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Kommentar

Studenten sind keine Versuchskaninchen

In einem Hörsaal des Kupferbaus erläuterte Pädagogikprofessor Klaus-Peter Horn in seiner Vorlesung „Grundlagen der Erziehungswissenschaft“ gestern Vormittag Wege des Wissens-Erwerbs. Er kam dabei auch auf die schöne Geschichte von Serendipity: nämlich, dass manche Erkenntnis sich der zufälligen Entdeckung eines aufmerksam herumschweifenden Geistes verdankt. Mit anderen Worten: Nicht alle Wissenschaft ist planbar. Manchmal fördert gerade das weniger zielvolle Suchen große Einsichten und Ergebnisse zutage.

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Ulrike Pfeil

Die Bachelor-Studenten in Horns Vorlesung mochten sich dabei an eine Forderung erinnert fühlen, die im gegenwärtigen Bildungsprotest zentral ist. Ja, es geht da selbstverständlich auch um ökonomische und politische Probleme des Studierens, um Studiengebühren, soziale Auslese, um mangelnde Mitspracherechte der Studierenden. Aber immer wieder erfährt man – im Gespräch eher als aus den markigen Demo-Parolen –, dass das, was den Studierenden in den neuen, straffen Bachelor-Studiengängen geboten oder auch als Leistung abverlangt wird, nicht ihren Erwartungen an Bildung entspricht.

Sind sie realitätsferne Träumer? Wollen sie bloß nicht so richtig ranklotzen? Hängen sie einem altmodischen Bildungsideal nach, lässt Humboldt grüßen? Von Humboldt spricht niemand. Aber viele artikulieren, dass ihnen in den verschulten und mit Stoff vollgestopften Bachelor-Studienplänen die Zeit zur Durchdringung und Vertiefung fehlt, und auch der Blick über Fächergrenzen, der weitere Horizont. Wozu an einer Universität studieren, die ein Universum des Wissens birgt, wenn man doch nur stromlinienartig durchs eigene Profilfach geschleust wird? Das frustet gerade die neugierigen und intellektuell beweglichen Studenten.

„Ach, und ich dachte, in Naturwissenschaften ist es anders“, sagte gestern vor dem „besetzten“ Kupferbau-Hörsaal eine Kulturwissenschafts-Studentin zu einer Biologin, die darüber geklagt hatte, dass „alles nur angerissen wird“. Und ein Mediziner klagte darüber, „dass wir keine Zeit haben, ein Bewusstsein auszubilden“. Inzwischen spüren auch Fächer, die von der Umstellung auf „Bologna“-Studiengänge nicht betroffen sind, den Druck von Regelstudienzeiten und Modularisierung.

Die Tübinger Universitätsleitung ist in diesem Punkt längst auf Seiten der Studierenden. (Sie muss allerdings jetzt mühsam das Vertrauen wieder herstellen, das durch die polizeiliche Räumung des Kupferbaus in der vergangenen Woche verspielt wurde.) Neue, vierjährige BA-Studiengänge mit größeren Freiräumen sind bereits auf dem Weg oder schon eingeführt. Aber es muss auch für die jetzt Studierenden etwas getan werden, damit sie sich nicht als Loser fühlen. „Wir sind die Versuchskaninchen“, sagt die Kulturwissenschaftlerin. Dass man dafür nicht auch noch Studiengebühren bezahlen will, ist nur zu verständlich.

18.11.2009 - 08:30 Uhr | geändert: 18.11.2009 - 11:01 Uhr
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