Um das Kabarett des Dieter Baumann zu begreifen, muss man eine Geschichte kennen. Vor ein paar Wochen saß Baumann in einem Regionalzug Richtung Stuttgart.
Anzeige
Dieter Baumann als Kabarettist: Das Wort „Zahnpasta“ aus seinem Munde reicht, schon gluckst das Publikum. Archivbild: Rippmann
Ein älterer Mann und sein Enkel setzten sich neben Baumann. Der Mann wusste sofort, dass er neben einem Prominenten saß. Immer wieder drehte er sich um, schaute seinen Nachbar wortlos an, bis er allen Mut zusammenkratze: „Sie sind doch der Läufer Dieter...“, „Baumann“, assistierte der Olympiasieger. „Baumann!“ Der Mann strahlte übers ganze Gesicht. Zufrieden wandte er sich seinem Enkel zu: „Junge, jetzt kannst du erzählen, dass du mit dem Dieter Bachmann Zug gefahren bist!“
Ob Bachmann oder Baumann. Wenn der Olympiasieger von 1992 in die Öffentlichkeit tritt, ist es immer wieder dasselbe: Die Leute schauen, gucken weg, schauen wieder. Die Gleichung geht natürlich auch auf, wenn Baumann sich auf die Kabarett-Bühne wagt. Das Publikum vorige Woche in Melchingen lauscht gebannt, staunt, lacht begeistert. Weil Baumann lange im Licht der Öffentlichkeit stand und jetzt jene Erlebnisse preisgibt, die er im Schatten der großen Stadien erlebt hat.
Es sind aber nicht nur die Geschichten aus dem Schatten, die das Publikum fesseln. Die Zuschauer mögen die Art und Weise, mit der Baumann seine Vergangenheit nachspielt, wie in einem Theaterstück, in dem er sämtliche Rollen selbst bekleidet. Baumann verkörpert den kenianischen Tankwart, der ihn bei einem Dauerlauf im kenianischen Bergdorf Niahuru („Das Melchingen Afrikas“) gehörig ins Schwitzen brachte.
Er stolziert als Läuferberater mit rauer Al-Pacino-Stimme durch den Saal, mimt seinen somalischen Laufkollegen, der ihn einst beim Bierkonsum auf einem skandinavischen Dampfer erwischte und dem jungen Deutschen einen Vortrag über Enthaltsamkeit hielt. Baumann erweckt einen kenianischen Markplatz zum Leben, wo er als übergewichtiger Funktionär eine Startlinie in den staubtrockenen Lehmboden zieht, auf dem 179 afrikanische Crossläufer und Baumann auf das Startsignal warten.
Natürlich übernimmt er auch die Rolle jenes kenianischen Militärkochs, der Baumann beim Festessen nach dem Lauf offenbarte, er habe den Crosslauf nur auf Platz 79 abgeschlossen – Baumann wurde 84.
Die Begleitmelodien zu seinem Kabarett hat Baumann natürlich selbst komponiert, wie das trockene, gerollte „r“ des kenianischen Akzents („Hello my frrrend“), die Reporterstimme während seines Goldlaufs 1992 in Barcelona oder den Ruf des kenianischen Baumfrosches („Den kriege ich noch nicht so ganz hin“).
Bis auf den Baumfrosch kriegt Baumann auf der Bühne eigentlich alles hin. Nur wenn er die befestigten Laufwege verlässt und sich auf die Comedy-Pfade wagt, stolpert der 44-Jährige hier und da. Er lässt das Publikum wissen, dass BMI (Body-Mass-Index) keine Automarke sei, betont, dass er sexuell tatsächlich enthaltsam lebe („Ich bin jetzt 17 Jahre verheiratet“) und hat nur wenig lobende Worte für seine Ausdauerkollegen übrig („Radfahren, das war doch das mit dem Doping?!“).
Seine eigene Dopingvergangenheit, die Zahnpasta-Affäre, bewältigt Baumann souveräner. Das Publikum fängt schon beim Wort Zahnpasta zu glucksen an, und als er nach dem Mitmach-Aufwärmprogramm einer erschöpften Zuschauerin eine Zahnpastatube überreicht („Glaub mir, die Wirkung isch kolossal“), ist das Gelächter groß. Zur Zahnpasta-Affäre hat Baumann natürlich auch noch eine Geschichte auf Lager. Das Publikum lauscht, staunt – und dann lacht es begeistert.