[X]
 Diesen Artikel versenden   


   

Bildung umsonst für alle

Weitere Studentendemonstration nach Kundgebung

Von den insgesamt 70 000 Studierenden, die gestern bundesweit für bessere Bildung protestierten, waren in Tübingen bis zu 800 auf der Straße. Zweimal stoppten sie mit Sitzblockaden kurz den Feierabendverkehr.

Ulrike Pfeil

Tübingen. Die Theologiestudenten Christoph Karle und Florian Popp haben Kredite aufnehmen müssen, um ihre Studiengebühren zu finanzieren. Deshalb kamen sie gestern Nachmittag zur Protestkundgebung auf dem Geschwister-Scholl-Platz – wie knapp 500 Kommilitonen aus den verschiedensten Fakultäten. Mit den Aktionen des Bildungsstreiks, hoffen sie „ein Bewusstsein in der Bevölkerung zu schaffen, dass mit der Bildung zur Zeit viel schief läuft“.

„Bildungsbarrieren einreißen!“ Diese Parole trieb am gestrigen bundesweiten Protesttag in ... „Bildungsbarrieren einreißen!“ Diese Parole trieb am gestrigen bundesweiten Protesttag in Tübingen bis zu 800 Studierende auf die Straßen. Gegen 17 Uhr blockierten sie mit einem Sitzstreik die Kreuzung von Hegel- und Gmelinstraße. Nach einer Viertelstunde zogen sie weiter durch die Wilhelmstraße in die Altstadt. Bild: Metz

Einiges wurde in der Kundgebung gleich aufgezählt: „Endlich mehr Geld für Bildung“, Ausbau von Studienplätzen, Abschaffung der Studiengebühren und „elternunabhängiges, nicht rückzahlungspflichtiges Bafög“ forderte Student Fabian Everding unter Applaus. Dann die Abkehr vom Bachelor-Abschluss, die (Wieder-)Einführung der verfassten Studentenschaft „mit politischem Mandat und Finanzautonomie“, mehr und bessere Dozenten. Für die Schüler, von denen nur wenige dem Demo-Aufruf gefolgt waren, kritisierte Rosa Ortmann vom Karl-von-Frisch-Gymnasium auf dem Höhnisch die höheren Schulen als „reine Lernfabriken“ mit hohem Konkurrenzdruck.

Tobias Kaphegyi übermittelte gewerkschaftliche Solidarität und ermutigte zu weiterem Ungehorsam. Allerdings seien die studentischen Forderungen nur „mit einem anderen Steuersystem“ realisierbar, weshalb man auch „über Ausformungen des Kapitalismus in Deutschland“ reden müsse.

Heftig ausgebuht wurde auf der Kundgebung die polizeiliche Räumung des besetzten Kupferbau-Hörsaals am vergangenen Donnerstag (wir berichteten); bejubelt die Aufzählung aller „besetzten Hochschulen“ von Hamburg bis Weingarten. Everding nannte die Protestbewegung einen „Flächenbrand“.

Angekündigt war danach ein Workshop zur „Geschichte des Bildungssystems in Baden-Württemberg“ im Kupferbau. Auf dem Weg dorthin ließen sich rund zweihundert Demonstranten spontan auf der Kreuzung von Hegel- und Gmelinstraße nieder. Sie führten neben Spruchbändern schwarz-gelb gestreifte „Bildungsschranken“ mit, die nun den Autofahrern vorgehalten wurden. Nach einer Viertelstunde zogen sie von selbst ab. Im Kupferbau fand sich kein freier Hörsaal. Stattdessen verstärkte sich der Zug durch Studenten, die aus Vorlesungen kamen, auf rund 800 Leute.

Etwas planlos, aber mit kräftigen Parolen („Bildung für alle – und zwar umsonst!“) suchte die Masse ein Ziel. Erst hieß es „Rektorat!“ Dort waren aber die Fenster schon dunkel. Auf der Wilhelmstraße folgte eine zweite kurze Sitzblockade, dann bewegte sich der Zug Richtung Altstadt. Einige Autofahrer bekundeten im Stau durch rhythmisches Hupen ihre Sympathie, andere schauten genervt. Kurz und friedlich verlief auch die abschließende „Besetzung“ des Rathauses durch eine kleine Vorhut, die dem Demonstrationszug aus dem Ratssaal entgegen winkte.

Eine Plattform für Diskussion

Inhaltlich diskutiert wird vor allem im Kupferbau-Foyer. Studierende haben – wie berichtet – in der Nacht zum Dienstag wieder den größten Hörsaal 25 besetzt; etwa drei Dutzend Leute übernachten dort. Tagsüber räumen sie den Hörsaal für Vorlesungen. Neben Prorektorin Stefanie Gropper fanden sich gestern Uni-Kanzler Andreas Rothfuß und Rolf Matthes vom Studentendezernat zu Gesprächen mit den Besetzern ein. Statt einer Räumungsandrohung wurde nun mit dem Rektorat nach einer Lösung gesucht, wo sich die Besetzer dauerhaft niederlassen und ihre Workshops halten könnten. Mit der Besetzung, sagte Volkswirtschaftsstudent Jan David Bakken, wolle man vor allem „eine Plattform schaffen, auf der informiert und diskutiert werden kann“.

Von Rektor Bernd Engler wünschen sich die Studierenden, dass er die Forderung nach einer verfassten Studierendenschaft offen gegenüber dem Wissenschaftsminister unterstützt. Am Samstag ist Protesttag in Stuttgart (Treffpunkt am Tübinger Hauptbahnhof um 12:40 Uhr, Demo um 14.30 Uhr).

Von den Lehrenden erfahren die Studenten unterschiedliche Resonanz. Während einzelne wie der Philosophieprofessor Manfred Frank oder Literaturprofessor Jürgen Wertheimer sich offen solidarisieren oder Dozenten schon mal „schönen Streik“ wünschen, begegne ihnen zum Teil auch eine „Ablehnungshaltung“, berichteten Studierende.

Mit ihren streikenden Kommilitonen in anderen Städten sind die Kupferbau-Besetzer über Internet, Twitter und Facebook vernetzt. Es wurden schon Skype-Gespräche mit Kollegen in Basel und in Tschechien geführt. Das wichtigste lokale Forum der „Bildungsstreikenden“ (von denen viele an Pflicht-Lehrveranstaltungen teilnehmen) ist das Plenum jeweils um 20 Uhr. Dazu, betonen die Studenten, seien alle willkommen, auch interessierte Bürger.

Im Rahmen ihres Vortrages beim Studium Generale solidarisierte sich Gesine Schwan mit den protestierenden Studierenden:

18.11.2009 - 08:30 Uhr | geändert: 18.11.2009 - 14:31 Uhr
Nachrichten aus ...
Regionalkarte, Klicken Sie die Ortschaft fuer Nachrichten aus dieser Region Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfhaeslach Ammerbuch T�bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Anzeige


Fußballvideo der Woche

Wir filmen, die Fans entscheiden, welches Spiel:

Jede Woche der Rückrunde schlagen wir drei Amateur-Partien aus der Region vor. Die Abstimmung läuft jeweils von Freitag, 6 Uhr, bis Dienstag, 14 Uhr. Welcher Kick soll als Video-Zusammenfassung auf www.tagblatt.de zu sehen sein?



Gedruckt

Am Montag im TAGBLATT

  • Schöne stille Plätzchen: Silcherbund Tübingen sang Madrigale und „Neue Liebeslieder“ von Brahms
  • Die Untote als Verführerin: Mimen des Uhland-Gymnasiums bekämpften Gräfin Dracula
  • Kultur: Kabarettist Werner Koczwara nahm die Anwälte auf die Schippe
Anzeige


Aktuelle Serviceseiten
  • Frühlingsfest bei ahg
  • Kommunion
  • Frühlingsmarkt und verkaufsoffener Sonntag Tübingen
  • Verkaufsoffener Sonntag in Reutlingen
  • Produktionserweiterung Speidel Bodelshausen
Single des Tages