Die Klasse 6b auf der Suche nach der Geschichte des Uhland-Gymnasiums
Wo man früher den Rohrstock fürchtete, hat man jetzt Angst vor der Strafarbeit. Das Uhland- Gymnasium (UG) hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Die Klasse 6b begab sich auf Spurensuche, erforschte alte Akten und befragte Zeitzeugen.
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Tübingen. 248 Schüler, darunter 43 Mädchen. Samstags Schule. Zehn Stunden Latein pro Woche. Schönschreiben als Pflichtfach. Die Note Acht als beste Zensur . . . Das war das Uhland-Gymnasium vor hundert Jahren, wie die Klasse 6b aus alten Akten erfuhr. Doch tote Akten genügten ihnen nicht, deshalb luden sie Manfred Hänisch (ehemaliger Schüler und Lehrer am UG) und Hermann Steinthal (ehemaliger Schulleiter) ins UG ein und befragten sie.
Schule früher: Brav in Reih und Glied sitzen und Hände auf dem Tisch. Bilder: v. Keller
1943: Es ist mal wieder ein ganz normaler Morgen. Der elfjährige Manfred Hänisch befindet sich auf dem Schulweg von Reutlingen nach Tübingen und sitzt wie immer im „Sofa-Zügle“ (ET 65). Dort ist sogar die Dritte Klasse gepolstert. Der Zug rauscht in den Hauptbahnhof ein – genau! Unser Hauptbahnhof. Doch er ist nicht wiederzuerkennen. Statt des Omnibusbahnhofes sieht man jenseits der schmalen Bahnhofsstraße rechts eine große Wiese und links am See Tiergehege.
Dort, wo heute die Pavillonschule ist (Grundschule Innenstadt), befindet sich ein großer Platz mit einem Splittergraben, der den Schülern bei einem Luftangriff Schutz bieten soll. Oft marschieren sie in Zweiergruppen zur Übung dorthin. 1944 geschieht dann das Unglück: Eine Bombe der Engländer trifft das alte Uhlandhaus (Geburtshaus von Ludwig Uhland). Durch die Druckwelle zersplittern alle Glasscheiben der Nordwand des Schulgebäudes. Der Schulleiter Otto Binder gibt den Schülern schulfrei, da alles voller Scherben ist.
Manfred Hänisch kann aber auch von lustigen Erlebnissen berichten: So kommt er zum Beispiel nach einem gefährlichen Ritt auf einem Entenhäuschen, das auf dem Anlagensee schwimmt, mit nassen Beinen in das Klassenzimmer, ganz zum Erstaunen seines Lehrers. 1960 wird Hänisch Lehrer am UG für die Fächer Religion, Latein und Griechisch. 1980 geht er nach Stuttgart ans Sprachenkolleg der Evangelischen Landeskirche.
1966 erschien ein neuer Mensch in der Geschichte des UG und sollte diese mehr als 23 Jahre als Direktor prägen: Hermann Steinthal. Als „jüdischer Mischling ersten Grades“ (seine Mutter war Deutsche, sein Vater Jude) hatte er es in seiner Kindheit nicht leicht. Er erzählte uns, dass er zwar von den Mitschülern seiner Schule (ein Stuttgarter Gymnasium) nicht diskriminiert wurde – schließlich durfte man von ihm stets die Hausaufgaben abschreiben –, dass sich die Schule aber weigerte, seine guten Leistungen in Form einer Belobigung anzuerkennen.
Während des Krieges war sein Vater mehrmals im KZ und wurde gezwungen, einen Judenstern zu tragen, den der ehemalige Direktor für die Klasse mitbrachte. Hermann Steinthal wurde als Schüler dafür bestraft, ein „Mischling ersten Grades“ zu sein: Er durfte nicht mehr in die Schule gehen und musste diese abbrechen.
Als Direktor des UG unterrichtete er dann Latein, Griechisch, Deutsch und Philosophie. 1968 erlebte er die Auswirkungen der Studentenrevolution. Als die Schüler von einem Studenten dazu aufgefordert wurden, während der Unterrichtszeit zu demonstrieren, ereignete sich folgendes: „Ich stand auf dem einen Flügel der Treppe mit Megafon bewaffnet und rief: „Alle zurück in den Unterricht.“ Der Student stand auf dem anderen Flügel der Treppe und rief durch ein Megafon: „Geht hinaus zur Demonstration.“ Auf die Frage, was seine Aufgaben als Schulleiter waren, antwortete er: „Meine wichtigste Aufgabe war es zuzuhören.“
Auch uns machte das Zuhören Spaß, da wir Interessantes erfuhren. Wussten Sie etwa, dass es schon zu der Zeit, als Herr Steinthal Rektor war, hieß, dass der Pavillon (ein baufälliges Nebengebäude) weg muss?