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Ware und Erlebnis

Interview mit „Szene E“-Mitgliedern

Seit 2005 gibt es die „Szene E“, den Ultra-Fußballfanklub des SSV Reutlingen. Im TAGBLATT-Interview sprechen die drei Mitglieder Fabian Maier, Severin Kittel und Thomas Riehle über das umstrittene Sicherheitskonzept, Pyrotechnik und das Gefahrpotenzial in den Stadien.

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Das Interview führte Tobias Zug

Tagblatt: Herr Maier, Sie sagen, es werde ein schräges Bild vom Fußball gemalt. Dagegen werden Bilder von Fans gezeigt, die Pyros anbrennen, den Platz stürmen wie beim Relegationsspiel in Düsseldorf. Ihrer Ansicht nach Einzelfälle, die zu groß aufgehängt werden?

„Fankultur wird beschnitten“: die „Szene E“-Ultras Fabian Maier, Severin Kittel und Thomas Riehle ... „Fankultur wird beschnitten“: die „Szene E“-Ultras Fabian Maier, Severin Kittel und Thomas Riehle (von links). Bild: tzu

Fabian Maier: Absolut! Natürlich passiert beim Fußball was. Aber das kann in anderen Situationen auch passieren: Wenn ich abends in der Disko ein Mädchen angrabe, bei der ihr Freund daneben steht, kann ich genauso eine kassieren! Wenn im Fußball 60.000 Leute im Stadion sind, wird’s da immer mal wieder zu einem Vorfall kommen.

Die aber erhöhte Sicherheitsmaßnahmen nicht rechtfertigen?

Um nochmal das Beispiel Düsseldorf zu nehmen: Dort sind die Leute Ende der vergangenen Saison – leider zu früh – beim Relegationsspiel aus Freude auf den Platz gerannt. Ob das gut war oder nicht, sei mal dahingestellt – aber da ist nichts passiert! Die Leute sind dann auch wieder gegangen, als sie ihren Irrtum bemerkt haben. Und das ist zu dem letzten Skandal geworden, der in Deutschland passiert ist.

Sie selbst gehen schon seit über einem Jahrzehnt zum Fußball, zum SSV. Sehen Sie seither eine Veränderung, was das Fanwesen beim Fußball betrifft?

Ja. Ein wichtiges Datum ist dabei die WM 2006 im eigenen Land. Da hat der Sicherheitsapparat erstmals so richtig massiv angezogen, auch die Berichterstattung ist seither mehr geworden. Fußball ist immer mehr eine Ware geworden, die zu vermarkten ist. Man versucht, ein anderes Publikum anzulocken. Fußball soll Event sein, in den VIP-Logen sollen die Geschäftsleute sitzen, die sich untereinander vernetzen, auf der Gegengerade und Tribüne die Familien, die dann dementsprechend auch einkaufen.

Im Sicherheitskonzept bekennt sich die DFL allerdings ausdrücklich, die Stehplätze für die Fans erhalten zu wollen.

Severin Kittel: Ich finde es halt traurig, dass die das so verkaufen, als ob Stehplätze ein Privileg seien. Aber die sind kein Privileg…

Thomas Riehle: …die sind ein Kulturgut!

Immer wieder diskutiert wird das Abbrennen von Pyro im Stadion, das DFB und DFL rigoros verbieten wollen. Wie stehen Sie dazu?

Fabian Maier: Pyro gehört zur Fankultur dazu! Nur ist für mich Pyro auch keine Erklärung für all diese Maßnahmen. Da kommt man zu einer Diskussion, die vor zehn Jahren angefangen hat, die vor zwei Jahren dann in den Medien war: Da haben dann irgendwelche Leute über die Köpfe hinweg entschieden, geht nicht, Feierabend, Aus – ist gefährlich! Mittlerweile glauben es sogar auch viele Stadionbesucher, dass Pyrotechnik gefährlich ist.

Ist es nicht?

Es gibt keine Nachweise, keine Statistiken, wie viele Leute durch Pyrotechnik verletzt wurden. Aber nochmal: Du kannst doch nicht allein wegen Pyrotechnik all diese Maßnahmen begründen!

Welche Maßnahmen und Punkte kritisieren Sie konkret an dem vorgelegten Konzept?

Das grundlegende Problem, was ich daran sehe, ist, dass versucht wird, eine Fankultur zu beschneiden und sie so maßgerecht zu reglementieren, dass die dann irgendwann so konform ist, wie es den Verbänden passt. Damit beschneidet man aber jegliche Kreativität, jegliche Emotionen, also all die positiven Sachen, die von den Vereinen und Verbänden so gerne gesehen werden.

Wenn das Konzept so, wie es vorgelegt wird, morgen verabschiedet und umgesetzt wird: Würdet Ihr weiter wie bisher zu den Fußballspielen gehen?

Thomas Riehle: Schwierig…

Fabian Maier: Wenn ich mir vorstelle, die Hälfte meiner Jungs darf nicht mehr ins Stadion – warum auch immer, weil sie einmal zu oft ,Arschloch‘ geschrien haben. Ich darf in meinem Block nicht mehr stehen, darf nicht mehr die Fahne schwenken, die ich möchte. Ich darf nicht mehr das Transparent mit meiner Meinung schreiben. Ich muss mich vorher mit dem Personalausweis anmelden, dass ich eine Karte bekomme – dann ist es nicht mehr der Fußball, den ich lieben gelernt habe! Denn ich denke, ganz großen Anteil am Erlebnis Fußball hat nicht nur das Spiel, sondern auch das Spektakel auf den Rängen. Die einzelnen Leute, die man da trifft – auch welche, von denen man denkt: Abends weggehen möchte ich jetzt auch nicht mit dem! Aber der gehört auch dazu, der fährt seit 30 Jahren mit. Den würde ich jetzt nicht daheim meiner Schwiegermutter vorstellen, aber hier ist er ein Original. Und der darf dann mit Sicherheit auch nicht mehr ins Stadion.

11.12.2012 - 06:30 Uhr | geändert: 11.12.2012 - 14:03 Uhr

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