Er ist der schnellste Mensch der Republik: Für Tobias Unger (32) ist Olympia 2012 das große sportliche Ziel – vorher möchte er allerdings noch sein Studium an der Uni Tübingen beenden. Doch das Lernen fällt ihm nicht immer leicht.
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Vincent Meissner
Zwischen Stadion und Hörsaal: Tobias Unger bei der Europameisterschaft 2010 in Barcelona, wo er mit der 4x100-Meter-Staffel Bronze geholt hat (links) – und im Tübinger Sportinstitut beim Lernen für die Klausur in Sportpädagogik.Bilder: Ulmer/Sommer
Tübingen. Noch eine Stunde, dann muss der Stoff drin sein. Äußerlich sieht man Tobias Unger zwar nichts an, doch ein wenig nervös ist er schon. „Ich bring’ alles durcheinander“, sagt er vor der Klausur in Sportpädagogik. Unger ist der wohl prominenteste Sportler, der an der Tübinger Uni studiert. Nach einer Lehre zum Bankkaufmann begann er erst ein Studium in Sportmanagement. Die betriebswirtschaftlichen Vorlesungen waren allerdings nicht so seine Sache. Also wechselte er zu Gesundheitsförderung.
Doch Studium und Spitzensport sind nicht immer einfach miteinander zu verbinden. Vier Stunden Training jeden Tag, dazu die Pendelei zwischen Kirchheim/Teck, wo Unger wohnt, und dem Institut für Sportwissenschaft (IfS) in Tübingen. Viel Zeit zum Lernen bleibt da häufig nicht. Hinzu kommen Trainingslager und Wettkämpfe. „Das ist schon schwieriger als es ohne den Sport wäre“, sagt Unger, der mittlerweile im neunten Fachsemester ist. Zwei Jahre setzte er komplett aus an der Uni, um sich voll aufs Sprinten zu konzentrieren. Damit er jetzt überhaupt alle Skripte zusammenbekommt, ist er auf die Mithilfe der Kommilitonen angewiesen. Denn in der Sportpädagogik-Vorlesung, über deren Inhalt er gleich eine Klausur schreiben soll, war er nicht ein einziges Mal. Und wenn alles nichts hilft, scherzt Unger, sei ein guter Nebensitzer auch nicht schlecht.
Dass Unger hin und wieder gerne feiert, ist kein Geheimnis. In Tübingen war er während des Studiums auch ein paar Mal entsprechend unterwegs. In Erinnerung geblieben ist ihm die Erstsemester-Party im Sportinstitut – die letzte dieser Art. „Aber das hängt nicht damit zusammen, dass ich auch da war.“
Im Februar möchte Unger sein Studium beendet haben – und ist dann auch froh, wenn er’s hinter sich hat. „Lernen ist nicht so meins“, sagt er. Dennoch gefällt es ihm am IfS. „Gerade hier am Sportinstitut geht es sehr familiär zu.“ Zu den meisten Kommilitonen hat er ein entspanntes Verhältnis: „Man wird auch nicht immer nur nach dem Sport gefragt.“ Von Zeit zu Zeit kommen jedoch auch mal Studien-Kollegen und bitten um eine Autogramm-Karte. Abgesehen von flexiblen Terminen bringt ihm sein Promi-Status an der Uni allerdings keine Vorteile: „Der hat mir bei einer Prüfung noch nicht geholfen.“ Geschenkt bekomme er jedenfalls nichts. „Hier zählt nicht, wie schnell ich bin, sondern was ich im Kopf habe.“
Sportlich geht es für Unger Anfang Dezember für zwei Wochen nach Teneriffa. „Das tut gut, einfach mal einen Tapetenwechsel zu haben.“ Doch auch auf den Kanaren lässt ihn die Uni nicht ganz los: Einen Praktikumsbericht muss er noch schreiben, und dann will er mit seiner Bachelor-Arbeit beginnen. Das Thema: Wirkmechanismen von Nahrungs-Ergänzungsmitteln im Spitzensport. Er selbst kann nicht als Testperson fungieren, denn: „Ich nehm’ gar nicht viel – nur Eiweißpulver.“
Im Sommer steht dann die Europameisterschaft in Helsinki an. Unger startet über 200 Meter und mit der 4x100-Meter-Staffel. Und anschließend Olympia in London? „Das ist das große Ziel – das überragt alles.“ Bis dahin soll dann auf jeden Fall das Studium beendet sein: „Deshalb will ich fertig machen, dass ich mich ganz auf den Sport konzentrieren kann.“
Wie es nach dem Studium für Unger weitergeht, ist noch unklar. Sein Vertrag bei der LG München läuft im Sommer aus. „Ich lass’ das auf mich zukommen.“ Eine Option wäre der Master in Gesundheitsförderung an der Uni Tübingen. „Das könnte man ins Auge fassen. Richtig Bock drauf hab’ ich aber nicht.“
Die Sprinter-Karriere von Tobias Unger in Kürze
Größte Erfolge: Hallen-Europameister 2005, Dritter Hallen-WM 2004, Siebter Olympia 2004 (jeweils über 200 Meter), Dritter EM 2010 (4x100-Meter-Staffel). Deutscher Meister (200 Meter): 2003 bis 2005. 100 Meter: 2005, 2008, 2009, 2011. Bestzeiten: 100 Meter: 10,14 Sekunden (Bestzeit aller aktiven deutschen Sprinter), 200 Meter: 20,20 (deutscher Rekord).