Der SSV Reutlingen ist insolvent. Was bedeutet das für die Fußball-Region Neckar-Alb? Einige EX-SSV‘ler sagen ihre Meinung.
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Der SSV Reutlingen hat die Region Neckar-Alb auf seine Weise geprägt: Der Verein war lange die erste Adresse für junge Talente etwa aus dem Kreis Tübingen. Was sie dort lernten, brachten sie später als Trainer mit zurück: Franz Wiest (SV Poltringen), die Brüder Wolfram und Thomas Bauer (TSG Tübingen), Jörg Spannenberger (SV 03 Tübingen), Pascal Müller (FC Rottenburg), aktuell Volker Joos (TSV Dettingen).
Für andere, die aus dem Profi-Bereich kamen, war der SSV die letzte Spielerstation, sie ließen sich in der Umgebung der Achalm nieder: Ivica Silic (Bodelshausen / Mössingen), Torsten Chmielewski (Bodelshausen) oder Nico Sbordone und Jochen Weigl (SV Nehren).
Denis Lapaczinski wurde in Reutlingen geboren. Archivbilder: Ulmer
Keinen dieser früheren Spieler lässt die Entwicklung des SSV Reutlingen komplett kalt, auch wenn sich manche emotional schon weit entfernt haben: „Es ist ein halbes Leben her, dass ich beim SSV gespielt habe“, meint Jörg Spannenberger. „Ich sehe die Situation als Chance.“
Zehn Jahre trug Wolfram Bauer das Trikot des SSV Reutlingen, auch hier bei seinem Abschiedsspiel gegen seinen Heimatverein TSG Tübingen, wo er 15 Jahre Spielertrainer war.
Zu seiner Zeit spielte der SSV – fast schon traditionell – in der national dritthöchsten Liga. In der Tabelle war die Achalm-Elf meist eher oben zu finden. Der Niedergang des SSV begann mit einem Erfolg: Nach gut 30 Jahren stiegen die Reutlinger in die zweite Liga auf und etablierten sich sofort. „In dieser Zeit wurde die Chance verpasst, etwas Größeres draus zu machen“, bedauert Denis Lapaczinski, heute gereifter Führungsspieler des FC Schalke 04 II. Damals war er als blutjunger Abwehrspieler ein Senkrechtstarter im Team des SSV. Er erinnert sich: „Im Umfeld wollten einige zu schnell zu viel.“ Etwa gleich hoch in die Bundesliga. Mannschaft und Strukturen, sagt Lapaczinski heute, seien seinerzeit zu schnell gewachsen.
So wurden vermehrt auswärtige Spieler geholt, auch Torsten Chmielewski vom FC St. Pauli. 2001/2002, in seiner letzten Saison als Spieler des SSV, habe der Verein erstmals Zahlungsschwierigkeiten gehabt, erinnert er sich. Das änderte sich in den folgenden Spielzeiten kaum – allein die Kosten wurden immer höher. Auch der ehemalige SSV-Mittelfeldspieler Pascal Müller sah die Welle mit dem neuen, schönen Stadion als Schaumkrone, lange kommen: „Man kann nicht ein Loch stopfen und das nächste aufreißen.“ Er bedauert die Sponsoren: „Das Geld ist weg.“
Chmielewski, der ehemalige Bundesliga-Kicker wird beinahe zornig: „Die wahren Fans haben ein feines Gespür. Die wollen sich nicht verarschen lassen.“ Im Spielerkreis fehlten ihm zuletzt die Identifikationsfiguren aus der Region, im Umfeld fehlt ihm Kompetenz: „Ich weiß nicht, warum nie einer mal bei den Aufstiegshelden wie Ralf Becker oder ‚Sascha‘ Malchow nachgefragt hat, die beide zudem kompetente Trainer sind.“ Der SSV habe mit seinem Hinterland ein großes Fanpotenzial, darunter einige, die als Sponsoren in Frage kämen: „Die muss man pflegen.“
Wolfram Bauer der den Aufstieg in die zweite Liga mit dem SSV 1989 haarscharf verpasste, sieht die Insolvenz aufgrund der neuen Statuten (der SSV könnte in der Oberliga weiter machen) „nicht so dramatisch. Man muss jetzt eben die Schraube zurück drehen und wieder auf Spieler aus der Region setzen.“ Und auf den Rat früherer sportlicher Granden hören. Bauers damaliger SSV-Coach Lorenz-Günter Köstner hat aber keine Zeit – er trainiert ja jetzt den Bundesligisten VfL Wolfsburg. Michael Sturm
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