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"Für so einen Quatsch waren die Mayas viel zu intelligent"

Wie in Mexiko mit dem drohenden Weltuntergang Geld gemacht wird

Hektik und Kassenklingeln vor dem Weltuntergang: Mexiko fiebert dem 21. Dezember entgegen, an dem einem Maya-Kalender zufolge das Ende bevorsteht. Experten halten wenig von solchen Endzeitvisionen.

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SANDRA WEISS

Mexico-Stadt Die Indigenas gehen ebensowenig von einem Weltuntergang aus wie Archäologen. Was der Hysterie aber keinen Abbruch tut und die regionale Tourismusbehörde freut. Die rührt schon kräftig die Werbetrommel und plant in den kommenden Tagen dutzende von Events im ehemaligen Siedlungsgebiet der Mayas.

Die Kassen klingeln auch in Regionen, die gar nichts mit den Mayas zu tun haben. Etwa in der tausende Kilometer entfernten Hauptstadt Mexiko-Stadt, der einstigen Hochburg der Azteken. Dort freut sich der mexikanische Chocolatier José Ramón Castillo über den Erfolg seiner Schokoladentrüffel "Weltuntergang". Zu zwei Dollar das Stück sind die mit Mango, Chili oder Mezcal-Schnaps gefüllten Leckereien recht teuer, gehen aber trotzdem weg wie warme Semmeln. "Marketing ist eben alles", sagt der versierte Konfitier. Immerhin war Kakao bei den Mayas ein begehrtes Zahlungsmittel.

Schuld an der Hysterie haben drei Steinbrocken mit formschön geschwungenen Hieroglyphen aus Tortuguero im Südwesten Mexikos. Als sie zerbrochen und schmutzig vor einem Jahrhundert auf einem Hügel im feuchtheißen Tiefland entdeckt wurden, wusste allerdings noch niemand so recht etwas mit ihnen anzufangen. Zwei Teile landeten auf verschlungenen Wegen in den USA, eines ist heute in einem New Yorker Museum zu bewundern, das dritte steht im Archäologischen Museum von Villahermosa nahe des Fundortes.

Doch als es den Forschern in den 80er Jahren gelang, die Maya-Schriftzeichen zu entschlüsseln, wurde das Monument Nr. 6 zum Fanal: Auf ihm hatten die Mayas schon vor 5000 Jahren einen Kalender eingemeißelt, der genauer ist als der in unseren Breiten übliche gregorianische Kalender, und der das Ende einer Epoche bestimmt. Auf den Tag genau zur Wintersonnwende am 21. Dezember 2012.

Deshalb glauben hunderttausende, das letzte Jahr der Menschheit sei angebrochen, und zum Stichtag sind seit Monaten die Hotels rund um Tortuguero ausgebucht: von überzeugten Endzeitouristen, die dem Weltuntergang am Ort seiner Entstehung ins Auge schauen wollen. Wie der genau ablaufen soll, lässt die Stele allerdings im Dunkeln. Von einem Meteoriteneinschlag über weltweite Stromausfälle durch Sonnengewitter bis hin zum Börsenkrach und dem Zusammenbruch des kapitalistischen Wirtschaftssystems reichen die Interpretationen.

Archäologen halten nicht viel davon. "Wir haben keine Ahnung, ob und was die Maya von der Zeitenwende erwarteten", so der Bonner Mayaexperte Nikolai Grube. Der Schriftsteller Frank Waters hat das angebliche Ende des Zeitalters der 5. Sonne auf Dezember 2012 datiert. Die Sonnenzeitalter seien allerdings ein Konzept der Azteken, nicht der Mayas. Deren Kalender sei zyklisch, und selbst wenn zum betroffen Datum ein Zyklus ende, beginne am darauffolgenden Tag ein neuer, sagt Erik Velásquez, Historiker der Autonomen Universität von Mexiko-Stadt.

Der Schriftstellerin Laura Castellanos zufolge geht der Mythos auf den kürzlich verstorbenen US-mexikanischen Guru José Argüelles zurück. Er habe in seinem Buch "El factor maya" 1987 erstmals dieses Datum erwähnt. Seine Vorhersage, dass im Dezember 2012 Kapitalismus und Materialismus enden werden, fand nicht nur bei den in den 80er Jahren aufblühenden esoterischen Bewegungen Anklang, sondern auch bei ökologischen Fundamentalisten, die darin ihre Version von der Klimakatastrophe bestätigt sahen. Ein Mischmasch, der seinen Höhepunkt im Film "Die sieben Maya-Prophezeiungen" des Kolumbianers Fernando Malkún hatte, der weltweit von mehr als 300 Millionen Menschen gesehen wurde.

"Weder gibt es diese sieben Vorhersagen, noch haben die Mayas den Klimawandel erahnt", so Castellanos. Vielmehr illustriert die Debatte den Zusammenprall zweier konträrer Konzepte von Zeit: die säkulare und lineare westliche Lebensvision und die zirkulare, mystische der Mayas.

Mit dem Triumph des Rationalismus sei im Westen eine spirituelle Leere eingekehrt, die nun mit allerlei Esoterischem gefüllt werde. Endzeitvisionen sind dabei nichts Neues: 1994 glaubten viele unter Berufung auf Nostradamus, ein Meteorit würde die Erde zerstören, 2000 rechnete man mit einem Kollaps der Informationstechnik oder einem Atomkrieg. Nichts davon ist eingetreten. Für die Nachfahren der Mayas ist der Weltuntergang ein von ihrer Lebenswelt weit entfernter, urbaner Mythos. "Für so einen Quatsch waren die Mayas viel zu intelligent", meint die russische Archäologin Galina Erschowa - die sich aber trotzdem freut, dass die Endzeitvisionen neues Interesse an ihren Forschungen geweckt haben.

18.12.2012 - 08:30 Uhr

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