Die 18-jährige Seda Çelik aus Altingen ist Schiedsrichterin
Seit Oktober 2011 ist Seda Çelik (18) aus Altingen die zweite Frau der Schiedsrichtergruppe Tübingen. Die türkisch-stämmige Abiturientin spricht im TAGBLATT-Interview über Killerblicke, Kulturunterschiede und den Männersport Fußball.
Anzeige
Selbstbewusst an der Linie und auf dem Platz: Seda Çelik ist eine von zwei Schiedsrichterinnen der Gruppe Tübingen. Nächsten Dienstag hat sie beim Test FC Rottenburg gegen TB Kirchentellinsfurt in Rottenburg ihren nächsten Einsatz.Bild: Ulmer
TAGBLATT: Frau Celik, wie schwer hat man es als junge Frau inmitten einer Horde kickender Männer?
Seda Çelik: Es kommt ganz drauf an, wie man sich präsentiert. Vor dem Spiel versuche ich, offen und sympathisch zu sein. Während dem Spiel ist dann alles ganz anders. Sobald ich das Feld betrete, habe ich den Killerblick.
Haben Sie das Gefühl, wirklich ernst genommen zu werden?
Mittlerweile ja, definitiv. Ich erinnere mich aber auch noch an mein erstes Spiel. Da war ich froh, dass ich nicht vorzeitig heulend in der Kabine verschwunden bin.
Was ja noch gar nicht so lange her ist. Erst im Oktober vergangenen Jahres haben Sie Ihre Schiedsrichterprüfung mit Höchstpunktzahl abgelegt. Jetzt sind Sie bereits in der Landesliga im Einsatz. Staunen Sie da nicht selbst manchmal?
Ein bisschen schon. Wenn ich das männlichen Kollegen erzähle, die seit Jahren dabei sind, halten die mich für verrückt. Ich merke aber selber, welche Fortschritte ich mache. Der Blickwinkel hat sich verändert. Ich schaue Fußballspiele nun mit anderen Augen an, achte immer auf die Schiedsrichter und deren Entscheidungen.
Wann war für Sie klar, dass Sie Schiedsrichterin werden wollen?
Mein Vater war früher auch Schiedsrichter. Ich stand dann im Publikum. Das war schon komisch, aber es hat mich auch gereizt, dort auch mal auf dem Feld zu stehen wie er.
Wenn Sie so viel Fußball in Ihrer Kindheit gesehen haben: Hat es Sie nie gereizt, selbst Fußball zu spielen?
Doch, klar. Vor allem, da meine beiden Brüder beide Fußball spielen. Aber mein Vater hat mir das lange verboten. Er sagte immer, dass Fußball Männersport sei, nichts für mich. So habe ich zehn Jahre lang geturnt. Für eine Saison habe ich dann mit 16 in Unterjesingen gespielt, das ist zeitlich aber nicht mehr möglich.
Um auf Ihren Vater zurückzukommen – ist Fußball jetzt Männersport oder nicht? Sie müssen es ja wissen, schließlich pfeifen Sie ja sowohl Frauen- als auch Männerfußball.
Eigentlich ist Fußball ja schon ein Männersport. Viele Frauen sind zu zierlich für den Sport, was aber nicht heißt, dass ich etwas gegen Frauenfußball habe!
Was sind denn die Unterschiede zwischen Frauen und Männern im Fußball?
Die Frauen nehmen das Ganze oft nicht so ernst. Manchmal ist es wirklich süß, da zuzuschauen. Im Gegensatz dazu die Jungs: Bei Männern geht es immer um Leben und Tod.
Und oft um sehr viel Geld. Es heißt, Ihr Lieblingsklub Fenerbahce Istanbul habe sich in der Türkei seinen letzten Meistertitel im Zuge des Wettskandals erkauft…
…ach, da hat die UEFA doch mal wieder übertrieben! Fenerbahce ist völlig verdient Meister!
Ihre Familie stammt aus der Türkei, aufgewachsen sind Sie hier. Fühlen Sie sich mehr deutsch oder mehr türkisch?
Ich fühle mich schon mehr türkisch, auch wenn ich mich hier sehr wohlfühle und hier leben möchte. Aber in Deutschland lachen die Leute so wenig, jeder ruft beim kleinsten Ärger die Polizei. In der Türkei gefällt mir das Zeitgefühl, wir leben einfach entspannter.
Sie sagen selber, dass Sie in einer patriarchalen Familie aufgewachsen sind. Wie wichtig ist Ihnen Tradition?
Sehr wichtig! Ich lege sehr viel Wert darauf, zu wissen, woher man kommt – egal, wo man lebt. Die kulturellen Werte sind für eine Person sehr prägend und machen die Persönlichkeit aus.
Nachdem Sie die ersten Hürden so leicht übersprungen haben: Was wollen Sie als Schiedsrichterin erreichen?
Alle Türen stehen offen, die Bundesliga ist mein Ziel. Eine Sache liegt mir übrigens noch am Herzen…
…ich höre…
Wir brauchen mehr Schiedsrichterinnen im Fußball! Das ist eine riesige Lücke. Ich kann nur sagen, dass es unglaublich viel Spaß machen kann.
Fragen von Ibrahim Naber
Sprachtalent im Abistress – Seda Çelik in Kürze
Seda Çelik aus Altingen ist neben Sabine Förster die einzige Frau der Schiedsrichtergruppe Tübingen. „Ich bin immer bereit und habe nie Spiele abgelehnt“, sagt sie. Die 18-Jährige wohnt mit ihren Eltern und ihren beiden Brüdern in Altingen und besucht derzeit die Wilhelm-Schickard-Schule in Derendingen. Dieses Jahr macht Çelik, die seit fünf Jahren Schülersprecherin ist, ihr Abitur – und rechnet in Mathe mit „null Punkten“. Dafür kann die eloquente Schiedsrichterin fünf Sprachen: Deutsch, Türkisch, Englisch, Französisch, Spanisch. Am Montag wurde Çelik eingebürgert und hat nun den deutschen Pass.