Ein Fiebertraumspiel

Packende Bilderflut: Bulgakows "Flucht" in Stuttgart

Weltgeschichte als Albtraum: Bulgakows Revolutionsdrama "Die Flucht" bietet die volle Dröhnung aus Szene, Film, Musik. Mit Längen. Doch der Bilderfuror packt. Das Beste seit langem: große Oper im Theater.

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OTTO PAUL BURKHARDT
Artikelbild: Packende Bilderflut: Bulgakows "Flucht" in Stuttgart "Die Flucht" ist eine Bilderflut, hier mit Sebastian Kowski und Rainer Philippi. Foto: Sonja Rothweiler

Stuttgart Kanonendonner. Ein General weint. Im Hintergrund zittern Eisensteins Stummfilme über die Wand. Überall Bilder, Szenen, Videos, Trümmer, Gespenster - Kollateralschäden der russischen Revolution. Dann totales Dunkel: Angstkranke Flüchtlinge, die sich in ein abgelegenes Krim-Kloster gerettet haben.

So beginnt in Stuttgart Michail Bulgakows "Die Flucht", 1928 kurz vor der Uraufführung verboten - eine gigantische Odyssee über Sewastopol und Konstantinopel bis nach Paris. In einer Folge von acht "Träumen" schildert Bulgakow, selbst in lebenslanger Spannung zwischen Zensur, Bedrohung und Stalins Protektion, traumatisierte Menschen, die nicht mehr wissen, wohin - aufgewirbelt vom Sturm der Weltgeschichte.

Sebastian Baumgarten inszeniert das alles mit großem Furor. Im Wechsel zwischen welthistorischer Totale und hautnahem Zoom auf private Verwüstungen. Klar, dass der gelernte Opernregisseur Baumgarten, ausgestattet mit Weihen von Ruth Berghaus bis Robert Wilson, aus Bulgakows Sprechdrama große Oper macht: Revolutionsfilme, Geschützsalven, hängengebliebene Grotesk-Walzer aus dem Off.

Gespenstische Untote taumeln über die Bühne, Heavy Metal ballert aus den Boxen. Überhaupt, die Bühne: ein surrealer Geistersaal mit alten Kreuzigungsgemälden und modernen Neonstäben (Peter Schubert). Ein riesiges Torgerüst wirkt wie eine Aufbruchsgeste mit verlorenem Ziel. Sogar ein gepanzerter Zug à la Trotzki rollt auf die Bühne, freilich ein eher durchschlagsschwaches Modell der Weißen Armee.

Kurz, Baumgarten fährt alles auf, um Bulgakows Flüchtlingsdrama assoziativ zu erweitern. Er zerfleddert, dekonstruiert das Stück und setzt es neu zusammen - als überbordende, rasende multimediale Mega-Collage. Und sicher, Frank Castorfs "Flucht"-Version von 2001 lässt grüßen.

Mehr noch: Die Regie schmuggelt immer wieder Jetzt-Zeit in ihr Welttheater, Bilder von Vietnam und Irak-Folteropfern. Die Flüchtlinge hausen in Containern, der Weißgardist hantiert mit Mobiltelefon. Die verrückteste Baumgarten-Idee des Abends ist die: Wenn er ein Häuflein versprengter Flüchtlinge in heimeliger Campingstuhlrunde TV gucken lässt. Der Generalmajor in Jogginghose justiert die Satellitenschüssel, bis endlich alle "Wer wird Millionär" glotzen - auf Russisch, versteht sich.

Gut, es gibt Längen. Passagen, in denen sich Baumgarten heillos verzettelt. Da wirkt dann vieles mätzchenhaft und redundant. Geschenkt - denn der Rest ist starkes, fulminantes Extrem-Theater. Mit einem gut sortierten Ensemblegeist. Baumgarten karikiert nicht, er zeigt die Flüchtlinge in all ihrer existenziellen Verwirrtheit, Arroganz und Einsamkeit, Bestechlichkeit und Trauer. Doch er belässt ihnen stets eine gewisse Würde.

Der Kampf ums Überleben hat viele Gesichter: Silja Bächlis Society-Dame Serafima, verraten vom Gatten, stolpert todkrank in die Prostitution, Till Wonkas nervöser Weißarmist Tscharnota spricht mit nicht existenten Personen, und Florian von Manteuffels Schöngeist Golubkow muss als Straßenkehrer jobben. Heraus ragt vor allem Sebastian Kowskis Zarengeneral Chludow, der als ausrangierter Held mit den Kriegs-Untoten in einer Art Wahnsinns-WG zusammenlebt. Alles mit Durchblick auf heutige Massenfluchten, aufs moderne Nomadentum - samt Einblendzitat von Theorie-Guru Giorgio Agamben.

Wie auch immer: Baumgartens Bulgakow-Collage "Die Flucht" ist, fernab von Russland-Klischees, ein Bilder-Furioso für Auge und Hirn. Große Oper über Revolution und Krieg. Und ein Fiebertraumspiel. So gut war das Staatsschauspiel schon lange nicht mehr. Spärlicher Beifall.

Die nächsten Vorstellungen: 4., 6., 10. und 22. Dezember.

Karten unter 0711/20 20 90.

30.11.2009 - 08:30 Uhr