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Kommentar Mössinger Generalstreik

Viele Fragen, eine Antwort

Purer Zufall, dass im Zentrum und an den Grenzen des Landkreises derzeit gleichermaßen über die Deutung deutscher NS-Vergangenheit debattiert wird. Hier der Tübinger Politologe Theodor Eschenburg und sein Handeln während der Nazi-Zeit. Dort der Mössinger Dörfler-Aufstand gegen Hitler im Jahr 1933. Hier steht eine gemeinhin als vorbildlich gerühmte Individual-Vita zur Debatte – dort ein gemeinhin als vorbildlich gerühmtes kollektives Aufbegehren.

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Eike Freese

Das Niveau der Debatten ist überaus verschieden. Was sie eint, ist das weit über Tübingen hinausgehende Interesse am Fortgang der Debatte – und ein gewisser Druck auf Entscheidungsträger, sich zu positionieren. In ihrer Rolle als Gutachterinnen und Verwaltungschefs, Wissenschaftsfunktionäre und Lokalpolitikerinnen sind manche verpflichtet, andere bloß versucht, Ergebnisse zu liefern und Duftmarken zu setzen.

Bürgerinnen und Bürger dagegen dürfen Haltung einnehmen. Sie müssen aber nicht. Nicht zwingend, nicht immer, nicht notorisch und vor allem nicht sofort. Sie dürfen – und sollen – sich jener verwalteten Debatte auch mal entziehen und vor allem eins: fragen. Sie dürfen sich zudem der ziemlich alltäglichen Versuchung entziehen, ganz reflexhaft als aufrechte Demokraten, heißblütige Antifaschisten oder engagierte Bürgerrechtler Profil und Anerkennung einzufahren – und einfach mal weiterfragen. Demokratische Mündigkeit beginnt nun einmal nicht bereits dort, wo es heißt, Gewalt und Totalitarismus zu geißeln.

Fragen und Hinterfragen – auch des Common Sense – ist in der Debatte um die Hintergründe des Mössinger Aufstands von 1933 sogar besonders wünschenswert. Und gerade in Zeiten, in denen das glänzende Ereignis durchaus in Gefahr geraten könnte, zur schlichten Lokalfolklore und zum Instrument positiven Stadtmarketings zu werden, sicher nicht die dümmste Herangehensweise. Auch der Tragik des Aufstands, der ja vor der Übermacht der herrschenden Verhältnisse fruchtlos blieb, würden weitere Fragen nur gerecht. Fragen wie die, warum ganze 800 Bürgerinnen und Bürger eines 4000-Seelen-Dorfs im Januar 1933 mit Trommeln und Pfeifen gegen die drohende Diktatur opponierten – und bald auch hier im braunen Sumpf verstummten.

Allein: Die jüngsten Beiträge von Teilen des Mössinger Gemeinderats stellen nichts infrage. Sie machen Stimmung. Sie führen uns gewaltbereite Dörfler als Kommunisten mit konkreten revolutionären Zielen vor. Dem ’33er-Aufstand wird das nicht gerecht. So machten bereits Nachkriegs-Richter die kommunistische Gesinnung, wo sie vorhanden war, sogar zum entscheidenden Kriterium, die Demonstranten nachträglich vom Vorwurf des Landfriedensbruchs freizusprechen. Die handfeste Aktion galt fürderhin als legitimer Widerstand gegen ein drohendes Unrechtsregime, das sich zu diesem Zeitpunkt seinerseits bereits unzweideutig als gewaltbereit geoffenbart hatte. Bei all den Fragen – diese ist schon lang beantwortet.

25.01.2013 - 08:30 Uhr

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