Der Reutlinger Friseur Konrad Brenner schätzt gute Frisuren und sammelt alte Schneidemaschinen - Video und Bilder
REUTLINGEN (ria). Seit 53 Jahren betreibt Konrad Brenner seinen Friseursalon in der Reutlinger Kanzleistraße. Im Laufe der Zeit hat der 81-Jährige viele Moden kommen und gehen sehen – und viele verschiedene Scheren und Lockenwickler. Seit fast 30 Jahren sammelt er in seinem Salon Schmuckstücke aus über hundert Jahren Friseurhandwerk.
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Heute, Dienstag, ist Herrentag. Der hintere Raum des Reutlinger Friseursalons von Konrad Brenner, dort, wo sonst die Damen frisiert werden, bleibt leer. Vorne, im Herrenbereich, empfängt der 81-jährige Friseur einen seiner Stammkunden.
Karl Schmid kommt schon viele Jahre in die Kanzleistraße 42, um in einem der Friseurstühle mit braunem Lederbezug Platz zu nehmen. Der in den 70er Jahren entstandene Designklassiker ist nur eines der vielen Schmückstücke aus der Geschichte des Friseurhandwerks, die Brenner in seinem Laden zusammengetragen hat.
Brenner legt los. Die Haare schneidet er stets am trockenen Haar, mit dem Elektroschneider, nicht mit der Schere. Und er ist einer der wenigen Friseure, die den Herrn noch rasieren. Für die Nassrasur wird der Kunde gleich zwei Mal eingeseift, zum Schluss gibt‘s eine Prise Eau de Cologne. Während Brenner schneidet, plaudern die beiden über frühere Zeiten.
Eigentlich wollte Brenners Vater, dass Sohn Konrad Werkzeugmacher lernt. In der Fabrik wollten sie den damals 15-Jährigen aber nicht. Er war ihnen vermutlich nicht Kerl genug. Sie schlugen dem Vater stattdessen vor, „den Jungen drei Häuser weiter im Gefängnis abzugeben“. Vater und Sohn zogen empört ab, und Konrad Brenner wurde Friseur. Dafür ist Brenner heute noch dankbar.
Seinen ersten eigenen Salon eröffnete Brenner vor 53 Jahren in der Kanzleistraße – direkt gegenüber seines heutigen Geschäfts. Dort, wo heute der Salon ist, war damals noch das „Mühltor“. Als die Gaststätte 1958 schloss, zog Brenner über die Straße. Ein Haarschnitt kostete damals 50 Pfennig (etwa 25 Cent). Rasieren lassen konnte man sich für 20 Pfennig, KölnischWasser machte fünf Pfennig extra.
Heute bezahlt Karl Schmid für alles zusammen 22 Euro. Er ist hochzufrieden. Auch die anderen Kunden – und die kommen heute zahlreich – sind allesamt begeistert von Brenners Haarschneidekunst. Sogar eine Frau hat sich ein Herz gefasst und begibt sich am Herrentag unter Konrad Brenners Elektroschneider.
Der 81-Jährige ist zweitältester praktizierender Friseur im Raum Reutlingen (der älteste aktive Friseur im Kreis ist Christian Hummel aus Römerstein, Jahrgang 1918!). Unter seinem Friseurkittel trägt er eine Krawatte, und auch sonst zieht Brenner Altbewährtes den neuesten Moden vor.
Diese Vorliebe war es wohl auch, die Brenner dazu veranlasste, in seinem Salon ein kleines Museum einzurichten: Seit 1980 sammelt er Erinnerungsstücke aus mehr als hundert Jahren Friseurgeschichte. In einem Flur hinter den Friseurräumen hat Brenner seine Sammlung ausgestellt. An der Wand hängen zahlreiche Urkunden und Fotografien, davor stehen Sammlerstücke aus früheren Epochen des Barbierwesens.
Da gibt es Vorstufen des modernen Lockenwicklers zu bestaunen, sowohl elektrisch betriebene als auch solche, die mit Spiritus beheizt werden. Dazu einige Zerstäuber für Wasser und Deodorant. Herzstück seiner Sammlung ist eine elektrische Haarschneidemaschine der Firma Müholos. Seit 1924 produziert das Unternehmen, dessen Firmensitz 1954 von Leipzig nach Niefern am Schwarzwaldrand verlegt wurde, Haarschneidemaschinen.
Brenners Schmuckstück stammt vermutlich aus den frühen Jahren in Niefern und, so versichert er, läuft auch heute noch einwandfrei. Dieselbe Maschine benutzten früher übrigens auch Zahnärzte – natürlich nicht, um Haare von den Zähnen zu entfernen. Statt mit Scherkopf war die Maschine mit einem Bohreraufsatz versehen, um in den Zähnen von Patienten zu wühlen.
Auch im Salon, dort, wo die Herrenwelt noch in Ordnung ist, gehören Museumsstücke zur Einrichtung. In einer Vitrine hat der 81-Jährige alte Rasur-Sets gesammelt, bestehend aus Pinsel und einer Schale, die mit einer Nummer versehen sind: „Weil jeder Kunde damals sein eigenes Rasierzubehör benutzte.“
Der Reutlinger Friseur Konrad Brenner
Beim Anblick schlechter Frisuren kann es durchaus vorkommen, dass Brenner leicht pikiert ist: „Eine Katastrophe! So kann man doch nicht auf die Straße gehen!“, lautet sein Urteil über die wuchernde Haarpracht des Besuchers vom TAGBLATT. Den wiederum verunsichert die Aussage des Fachmanns. Schließlich wurde für die angebliche „Sauerei“ auf dem Reporterkopf ein Batzen Geld auf die Theke eines Szenefriseurs gelegt.