Gregor Traber reist als Titelanwärter nach Tallinn
Gregor Traber, Tübingens wohl größtes Leichtathletik-Talent, steht vor einer Bewährungsprobe, dem Saison-Highlight. Nach Bestleistungen in Serie fährt der Schützling von Trainer Dorinel Andreescu am Montag höchst optimistisch nach Tallinn zur U 20-Europameisterschaft. Über 110 Meter Hürden zählt er zu den Titelanwärtern.
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bernhard schmidt
LAV-Hürdensprinter Gregor Traber über den Dächern der Stadt, die ihm längst heimisch geworden ist. Am kommenden Montag hebt er nach einer bis dahin traumhaft verlaufenen Saison ab zu neuen Höhenflügen. Bild: Metz
Tübingen. Gregor Trabers Selbstbewusstsein ist fast greifbar. „Ich habe ein gutes Gefühl, ich freue mich auf die Rennen“, sagt der Sonnyboy der LAV Asics Tübingen. Die lange Reise, das Trainingslager im Vorfeld, später die Zuschauermassen im Stadion der Hauptstadt von Estland – das alles kann den erst 18-Jährigen gar nicht mehr beeindrucken. Traber hat schon viel erlebt, trägt nicht zum ersten Mal das Trikot mit dem schwarz-rot-goldenen Brustring. Aus Fehlern hat er gelernt. Zum großen Stadtbummel wird er erst aufbrechen, wenn er seine Läufe (Freitag Vor- und Zwischenlauf, Samstag Finale) hoffentlich erfolgreich absolviert hat. „Ich werde vor dem Wettkampf die Ruhe suchen und nur kurze Wege gehen.“
Trabers internationale Einsätze der vergangenen beiden Jahre standen allerdings nicht unter einem guten Stern: Bei der U 18-EM 2009 in Brixen wurde er fälschlicherweise eines Fehlstarts bezichtigt, musste nach erfolgreichem Protest alleine laufen und wurde trotzdem noch Fünfter. 2010 im kanadischen Moncton hatte er sich am Tag vor dem Wettkampf im Training verletzt und schied im Halbfinale aus.
Dem Ziel Tallinn alles andere untergeordnet Für Traber sind die Auslandsreisen eine Entschädigung für die täglichen Trainingsstrapazen. Der gebürtige Friedrichshafener, der vor knapp zwei Jahren in Tübingen bei Olympiasieger Dieter Baumann Quartier bezogen hat, nutzt auf seinen Touren um die Welt die Gelegenheit, neue Leute und fremde Kulturen kennenzulernen. „Der Sport ermöglicht mir den Blick über den Tellerrand“, sagt die größte Hoffnung im LAV-Talentschuppen.
Traber hat dabei schon viele Menschen kennengelernt. Mit seinen Konkurrenten, dazu zählen längst auch sportliche Vorbilder wie der chinesische Olympiasieger Liu Xiang oder der US-Amerikaner David Oliver, hat er auch schon einige Worte gewechselt. Nach dem Rennen beim internationalen Meeting in Karlsruhe hat ihm Xiang seine Startnummer geschenkt.
Der Junioren-Europameisterschaft in Tallinn haben Traber und sein Trainer Andreescu alles untergeordnet. Die Teilnahme an der Aktiven-WM in Daegoo Ende August, für den amtierenden deutschen Hallenmeister durchaus in Reichweite, war kein Thema. Nach Tallinn will Traber kürzertreten, für den Schüler des Uhland-Gymnasiums hat dann das bevorstehende Abitur Priorität.
Sportlich hat Traber aber längst die Olympischen Spiele 2012 im erweiterten Blickfeld. „In London dabei zu sein, ist realistisch“, sagt Traber selbstbewusst, „ich habe noch genug Zeit, mich zu verbessern.“
Was nicht einmal nötig wäre: In Biberach ist Traber über die 7,7 Zentimeter höheren Männerhürden mit 13,55 Sekunden eine neue Jahresbestzeit gelaufen, nicht viel höher wird der DLV die Norm-Hürde für London legen. Auch bei der Deutschen Meisterschaft am nächsten Wochenende in Kassel hätte der Hallentitelträger beste Chancen. Doch die DM überschneidet sich zeitlich mit der Junioren-EM in Tallinn – die Folge einer Terminverlegung wegen der Frauen-Fußballweltmeisterschaft.
In Tallinn zählt Traber bei aller Bescheidenheit zu den Titelanwärtern: 13,31 Sekunden war er bei den baden-württembergischen Jugendmeisterschaften in Oberkirch über 110 Meter Hürden gelaufen, hatte einen deutschen Jugendrekord aufgestellt, war damit eine neue Weltjahresbestleistung in seiner Altersklasse gelaufen. Den Titel am ehesten streitig machen werden ihm voraussichtlich die beiden Briten Andrew Pozzi (Bestzeit 13,29) und Jack Meredith (13,32). Im technisch so komplexen Hürdenlauf, weiß Traber, kann viel passieren. Doch er bleibt cool: „Ich habe meine Arbeit getan und ich bin gut drauf. Ein Restrisiko gibt es aber immer.“
Von Montag an von der Schule freigestellt zu werden, war für den guten Schüler kein Problem: „Eigentlich will ich keine Sonderbehandlung. Aber wenn nötig, bekomme ich vom Uhland-Gymnasium eine Top-Unterstützung.“
Auch vom Verein und vor allem von Trainer Andreescu („wir haben ein vertrauensvolles, freundschaftliches und trotzdem professionelles Verhältnis“) sieht sich Traber bestens begleitet und gefördert. So hat der in den vergangenen Monaten verstärkt ins Rampenlicht gerückte Hürdensprinter auch keinen Grund, sich um einen Vereinswechsel Gedanken zu machen.
Eines ist klar: Den Durchbruch zur Weltspitze, kurz- oder mittelfristig, will sich Traber auf keinen Fall mit unerlaubten Mitteln erschleichen. „Daran verschwende ich keinen einzigen Gedanken“, sagt Traber. „An meiner Technik ist noch einiges zu verbessern, da bleibt auch so noch genug Luft nach oben.“