Tübinger bei der EM auf Platz 15 über 10 000 Meter
Im ersten Drittel des Rennens hatte Filmon Ghirmai alles im Griff – doch als der Tübinger attackierte, hatte er verloren. Auf der zweiten Hälfte wurde er bis auf Platz 15 durchgereicht, lief nach 10 000 Metern in 29:28.31 Minuten durchs Ziel der Europameisterschaft in Barcelon.
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hansjörg lösel
10 000-Meter-Läufer Filmon Ghirmai (Dritter von links): Im EM-Finale von Barcelona verpokerte sich der Tübinger gestern Abend und legte zu früh alle Trümpfe auf den Tisch. Am Ende blieb nur Platz 15.Bild: AFP
Barcelona/Tübingen. „Ich hatte es mir ganz anders vorgestellt“, gestand Filmon Ghirmai nach dem Zieleinlauf dem Fernseh-Publikum, „meine Taktik war nicht gut. Das Rennen war nicht schnell, dann habe ich mich entschieden, vorne mit zu laufen, was ich normalerweise nie mache – und das hat dann so viel Kraft gekostet, dass ich es hinten raus büßen musste.“ Während vorne der Brite Mo Farrah überlegen zu Gold lief, wurde Ghirmai hinten immer weiter durch gereicht, blieb in 29:28,31 Minuten weit hinter seiner Bestzeit zurück.
„Filmon lief exzellent bis Kilometer drei, aber dann hat er die eiserne Regel nicht befolgt und sich von seiner Strategie abbringen lassen“, sagte Ghirmais früherer Trainer Dieter Baumann, der im Olympiastadion von Barcelona 1992 seinen größten Triumph gefeiert hatte. Entscheidend sei bei diesen Meisterschaftsrennen, sich unter allen Umständen nicht zum Tempomachen verleiten zu lassen. „Das ist von außen natürlich immer einfach gesagt“, weiß Dieter Baumann aus eigener Erfahrung: „genau derselbe Fehler ist mir bei der WM in Paris passiert“.
Zu dritt waren die Deutschen ins Rennen gegangen, neben Ghirmai die Wattenscheider Christian Glatting und Jan Fitschen, der verletzungsgeplagte Titelverteidiger. Taktisch könne man in so einem Rennen zwar nicht viel ausrichten, dennoch mache Gemeinsamkeit stark, sagte Isabell Baumann, die ehemalige Bundestrainerin im Vorfeld: „Allein durch ihre Gegenwart bauen sich die drei gegenseitig auf – eine Taktik umzusetzen wie bei den Radlern wird dagegen schwierig“. Als Trainer habe man bei so einem Rennen kaum noch Möglichkeiten, einzugreifen, sagte die Lehrerin von der Tübinger Geschwister-Scholl-Schule: „Das lief alles im Vorfeld ab, man kann dann nicht viel mehr machen als sie top motiviert auf die Reise zu schicken“.
Top motiviert war Filmon Ghirmai gestern sicherlich, schließlich hat der 31-Jährige in seiner Karriere wahrscheinlich nicht mehr allzu viele Auftritte auf internationalem Parkett vor sich. Und vielleicht hat er sich deshalb auch dazu verleiten lassen, in dem zunächst verbummelten Rennen als Erster die Initiative zu ergreifen. Der Hindernis-Spezialist folgte nach etwas mehr als vier Kilometern einem Zwischensprint von Jan Fitschen, blieb dann selbst in der zehnköpfigen Spitzengruppe – und musste bei der nächsten Tempoverschärfung der Briten abreißen lassen. Die Wattenscheider Glatting und Fitschen rückten von hinten immer näher auf, am Ende musste Ghirmai sogar beide ziehen lassen. Bei 29:28,31 Minuten blieb die Uhr schließlich stehen – normalerweise kann der Tübinger eine deutlich bessere Zeit laufen. Aber ein Meisterschaftsrennen ist eben nicht mit normalen Rennen zu vergleichen.
Am Donnerstag beginnt auch für Arne Gabius von der LAV Asics Tübingen die Europameisterschaft: Der 29-Jährige muss sich im Halbfinale über 5000 Meter für den Endlauf qualifizieren. „Ich werde ihn impfen, dass er sich unbedingt an seine Strategie hält“, sagt sein Heim-Trainer Dieter Baumann – Gabius soll sich zunächst zurück halten und am Ende die Karten auf den Tisch legen. Das Finale der 15 Besten ist am Samstag Abend.
Der Tübinger Marius Broening, seit dieser Saison für die LG Stadtwerke München am Start, läuft am Samstag mit der deutschen 4x100-Meter-Staffel im Halbfinale. Der Endlauf ist am Sonntag Abend.
Genau derselbe Fehler ist mir bei der WM in Paris passiert