Tübinger Markus Weiß-Latzko bester Deutscher in Berlin
Während Patrick Makau am Sonntag den Marathon-Weltrekord verbesserte, hat ein Tübinger in Berlin die große Marathon-Bühne betreten: Markus Weiß-Latzko war bei seinem Debüt bester Deutscher.
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Vor dem Lauf mit Marathon-Legende Haile Gebrselassie, der aufgeben musste.
TAGBLATT: Herr Weiß-Latzko, wie waren die letzten dieser 42 195 Meter in Berlin?
Markus Weiß-Latzko: Wie ein kleiner Kindheitstraum, der wahr wird, ich hatte alles erreicht an diesem Tag. Es war ziemlich emotional, weil ich jahrelang stagniert hatte über 5000 Meter, da wollte ich einfach noch mal was Neues probieren. Ich hatte monatelang nur auf diesen einen Tag hintrainiert, alles andere geopfert. Am Brandenburger Tor habe ich erst gemerkt, dass es wirklich reichen kann, bester Deutscher zu werden und dadurch waren die letzten 400 Meter echt heftig. Ich bin alles gelaufen, was nur irgendwie ging, drei Sekunden war ich dann vor dem zweiten Deutschen.
Und wie waren die ersten Meter?
Sehr konzentriert, aber auch sehr aufgeregt. Wir sind zu schnell los den ersten Kilometer. Ich dachte, auauau, das ist nicht klug. Dann war es sehr unruhig die ersten zehn Kilometer. Wir hatten auch einen Sturz in der Gruppe. Ich war froh, als sich das Feld etwas gestreckt hat.
Waren Sie in der Gruppe des späteren Weltrekordlers?
Nach einem Kilometer hatte ich schon 10,15 Sekunden Rückstand auf diese Gruppe. Da kann ich vielleicht zehn Kilometer mitlaufen, dann bin ich fertig. Ich habe mich an meinen Tempomacher gehalten, Matti Markowski aus Berlin.
Dass es am Anfang zu schnell war, lag also nicht an ihm?
Es ist schwierig, einen Ausgleich zu finden zwischen dem Sich-Mitreißen-Lassen von den Zuschauern und nicht zu übertreiben. Der erste Kilometer war zu schnell, 3:10 Minuten. Es ist unklug im Marathon am Anfang einen Puffer herauslaufen zu wollen. Aber das Tempo hat sich angefühlt, als würde ich sonntag morgens joggen, ich hatte so einen Adrenalin-Schub, echt krass.
Ihre Halbmarathon-Durchgangszeit war 1:09 Stunden, im Plan?
Das war exakt so geplant. Aber ich hatte muskuläre Probleme im linken Bein, ich war beinahe gestürzt und hatte mir etwas verzogen am linken Oberschenkel. Dann steht man da, es sind noch gut 20 Kilometer, und das Bein tut weh.
War diese Situation der emotionale Tiefpunkt im Rennen?
Der zweite kam dann noch bei Kilometer 32, 34. Da ist das Ziel immer noch recht weit weg, die muskulären Probleme waren aber akut und man denkt einfach nur: irgendwie ankommen, egal ob eine Minute langsamer oder schneller – denn ich hatte eigentlich schon ziemlich große Schmerzen.
Wie schafft man es, diese Schmerzen auszublenden?
Ich habe mir versucht zu sagen, wie weit ich jetzt schon gekommen bin. Ich habe mir vorgestellt, dass ich wieder auf meiner Trainingsrunde bin und locker laufe. Denn verkrampftes Rennen bringt einen nicht wirklich weiter.
Wie haben Sie die Verpflegung organisiert?
Ich hatte alles bis ins letzte Detail im Training getestet, weil das einfach extrem wichtig ist. Wenn man Magenprobleme bekommt oder dehydriert, ist es zu Ende. Ich konnte an den Verpflegungsstationen immer eine Flasche deponieren, hatte die mit einem Fähnchen gekennzeichnet und wusste schon, an Tisch Nummer 5 steht meine Flasche. Ich habe ungefähr 2,5 Liter getrunken.
Was haben Sie gegessen?
Gar nichts, weil man viel zu fertig ist, um noch richtig zu kauen. Der Magen nimmt flüssigen und kurzkettigen Zucker wesentlich schneller auf, das habe ich ins Getränk gemischt. Ich habe auch versucht, immer wieder meine Arme und den Kopf nass zu halten.
Als Sie im Ziel waren in 2:19,03 Stunden, übrigens die schnellste Zeit, die je ein Tübinger lief, was kam da auf sie zu?
Es war völlig unwirklich. Der Renndirektor hat mir gratuliert, aber ich war so unter Strom, ich hab ihn gar nicht richtig wahrgenommen. Dann hatte ich 30 Sekunden später schon irgendein Mikro im Gesicht und musste reden. Es war völlig surreal, einfach abgefahren. Zunächst sind wir ins Hotel, ein Kilometer zu Fuß, da haben wir ewig lange gebraucht, weil alles weh getan hat. Dann war Duschen angesagt, ich hab mir auch ein Eisbad gemacht. Beim Mittagessen haben aber alle gehinkt, auch der Weltrekordler. Mittags haben wir uns einfach ausgeruht, gemütlich einen Kaffee getrunken und auch ein Bier. Und abends war noch 'ne relativ große Party im Hotel.
Sie sind jetzt beinahe aus dem Nichts in die deutsche Marathon-Spitze vorgestoßen – wann kam die Entscheidung, auf diese Distanz zu wechseln?
Im Frühjahr 2010 bin ich relativ schlecht gelaufen bei der deutschen Crossmeisterschaft, aber ich hatte gut trainiert. Dann hat mein Trainer gesagt, lauf mal mit bei der deutschen Halbmarathonmeisterschaft, du kannst das. Ich war völig überrascht, weil ich eigentlich 5000 Meter als Hauptstrecke laufen wollte. Aber es hat gleich geklappt in dem Rennen. Dann haben wir ein paar Testläufe gemacht, ich hab es mal 30, 32 Kilometer richtig hopfen lassen. Ich hab gesehen, wow, das geht echt gut und ich erhol mich auch gut. Dann habe ich beschlossen, in Frankfurt 2010 zu laufen.
Das war ihr erster Marathon?
Wäre er gewesen. Aber vier Wochen vorher lief mir ein Kind ins Fahrrad, das Pedal schlug mir auf die Achillessehne, das hat meine Saison beendet. Dann kam dieses Frühjahr der Examensstress, da hatte ich meinen Kopf ganz woanders. Als ich im März mein Examen hatte, bin ich am selben Tag noch rausgegangen laufen, hab gemerkt, da ist noch was da – und hab meinen Trainer angerufen: „Wir peilen Berlin an“.
Sie hatten also ein halbes Jahr Vorbereitung, welche Umfänge läuft man da?
Ich bin relativ robust, kann viel laufen – in der ersten richtigen Trainingswoche 160 Kilometer, obwohl ich davor lange Pause hatte. Bis Mitte Juli haben wir versucht, schnell zu werden auf den unteren Distanzen, dann haben wir die Ausdauer verbessert. Im Durchschnitt waren es dann 190 Kilometer in der Woche.
Was sind Ihre Lieblings-Strecken?
Ich trainiere sehr gerne am Spitzberg, das ist relativ profiliert und einfach wahnsinnig schön dort. Da mache ich meistens meine lockeren Läufe, oder auch ins Kirnbachtal. Tempoläufe mache ich am Neckar, da gibt es eine Vier-Kilometer-Runde. Das ist bretteben, da kann man richtig Druck machen.
Wann haben Sie gemerkt, dass die Form da ist?
Ich bin ja eigentlich sensationell gute Wettkämpfe gar nicht gelaufen dieses Jahr. Im August war ich drei Wochen im Trainingslager in St. Moritz mit Filmon Ghirmai, hab dort auch viel trainiert mit den anderen deutschen Marathonis und gemerkt, dass ich mithalten kann. Als ich zurück kam aus der Höhe, hab ich gemerkt, ich bin wahnsinnig fit.
Hat sich eigentlich schon der Bundestrainer Ronals Weigel bei Ihnen gemeldet?
Im Ziel hat er mir gratuliert. Ich glaube, er war auch überrascht, dass da jetzt dieser Weiß-Latzko kommt und bester Deutscher ist. Er hat aber auch gesagt, es darf nicht das Ziel sein, mit 2:19 bester Deutscher zu sein, weil man damit international nie etwas gewinnen kann.
Was heißt das für Ihre Ziele?
Jetzt will ich mich erst mal erholen, dann einen Frühjahrsmarathon bestreiten. In Berlin hatte ich im letzten Kilometer noch Kraft, deshalb denke ich, dass ich noch schneller laufen kann. Es wird schwer, sich für Olympia 2012 in London zu qualifizieren, da ist die Norm extrem. Mittelfristig ist die WM 2013 in Moskau realistisch, da ist die Norm 2:18 Stunden. Ich habe drei Versuche, mich zu quailfizieren – ich denke, das schaffe ich, wenn ich gesund bleibe.
Laufen Sie dieses Jahr noch einen Marathon?
Nein, das ist sowohl nervlich als auch von der Lebensführung her ein Riesen-Aufwand, weil man einfach alles unterordnen muss. Man ist hinterher auch körperlich fix und fertig, ich konnte keine Treppe runter, ohne mich am Geländer festzuhalten.
Was ist der Anreiz, all dies in Kauf zu nehmen – das Finanzielle kann es ja nicht sein...
Bei mir ist es der Spaß am Sport, ich habe viele Freundschaften geschlossen und man kommt in der Welt rum. Ich möchte einfach wissen, wie weit ich komme. Ich will das Beste aus meinem Leben machen und mir nicht später mit 40, mit 60 sagen müssen: Mensch, was hättest du damals erreichen können. Fragen: Hansjörg Lösel
Markus Weiß-Latzko: Ein Spätberufener
Der 27-Jährige begann in seinem Heimatort Waiblingen-Bittenfeld zunächst mit Handball und Fußball, betrieb dann parallel Leichtathletik und Taekwondo. Mit 16 konzentrierte er sich auf die Mittelstrecke. Trainierte drei Jahre bei der LAV Tübingen unter Dieter Baumann, wechselte 2009 zurück zur LG Neckar-Enz und seinem alten Trainer Reiner Müller. Persönliche Bestzeiten: 5000 Meter 14:24 Minuten, 10 000 Meter 30:10 Minuten, Halbmarathon 1:06,13 Stunden, Marathon 2:19,03 Stunden. Seit 2006 Jura-Student in Tübingen, machte im Frühjahr das erste Staatsexamen. „Ich fühle mich als Tübinger“, sagt Weiß-Latzko, der in der Weststadt wohnt.