Im Wagen der Wahrsagerin war das Licht schummrig. Es roch nach Weihrauch und getrockneten Früchten. Melanie fürchtete sich.
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Marlene Staib
Der Raum schien menschenleer und doch voll von unbekannten Geheimnissen, die unter jedem Hocker, hinter jedem Wandbehang, in jeder Schublade auf sie lauerten. Gerne hätte sie „Hallo?“ gerufen, um sich bemerkbar zu machen, oder zumindest herauszufinden, ob jemand zuhause war. Doch sie brachte keinen Ton hervor. Gerade wollte sie sich umdrehen und gehen, da vernahm sie eine leise, tiefe Stimme: „Melanie?“ Melanie zuckte zusammen. Erlaubte sich ihr Bruder Joscha einen Spaß? Aber nein, der war längst am anderen Ende des Tübinger Festplatzes, bei der Achterbahn. Vor fünf Minuten hatte er sie zurückgelassen, direkt vor dem windschiefen, dunkelblauen Wagen der wunderlichen Wahrsagerin. Warum war sie hinein gegangen? Sie wusste es selbst nicht mehr. „Da bist du ja“, sagte die tiefe Frauenstimme, von der Melanie nicht sagen konnte, woher sie kam. „Ich bin hier“, erklang es jetzt, „unter dem roten Baldachin.“ Melanies Blick suchte den Raum ab und bemerkte schließlich die dunkelhäutige Frau, die regungslos mit geschlossenen Augen auf einem roten Teppich kauerte. „Ich habe es“, sprach die Wahrsagerin. „Was?“, fragte Melanie verblüfft. „Das Ding, das du suchst. Es ist in meiner rechten Hand.“ Die Frau, deren öliges Haar wie ein Vorhang ihr Gesicht umrahmte, streckte Melanie ihre Faust hin und öffnete sie. Darin lag ein kleines, geschnitztes Pferdchen. Wenn Melanie überhaupt nach etwas auf der Suche war – das war es gewiss nicht! Von wegen Wahrsagerin! Allerdings, die Frau hatte ihren Namen erraten. Unwillkürlich griff Melanie nach dem Tier, das kaum größer war als ihr Zeigefinger. Obgleich es nicht allzu kunstfertig geschnitzt war, sah es wunderschön aus. Die Wahrsagerin zog die Hand zurück. „Dieses Stück ist unbezahlbar“, flüsterte sie. Kurz darauf blickte sie Melanie abschätzig an und fragte: „Wie viel Geld hast du?“ Melanie wühlte in ihrer Hosentasche. Endlich fand sie die zwei Euro dreißig, die der Schießbuden-Mann ihr als Rückgeld ausgehändigt hatte, und übergab sie der Wahrsagerin. „Gib gut acht, dann wirst du viel von diesem Pferdchen lernen“, meinte die Frau, offenbar zufrieden mit ihrer Bezahlung. Melanie fand zwei Euro dreißig reichlich wenig für ein unbezahlbares Kunstwerk, doch sie schwieg. „Dieses Pferd“, fuhr die Frau fort, „zeigt dir, was war, was ist, und was nie sein wird.“ Melanie war verwirrt, doch das war das letzte Wort der Frau. Draußen wartete Joscha und machte auf supercool. Als Melanie ihm von der Wahrsagerin und dem kleinen Pferdchen erzählte, rollte er mit den Augen. „Billiger Plunder“, murmelte er, um der kleinen Schwester dann gönnerhaft von seiner aktuellen Lieblingsband zu erzählen: „Fettes Brot, die gehen echt ab.“ Joscha war schon auf dem Gymnasium, und seine eineinhalb Jahre jüngere Schwester bewunderte ihn ungemein. Melanie hatte das Pferdchen und ihr seltsames Erlebnis auf dem Sommerfest schon beinahe vergessen, als ihnen auf der Neckarbrücke ein höchst eigenartiger Mann entgegenkam. Er trug eine weiße Perücke, einen altmodischen Frack und darunter ein Hemd mit einem lächerlich ausladenden Kragen. Vielleicht wollte er sich für etwas Geld mit Touristen fotografieren lassen, überlegte Melanie. Doch anstatt stehen zu bleiben, kam der Mann geradewegs auf sie zu. „Oh holdes Mädchen, junger Knabe! Darf ich euch Kinder in mein bescheidenes Heim einladen?“ Melanie kicherte über die seltsame Ausdrucksweise des Mannes, der allem Anschein nach verrückt war. Joscha boxte sie in die Seite. „Wer sind Sie, und was wollen Sie von uns?“, fragte er genervt. „Ich bin Dichter“, sagte der Mann brüsk, was in Melanies Augen eine sehr vage Angabe war. „Besucht mich auf einen Tee in meinem Zimmer, so will ich euch über alles Auskunft geben.“ Und so schnell wie er gekommen war, war der rätselhafte Fremde auch schon wieder in der Menge verschwunden. „Spinner“, murmelte Joscha, doch Melanie hatte eine bessere Idee. „Ich glaube, es hat etwas mit dem Pferdchen zu tun.“ Wie sie darauf gekommen war, war ihr schleierhaft, aber sie war sicher, dass es stimmte. „Wir sollten hingehen“, meinte sie bestimmt. „Hingehen?“, Joscha war entgeistert. „Wir wissen ja nicht einmal, wo hin!“ Melanie schwieg. Darauf hatte sie keine Antwort.
Das Bild stammt aus dem Wagen der Wahrsagerin. Es ist ein Rätsel-Bild aus vergangenen Zeiten undverrät dir, wo der seltsame Dichter wohnte. Schau das Bild genau an. Wenn du weißt, was an diesem Bild nicht stimmt, zeige mit der Computermaus drauf. Du erfährst dann, wann du den Ort betreten kannst. Wenn du in dem Haus bist, findest du eine weitere Spur.
Fortsetzung folgt.
Lust zum Mitmachen?
Kannst du Joscha und Melanie helfen, das Rätsel zu lösen? Du musst dazu an den Ort, an dem der verrückte Dichter wohnt (heute ab 14 Uhr) und für die beiden etwas herausfinden!