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Kommentar: Leserbriefe

Für mehr Frei- und Schonraum

Zivilcourage ist eine der Grundlagen für das Zusammenleben der Menschen. Nur wo der soziale Mut existiert, wo sich einzelne fürs Ganze einbringen, wo die Meinung frei geäußert werden kann, gedeihen humane und demokratische Werte. Die freiheitliche Gesellschaft braucht den öffentlichen Widerstreit der Überzeugungen. Wie sähe es um das Bahnprojekt Stuttgart 21 und die politische Kultur in Baden-Württemberg aus, hätten sich in Stuttgart nicht die Mut- und Wut-Bürger erhoben?

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Matthias Stelzer

Was wäre Tübingen ohne seine Debattenkultur? Was wäre die kommunale Demokratie ohne die ehrenamtlichen Politiker/innen? Was wäre das TAGBLATT ohne seine regen und diskussionsfreudigen Leserbriefschreiber/innen?

Man will es sich doch gar nicht vorstellen. Und dennoch gibt es offensichtlich immer mehr Leute, die diese Kultur des Meinungsaustausches und der Offenheit gefährden. Unbekannte Feiglinge, die aus der Anonymität heraus Politiker/innen und Leserbrief-Autor(inn)en beleidigen, bedrohen und bedrängen.

Immer wieder haben sich TAGBLATT-Leser/innen in den vergangenen Monaten über gefakte Bestellungen beschwert, die ihnen unmittelbar nach einer Leserbrief-Zuschrift ein ungewolltes Zeitschriften-Abo, billige Unterwäsche oder auch eine Kiste teuren Weins bescherten. Ein Unbekannter, nach dem die Tübinger Polizei schon seit vielen Jahren sucht, hat seine Aktivitäten zuletzt so gesteigert, dass uns immer mehr Schreiber/innen ankündigten, künftig nicht mehr im Leserbriefteil erscheinen zu wollen.

Aber nicht nur der Dauertäter mit den Bestellcoupons nutzte die Leserbriefspalten, um sich an politisch Andersdenkenden abzuarbeiten. Auch im Zuge der Debatte um die „Tübinger Mohrenköpfle“, den Kolonialismus und Alltagsrassismus wurden Schreiber/innen des Sprachrohrs übel beschimpft und bedroht. Im Fall eines unerträglich reaktionären Briefs an unserer schreibaktive Leserin Marion Jackson ermittelt der Staatsschutz. Andere erhalten anonyme Schmierzettel in den heimischen Briefkasten gesteckt, stellen aber keine Anzeige gegen Unbekannt.

Und für all diese Zumutungen will das TAGBLATT die Adressdaten künftig nicht mehr frei Haus liefern. Von unserer Leserbriefseite werden die Straßennamen verschwinden. Eine Entscheidung, die in der Redaktion lange diskutiert wurde, weil Adressen in lokalen Auseinandersetzungen natürlich auch Nachrichten sind. Es kann ein Unterschied sein, ob ein Bauprojekt am Lustnauer Tor aus der Mühlstraße oder von der Stuttgarter Straße aus kritisiert wird. Adressen fördern eben auch die Transparenz.

Dennoch haben wir uns jetzt entschlossen, unsere langjährige Praxis zu ändern. Der Respekt für all jene, die sich einbringen und sich öffentlich zu ihrer Meinung bekennen, hat uns letztlich dazu bewogen. Wir wollen der Meinung unserer Leser/innen neben dem Raum auf der Seite auch möglichst viel Schonraum bieten. Auf dass es die Hinterhältigen schwerer haben und sich der soziale Mut wieder freier entfalten kann.

26.02.2013 - 08:28 Uhr

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