Wow, das war ja cool. Das glaubt mir bestimmt keiner!“, flötete Joscha fröhlich auf dem Heimweg vom Tübinger Schloss. Es wurde bereits hell.
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Marlene Staib
Wo lagerte das Getreide?
Im Jahr 1453 wurde das Haus erbaut, in dem die nächste Spur versteckt ist. Damit ist es eines der ältesten Häuser in Tübingen. Im Jahr 1487, als Herzog Ulrich geboren wurde, diente das Haus als Kornspeicher. Unser Bild beweist, dass der Herzog manchmal sogar aus dem Fenster des Hauses schaute. Das Haus ist heute von 11 bis 17 Uhr geöffnet.
Melanie schwieg. Vorhin, im Schlosskeller, als der Geist Herzog Ulrichs mit ihnen gesprochen hatte, hatte er nicht so kess gewirkt. Auch ihr hatte der kalte Angstschweiß auf der Stirn geklebt, doch noch mehr fürchtete sie die Reaktion ihrer Mutter, wenn die ihre leeren Betten schon entdeckte.
Ihr Gefühl verstärkte sich, als sie die Mutter in der Haustür stehen sah. „Was sollen wir machen?“, flüsterte Joscha, dessen Hochstimmung wie verflogen war. Melanie wusste, dass es in dieser Situation nur noch eine Möglichkeit gab, und das war die Wahrheit.
„Wir waren auf dem Schloss – eine Fledermaus hat uns dort hingeführt“, antwortete sie auf die Fragen ihrer müde wirkenden Mutter. „Dort trafen wir den Herzog Ulrich, der vor fünfhundert Jahren in Württemberg regiert hat.“ Die Mutter legte die Stirn in Falten, sagte aber nichts, was Melanie als Ermutigung ansah. Doch wie wollte sie weitererzählen, ohne das Pferdchen zu erwähnen? Ihre Mutter durfte den wertvollen Gegenstand nicht sehen, denn dann würden sie ihn dem Museum zurückbringen müssen. Das wollte sie nicht, noch nicht, denn sie hatte das Gefühl, dass sie ganz nah an des Rätsels Lösung waren. „Der Herzog erzählte uns über … einen wertvollen Gegenstand, eine Art mächtigen Talisman. Das …Ding erhielt er als kleiner Junge von einer Wahrsagerin. Ihm hatte er es zu verdanken, dass er bereits mit elf Jahren Herzog von Württemberg wurde. Aber das Pfer- äh, Ding ging verloren und fiel einer Verschwörung gegen ihn in die Hände. Man nannte die Rebellen den ‚Armen Konrad‘. Eine Weile bescherte der Talisman ihnen Glück. Wohin er danach gelangte, liegt im Dunkeln.“
Ihre Mutter hatte den Kopf schief gelegt. Sie schien sehr in Gedanken. „Eine schöne Geschichte ist das“, sagte sie versonnen und strich ihrer Tochter durchs Haar. Sie war sehr froh, ihre Kinder wieder heil zuhause zu haben. „Es ist keine Geschichte“, wollte Joscha sie überzeugen. „Es stimmt! Ich war dabei!“ Doch die Mutter lächelte nur müde. „Ich geh‘ dann mal ins Bett“, verabschiedete sich Melanie. Sie war heilfroh war, dass die Sache glimpflich zu verlaufen schien. Vielleicht hatte ja das Pferdchen dafür gesorgt.
„Nein, das tust du noch nicht“, entgegnete jetzt die Mutter sanft aber bestimmt. „Jetzt ist Tag, und es gibt eine Menge zu tun. Für uns alle“, fügte sie an Joscha gewandt hinzu, der sich gerade hatte aus dem Zimmer stehlen wollen. Den Rest des Tages verbrachten die Geschwister mit Hausarbeiten. Melanie nahm die Strafe geduldig an, nur Joscha murrte gelegentlich beim Abstauben oder Fensterputzen, wenn ihre Mutter gerade nicht in der Nähe war.
Erst als sie am späten Nachmittag mit zum Einkaufen kommen sollten, wagte er einen Versuch, sich zu wehren. „Ich wollte doch eigentlich Computer spielen“, sagte er Mitleid heischend. „Und ich wollte heute Nacht ruhig schlafen“, gab die Mutter zurück. Damit war das Thema erledigt. Ohne große Hoffnungen, beim Einkaufen irgend etwas zu erleben, packten sie das Pferdchen dennoch ein. Man konnte schließlich nie wissen. Eine ganze langweilige Stunde später standen sie zu dritt an der Kasse, mit einem Einkaufswagen voller Marmeladengläser, Sprudelflaschen, Müsli-Tüten und Klopapierrollen. „War alles in Ordnung?“, fragte die Kassierin im aufgesetzt freundlichen Kassiererinnen-Tonfall.
Da fiel ihr Blick auf Melanie, und sie musterte das Mädchen eingehend mit ihren nachtschwarzen Augen. Melanie fühlte sich seltsam an jemanden erinnert. Es war, als kannte sie die Frau aus früher Kindheit. „Macht dreiundachtzig vierzig“, sagte die Kassiererin – ohne den Blick von Melanie zu wenden – zu ihrer Mutter. Die Mutter zahlte und die Frau übergab Melanie großzügig lächelnd den Kassenbon. Ganz so als halte sie ein außerordentliches Geschenk in der Hand. Achtlos steckte Melanie den Bon neben das Pferdchen in ihre Hosentasche und vergaß, sich bei der Frau zu bedanken.
„Zeig her, was steht drauf?“, wisperte Joscha jedoch aufgeregt, sobald sie im Auto waren. Was sollte denn schon draufstehen? Es war ein Kassenbon! Doch Melanie fiel die Kinnlade herunter, als sie den Zettel hervorholte: Statt einer Auflistung ihrer Einkäufe enthielt er nämlich eine Botschaft:
„900 Jahre der Geschichte schlummern hier in einem Haus Wollt ihr das Geheimnis lüften gehet hin und findet‘s raus!“
Fortsetzung folgt.
Lust zum Mitmachen?
Kannst du Joscha und Melanie helfen, das Rätsel zu lösen? Wie auf dem Zettel steht, musst du dazu an einen Ort, an dem du 900 Jahre Tübinger Geschichte begutachten kannst. Außerdem wurde dieses Haus vor langer Zeit für den Getreidehandel genutzt.