Mel, aufwachen! Sieh dir das an!“, brüllte Joscha von unten. Dass ihr Bruder vor ihr wach wurde, kam allerhöchstens einmal in sechs Wochen Ferien vor. Aber gestern war es sehr spät geworden, und das nach einem mehr als turbulenten Tag.
Anzeige
Marlene Staib
Kannst du Melanie und Joscha helfen?
Das Bild fotografierte der TAGBLATT-Fotograf heimlich, als Melanie und Joscha in der Nacht auf dem Marktplatz waren. Wenn du das Bild anschaust, wirst du schnell entdecken, in welchem Gebäude du heute das nächste Rätsel lösen musst. Wenn du das Gebäude zwischen 14 und 17 Uhr betrittst, erfährst du, was es dort zu tun gibt.
Zuerst war da die Sache mit dem Pferdchen. Und kurz darauf die Begegnung mit dem Mann, der sich als kein anderer als der Tübinger Dichter Hölderlin herausgestellt hatte! Wenn das kein starkes Stück war … Melanie und Joscha hatten zwar beide schon von Friedrich Hölderlin gehört, aber auch davon, dass er bereits seit über hundertfünfzig Jahren tot sein sollte. Noch etwas müde setzte sich Melanie an den Rand ihres Bettes. Was das Pferdchen ihr wohl heute für Wunder bescheren sollte? Doch bevor sie sich angezogen hatte, stand Joscha schon kreideweiß in der Kinderzimmertür. „Es ist gestohlen! Die Polizei sucht überall danach! Mel, was sollen wir tun?!“, rief er aufgeregt und wedelte mit dem Tagblatt vor ihrer Nase herum. Melanie warf einen Blick auf die Titelseite. „Elfenbeinpferdchen vermisst“, las sie. Entgeistert sah sie Joscha an. „Elfenbein?“ Doch er drängte sie zum Weiterlesen. „Schlossmuseum vermisst 35 000 Jahre altes Ausstellungsstück.“ So alt? Schnell überflog sie den Artikel. Melanie zog das Pferdchen aus ihrer Hose, die über dem Stuhl hing, und verglich es mit dem Foto in der Zeitung. Kein Zweifel möglich. Das war ihr Pferdchen. „Wir müssen es zurückbringen“, entschied sie. Etwas anderes kam gar nicht infrage. „Spinnst du? Die werden uns für Diebe halten! Mel, denk doch mal nach! Wie wahrscheinlich ist es, dass du auf dem Tübinger Sommerfest so eine Kostbarkeit für zwei Euro dreißig von einer verrückten Alten gekauft hast? Das glaubt dir keiner!“ Ihr Bruder hatte recht. So ging es nicht. Zum Glück hatte sie eine Idee. „Die alte Frau“, sagte sie, „wir müssen zu ihr zurück.“ Gleich nach dem Mittagessen gingen sie zum Festplatz. Doch als sie ankamen, erwartete sie eine böse Überraschung. Der dunkelblaue Wagon der Wahrsagerin war verschwunden. Und das Komische: Es sah aus, als hätte zwischen Schießbude und Maisstand nie ein weiterer Wagen gestanden. „Ich bin mir sicher, dass es hier war!“, heulte Melanie auf, und auch Joscha konnte sich die Sache nicht erklären. Zweimal überquerten sie den Festplatz, doch von dem Wahrsager-Wagen blieb keine Spur. „Ich hab eine Idee“, sagte Joscha schließlich mit zusammengepressten Zähnen. Melanie wusste, dass er ihr die Schuld an allem gab. „Wir legen das Pferd einfach in die Altstadt, irgendwohin, wo man es hundertprozentig finden wird. Man darf uns dabei aber auf keinen Fall sehen – also tun wir es nachts.“ Melanie schauderte. Noch nie hatte sie sich nachts heimlich aus dem Haus geschlichen. Aber sie wusste, dass es ein guter Plan war. Die Altstadt war wie leergefegt, als Melanie und Joscha gegen Mitternacht die Neckargasse hoch schlichen. Wie riesige dunkle Grabsteine kamen ihnen die Häuser jetzt vor. Alles war still, nichts regte sich. Nur eine einsame Ratte huschte geschäftig über die Straße. Doch dann hörten die Kinder ein leises Grollen: „Wer stört meine Ruhe?“ „Hörst du das?“, fragte Melanie und griff nach Joschas Hand. „Es ist nur der Wind“, versuchte ihr Bruder sie zu beruhigen. Doch kurz darauf hörten die beiden ein Gelächter, das nach Meeresrauschen und schäumender Gischt klang.Und dann sahen sie es. Immer noch aus Bronze, aber hundert Mal lebendiger als am Vortag, stieg die Brunnenfigur von ihrem Sockel herunter auf die Kinder zu. „Ihr wisst nicht, wer ich bin? Dann wird es Zeit, dass ihr mich kennen lernt!“, brauste sie auf und hob ihren langen Dreizack. „Ich bin der Gott Neptun, Herr der Meere, und ich bewache diesen Ort.“ In einem Anflug von Panik holte Melanie das uralte Pferdchen hervor und hielt es Neptun entgegen. „Bei meinem Dreizack!“, rief Neptun aus. „Ihr tragt einen mächtigen Gegenstand...“, begann er. Joscha fasste sich ein Herz: „Kannst du uns mehr darüber sagen?“, fragte er. Neptun öffnete den Mund zum Sprechen, als plötzlich ein Rabe über den leeren Platz flog und durch ein Fenster im Rathaus verschwand. Überrascht schauten die Kinder ihm nach. Als sie sich wieder zum Brunnen wandten, blieb ihnen die Luft weg. So reglos wie zuvor stand Neptun auf seinem Sockel. Fortsetzung folgt.
Lust zum Mitmachen? Bei unserem Sommerroman für Kinder können alle Leser mitmachen. Willst Du Joscha und Melanie helfen, das Rätsel zu lösen? Dann musst Du das Haus betreten, das von Neptun bewacht wird. Wie du das Haus findest, erfährst Du oben.