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Umfrage zum Bildungsstreik

Kritik an Bachelor und Form und Organisation des Protests

Wie stehen Studierende zu der Besetzung des Kupferbaus? Und was kritisieren sie an den Studienbedingungen? AUDIMAX hörte sich an der Universität um.

 
Auch ein Besetzer braucht mal Pause: Zwischendurch lagern Schlafsack und Protestbanner ... Auch ein Besetzer braucht mal Pause: Zwischendurch lagern Schlafsack und Protestbanner zusammengerollt im Vorraum des Kupferbaus-Hörsaals 25, der am Montag zum zweiten Mal besetzt wurde. Bild: Metz

Tübingen. „Ich habe gar nicht die Zeit, für mich die Tiefe zu finden“, sagt Martina Wiederkehr über ihr Bachelor-Studium in Politikwissenschaft. Ihr fehle die Zeit, Texte intensiv durchzuarbeiten. Die meisten Texte könne sie nur oberflächlich lesen und die Schlagworte daraus lernen. Klausuren seien ohnehin oft nur noch im Multiple-Choice-Verfahren – mit dem Zweck, Leistungspunkte zu sammeln. Für inhaltliche Tiefe bleibe dabei keine Zeit.

Mitbestimmung

in der Praxis

Die Bildungsproteste sind für Martina Wiederkehr notwendig und richtig. Sie nahm an der ersten Besetzung des Kupferbaus teil und legte dabei besonders Wert auf die allabendlichen Plena. Diese basisdemokratische Einrichtung sei ein gutes Beispiel, wie studentische Mitbestimmung in der Praxis aussehen könnte und dass sie tatsächlich auch funktioniert. Auch wenn es manchmal anstrengend gewesen sei, bei vielen Rückfragen aus dem Plenum zielgerichtet voranzukommen.

Auch Judith Rosinski beteiligt sich am Bildungsstreik. Die Linguistik-Studentin tut dies nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch, weil sie sich für allgemeine freie, selbstbestimmte Bildung einsetzen will. Sie kritisiert den Einfluss von wirtschaftlichen Interessen auf die Bildung. Das zeige sich in der Einführung von G8-Abitur und Bachelor-/Master-Studienordnung. „Von Verbesserung wird immer nur geredet“, meint sie. Von der Besetzung des Kupferbaus erhoffte sie sich, endlich genug Druck auf das Rektorat ausüben zu können, um Gehör für die Forderungen der Studierenden zu erhalten.

Ein konstruktiver Dialog ist ihrer Meinung nach daraus jedoch nicht entstanden. Die Arbeitskreise und Plena im Kupferbau seien zwar produktiv gewesen, das Rektorat habe jedoch Desinteresse an den vorgelegten Ausarbeitungen gezeigt. Trotzdem findet Judith Rosinski, dass es eine gute Aktion war. Ein Forum, in dem Student(inn)en ihre eigenen Vorschläge einbringen können, solle weiter geführt werden.

Der Protest läuft viel zu radikal ab und liefert keine überzeugenden Argumente, findet dagegen Carlotta Posth. Sie studiert Philosophie und Germanistik und hat an der Demonstration nicht teilgenommen, da sie sich nicht vertreten fühlt. Eine flächendeckende Abschaffung der Zulassungsbeschränkungen hält sie für utopisch und zugleich für einen Widerspruch innerhalb der Argumentation der Aktivisten, die ja gerade gegen eine Überbelegung der Studienfächer demonstrieren. „Generell ist es schon wichtig, Missstände aufzuzeigen. Dabei ist auch pokern erlaubt.“ Weniger Ideologie und mehr Sachlichkeit wäre allerdings angebracht, sagt Posth.

Chris Kühn war bei der Besetzung des Kupferbaus dabei. Der Soziologe und Politologe möchte Aufmerksamkeit für die derzeitigen Studienbedingungen erzeugen. Dazu zählt er: Massenveranstaltungen ohne Sitzplätze, unzureichende Betreuung und lange Wartezeiten für die Sprechstunden.

Dass die Demonstration, zu der von rund 23 000 Studenten lediglich knapp 200 mobilisiert werden konnten, eine Randerscheinung blieb und bleiben wird, liegt seiner Ansicht nach an dem stark zunehmenden Konkurrenzkampf unter den Studenten. „Man kommt einfach nicht mehr dazu, das System zu kritisieren.“ Er stimmt zwar dem gesamtpolitischen Konzept der Veranstaltung zu, sie sollte jedoch eine breitere Basis erreichen. Dabei müssten sowohl der universitäre Verwaltungsapparat als auch der Lehrstuhl als wirkungsmächtige Instanzen mit eingeschlossen werden.

Lerninhalte werden

„durchgeprügelt“

Christina Zweigmann studiert im vierten Semester Anglistik und Komparatistik und unterstützt die Besetzung des Kupferbaus. Die Proteste seien notwendig, um sich als unterrepräsentierter Student bei der Uni-Leitung sowie höheren Gremien Gehör verschaffen zu können. Vor allem das neue Bachelor-/Master-System ist ihr ein Dorn im Auge. Lerninhalte, für die man normalerweise viel länger Zeit hätte, würden in sechs Semestern „durchgeprügelt“.

Auf die Frage, ob sie sich an der Besetzung des Kupferbaus beteiligt habe, antwortet sie, dass eben dieses Bachelor-System und der damit verbundene hohe Lernaufwand samt Pflichtveranstaltungen sie daran gehindert habe. Aber „im Geiste“ sei sie „stets bei den Besetzern“ gewesen.

Jurastudent Philip Groscher hat bis vor kurzem überhaupt nichts vom Bildungsstreik mitbekommen. Zufällig sei er im Clubhaus auf ein grell-gelbes „Die Uni brennt“-Plakat der Kupferbau-Besetzung aufmerksam geworden und habe „dann mal nachgefragt, was da los ist“. Er sieht jedoch keinen Sinn darin, an den Protesten teilzunehmen. Die hohen Studiengebühren ärgern ihn sehr, aber er ist der Meinung, dass streiken „sowieso nichts bringt und man an Bürokratie nichts ändern kann“.

Dominic Amann, Biologie-Student im dritten Semester, hält die Proteste für nutzlos und hat nicht daran teilgenommen. Amann wohnt im Georg Fahrbach-Haus, und sagt: Der Protest wurde nicht gut inszeniert. Die Vorbereitung und Ankündigung sei schlecht gewesen – das war für ihn ein Hauptgrund, warum er an den Protesten erst gar nicht teilnehmen konnte.

Sandro Raabe, Student der Mathematik und Informatik im siebten Semester kritisiert eher die Art des Protests. „Ich find’s super, dass Menschen ihre Meinung sagen.“ Er würde aber eine andere Form der Auseinandersetzung wählen. Er glaubt, dass eine direkte Unterredung mit Leuten, die das System machen, sinnvoller wäre.

Info

Die Umfrage entstand im Rahmen eines Praxis-Seminars am Seminar für Rhetorik. Autoren sind die Studierenden Manuel Angermann, Julia Raith, Sabine Haydl und J. Colbert Lucey.

Weitere Artikel zum Thema auf: www.tagblatt.de/bildungsstreik

18.11.2009 - 08:30 Uhr
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