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Ein fettes Festival

Mini-Rocker ernten Beifall vom Headliner „Fettes Brot“ / Viele Geschmäcker bedient

Das neue Festivalgelände auf den Neckarwiesen erforderte einiges Umdenken. Viele Mini-Rocker ließen sich davon nicht abhalten und pilgerten in Strömen nach Klein-Woodstock. Am Samstag wurde dem Publikum und den Organisatoren von keinen Geringeren als „Fettes Brot“ viel Lob ausgesprochen.

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Hannah Deutschle

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Ihlingen. Wer am Freitagabend die Auftritte von „Caliban“, „Life of Agony“ und „The Sounds“ miterlebt hatte, gehörte entweder zu jenen, die am „frühen“ Samstag beim zweiten Auftakt gerade aus dem Zelt gekrochen kamen oder zu jenen, die bei „The Haverbrook Disaster“ gemütlich im Schatten chillten. Denn gefeiert wurde am Samstag nach der letzten Band „The Sounds“ mit ihren fröhlichen Liedern im Stil des 80er-Pops und des aktuellen Indie-Rocks – gekürt mit einer Bein zeigenden, ihre Reize ausspielenden Sängerin – bis in die frühen Morgenstunden im After-Show-Zelt. „Als ich um vier gegangen bin, war das Zelt noch immer randvoll“, sagte Mitorganisator Tobias Abt.

„‚Life of Agony waren absolut super. Ich habe schon einen katastrophalen Auftritt von ihnen erlebt, doch dieses Mal war er gut drauf“, erklärte ein Hardcore-Kenner aus Aalen während der Umbaupause. Er spielte auf den exzentrischen Sänger Keith Caputo an, dessen Gesicht die meiste Zeit unter geschütteltem Haar verborgen blieb, während die Stagehands, die Bühnenhelfer, damit beschäftigt waren, herausgerissene Kabel und umgeworfenes Equipment wieder instand zu setzen.

Richtungsweisend: Björn Beton von „Fettes Brot“ beim Mini-Rock-Festival in Ihlingen.Bilder: ... Richtungsweisend: Björn Beton von „Fettes Brot“ beim Mini-Rock-Festival in Ihlingen.Bilder: Kuball

So wie an diesem ersten Festivaltag das Publikum beinahe von Band zu Band komplett wechselte, zeigten sich auch am Samstag Anhänger der verschiedensten Musik- und Lebensstile. Blumenkränze im Haar, Strohhüte und flatternde Ballonhosen in bunten Farben ließen fast an Woodstock denken. Manche Festivalbesucher riefen nach Hiphop, Dreadlocks erinnerten an Reggae, farbig variierende Irokesenschnitte an Punk und Ska, und wieder andere vertraten – in Schwarz gekleidet und mit wilder Mähne – die Hardcore-, Metal-, Rock- und Indie-Ecke.

Laut ging es zunächst am Samstag mit „The Haverbrook Disaster“ in die zweite Runde. Die Karlsruher brachten mit Doublebass und melodischem Hardcore die Ohren zum Dröhnen und sogar einige tapfere Köpfe zum Bangen. Den Beweis dafür, dass die Bremer nicht nur Haustiere stapeln können, erbrachten laut Moderator die „Kleinstadthelden“ aus Niedersachsen. Der Sänger zündete einen Draht zum leider noch etwas kargen Publikum, indem er sich über eine Toilette für alle Bands freute, weil dies Solidarität zu den Campern des Festivals stifte. Mit Humor und punkigen Rhythmen trommelte dieser Auftritt einige erste Rock-Besessene zusammen und stimmte sie für die Pforzheimer „Yakuzi“ ein, die hüpfend und mit Trompeten ihren Wiedereinzug beim Mini-Rock hielten.

Die jüngste Zuhörerin beim Mini-Rock-Festival war die zweieinhalbjährige Lina aus Ergenzingen. ... Die jüngste Zuhörerin beim Mini-Rock-Festival war die zweieinhalbjährige Lina aus Ergenzingen. Ihre Eltern hatten sie mit Ohrenschützern ausgestattet.

Härter wurde es mit den Metallern „The Blackout Argument“, der letzten Band dieses Genres, bei der die Fans auf ihre Kosten kamen. Dass sich zu jeder Musik pogen lässt, haben ein harter unermüdlicher Kern und wechselnde Unterstützer gezeigt. „Stompin’ Souls“ aus Stockholm verrieten nicht zuletzt durch ihr harmonisches Gesamtbild und ihre charmante Bühnenpräsenz ihre musikalischen Wurzeln, die in den rockigen 60-ern zu suchen sind und auch die letzten Mini-Rocker aus den Zelten in die Klang-Arena trommelten.

An Bühnenpräsenz fehlte es auch „Karamelo Santo“ nicht, die zu acht die Bühne für sich einnahmen. Dass auch die Menge in ihren Bann gezogen wurde, war nicht zuletzt einigen Coverversionen bekannter Popstücke wie „How deep is your love“ zu verdanken, die – bereichert durch Saxophon, Akkordeon und verschiedenste Schlaginstrumente – allein durch den Text erkennbar blieben. Die Moderation von Sänger Guillermo Goy Ogalde erreichte die Zuhörer: Er rief zur bewussten Wahrnehmung der Mutter Natur, der „Pachamama“, auf und versprühte eine warme und warmherzige Sommer-Atmosphäre.

Diese wunderbare von den Argentiniern geschaffene Stimmung wurde etwas in Mitleidenschaft gezogen, als „Johnossis“ Auftrittsbeginn wegen technischer Probleme wiederholt unterbrochen werden musste. Dabei waren diese beiden Musiker die minimalistischste Band des ganzen Festivals: Sie bestand lediglich aus Gitarre und Schlagzeug. Fluchend wurde der Schaden behoben – und was musikalisch folgte, war mitreißend. Während ihres Auftritts strömten die Zuhörer vor die Bühne, darunter zahlreiche an der Abendkasse hinzugewonnene Besucher. Bereits beim bekannten „Dead End“ als Starter rissen sie Arme und Köpfe in die Höhe, und die Startschwierigkeiten waren verziehen.

Dank des guten Wetters hat luftige Kleidung gereicht. Dank des guten Wetters hat luftige Kleidung gereicht.

Die anschließende Umbauzeit für die letzte Band des Abends schien sich ins Unermessliche zu ziehen. Hier und da waren ungeduldige Rufe nach „Ma-nu-e-la“ zu vernehmen. Tatsächlich spielten die Headliner „Fettes Brot“ mit diesem, einem ihrer bekanntesten Stücke los. Die Show-Profis forderten mit ständigen Provokationen ihre Besucher heraus: „Das ist der schönste CSD, den ich je erlebt habe“, ließ beispielsweise einer der Jungs verlauten und meinte den Christopher-Street-Day, den Tag der Homosexuellen. Das Publikum reagierte mit Ratlosigkeit und Widerspruch… In weißen Hemden und mit bunten Hüten erinnerten „Fettes Brot“ wahrhaftig an eine parodierte Form von „Men in Black“, und mit ihrem überwachungskritischen Lied „Kontrolle“ mimten sie eine Art Sonderkommando. Auch instrumental hatte die elfköpfige Kapelle, bestückt mir Bläsern, einiges zu bieten. Neben kritischen Tönen wurden auch leichtere Lieder aufgetischt, die von Viagra und natürlich von Frauen handelten. Die großteils nüchterne Menge tobte, wippte, klatschte, hüpfte. Die drei Hamburger schätzten die Besucherzahl der Intensität nach zu urteilen auf mindestens 30 000, was die weniger als 10 000 Kehlen unter Beweis zu stellen versuchten.

Rocker im Mini-Kleid mit Freundin. Rocker im Mini-Kleid mit Freundin.

Auch Lob für die Organisation gab es auf der Bühne – und dahinter: Am Morgen waren die drei Nordlichter bereits um 8 Uhr in Horb aufgeschlagen, weil sie damit rechneten, die Vorbereitungen und den Aufbau selbst schultern zu müssen. Doch die Stagehands, die Bühnenhelfer aus dem Orga-Team, sind selbst alle Musiker und wussten, wo anzupacken war. Völlig begeistert von dieser effizienten Hilfsbereitschaft hatten die Jungs von „Fettes Brot“ sogar noch Zeit, am Nachmittag nach Tübingen zu einer Stocherkahnfahrt aufzubrechen. Ihr Fazit: mitreißende Musik, begeisterte Besucher, fettes Fest.

09.08.2010 - 00:30 Uhr | geändert: 09.08.2010 - 03:42 Uhr

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