenz für uns, der müssen wir uns stellen.“

Warum die Konkurrenz seit Jahren aus den Vereinsheimen in die Studios rennt? Das blieb in der Konferenz-Runde genauso unbeantwortet wie die Frage nach der Schuld der Vereine, die den Trend schlichtweg verschlafen haben. In den Studios finden fast alle Zielgruppen, vor allem Frauen, Gesundheitsangebote, die sie gegen Gebühr und ohne weitere Verpflichtungen wahrnehmen. Schneider hielt dem die Stärke der Vereine entgegen: „Das Erlebnis in der Gruppe ist bei uns gegeben, das versuchen die Studios gerade erst aufzubauen.“

Schneider will die Studios aber mit deren eigenen, kommerziellen Waffen schlagen: Mitglieder gewinnen durch „zielgruppenorientierte und innovative Angebote“. „Qualität sichern“, „Attraktivität steigern“. Sein „Potential vermarkten“, dadurch Sponsoren gewinnen, in den Medien präsent sein und somit letztlich Geld verdienen. Raus aus den bekannten Gewässern, raus aufs offene Meer, auf Kollisionskurs mit der kommerziellen Fitness-Flotte.

In die gleiche Kerbe schlug Benjamin Rex, Marketingexperte beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), der die Vereinsvertreter anschließend in die Grundzüge des Marketings und Sponsorings einweihte. „Ich will ihnen ein paar Ideen an die Hand geben“, begann Rex seinen Vortrag. Tatsächlich hielt er eine betriebswirtschaftliche Kurzvorlesung („Distribution, Kommunikationspolitik, Innovation“) und blickte am Ende in viele überfragte Gesichter.

Wie Ideen zur Revitalisierung des Breitensports konkret aussehen, das erarbeiteten sich die Vereinsvertreter in einer Diskussion selbst. Ein Vertreter berichtete von breiten Sportangeboten für Jedermann in seinem Verein: „Kraft, Ausdauer, Stabilität, Ballspiele, alles in Gemeinschaft.“ Ein anderer betonte den „Eventcharakter“ seiner Walking-Kurse. Er werbe in Sportgeschäften für das Angebot, „Tübingen an einem Tag umrunden“. Bis zu 120 Breitensportler hätten sich zusammengefunden.

WLV-Wart Schneider stellte ein Laufwettbewerb für Schulkinder vor: Die Vereine müssen schon selbst an die Schulen gehen, weil ansonsten die Jungen fern bleiben würden. Allerdings erntete er auch Kritik von Winfried Laube, dem Cheforganisator des Hirschauer Spitzberglaufes. „Kinder wollen nicht nur laufen, die wollen Abwechslung.“ Da wünsche er sich vom WLV mehr Ausbildungsmaterial für die Übungsleiter, sagte Laube.

Die Diskussion dauerte eine knappe Stunde. Viele Vertreter hatten sich ausgetauscht und Notizen gemacht. Schneiders Vereins-Allianz hatte einen ordentlichen Start hingelegt.

Das Projekt Gesundheitspark Mössingen

Dieter Schneider setzt sich nicht nur beim WLV, sondern auch bei seinem Verein Spvgg Mössingen für neue Breitensportkonzepte ein. Derzeit prüft die Spvgg den Bau eines Gesundheits- und Sportparks, die Stadt Mössingen hat dem Verein bereits das Pausa-Areal versprochen. Der neue Sportpark soll aus dem Verein ausgegliedert werden, verwaltet von hauptamtlichen Kräften, in Kooperation mit anderen Vereinen, ganz wie beim Sportpark des TV Rottenburg.“ Der Vorstand prüft gerade die Machbarkeit. Aber die Motivation ist hoch, der Gewinn lockt“, sagt Schneider.

11.03.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 11.03.2010 - 08:42 Uhr
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