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Ein Blick in Tübinger Galerien: Farberscheinungen des Immateriellen und aneinander gebannte Figuren

Ansichten aus dem Inneren der Fische

Nach der ersten Verzauberung durch das schimmernde Leuchten der Aquarellkreide kann sich ein Moment der Irritation einschleichen, wenn man die Fisch-Bilder von Susanne Höfler betrachtet. Vor „Zinnoberleben“ etwa kann man nicht sicher sein, ob darauf nicht etwas zu sehen ist, was normalerweise verborgen bliebe: Ein organisches Gebilde aus dem Inneren des Körpers, ins Sichtbare gewendet – was eigentlich erst nach dem Tod eines Lebewesens möglich ist. Tatsächlich ist es ein Fisch, in dessen Maul man blickt, sagt die Tübinger Malerin.

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DOROTHEE HERMANN
Artikelbild: Ansichten aus dem Inneren der Fische Bänke, Widerhakenkreuze, Schlossmodell: Was möchte uns Daniel Müller (im Bild) mit seiner „Gottesanbeterin“ sagen? (Im Hintergrund: „Warten in Gelb“) Bild: Sommer

Tübingen. „Kolornaturen – Von Fisch bis Musik“ heißt ihre aktuelle Ausstellung im Tübinger Künstlerbund. „Ich habe eine Zeitlang in der Pathologie gezeichnet“, sagt Höfler. Es gibt noch eine alltäglichere Assoziation: Das Ausnehmen von Fischen auf dem Küchentisch. Verletzungen wie die klaffende Wunde mit den feinen Äderungen auf ihrem Bild „goldener Aalschnitt“ sind für die Künstlerin „nicht nur etwas Negatives“. Bis auf den Schnitt scheint der Fisch-Körper intakt. „Das gehört zum Leben dazu.“ Für den zweiten Teil der Schau hat Höfler Schwarz-Weiß-Fotos aus der Welt des Jazz in rauschhafte Farbklänge transformiert – und eine verschwenderische Visualität entdeckt.

Artikelbild: Ansichten aus dem Inneren der Fische „Regarde-moi!“ – uns sei’s mit zwei grundverschiedenen Augen.

Info

Artikelbild: Ansichten aus dem Inneren der Fische Im Äderwerk: Susanne Höflers „Kolornaturen“ im Künstlerbund.

In der Künstlerbund-Galerie bis zum 25. Juli: Mittwochs bis freitags von 15- 18 Uhr; samstags von 11-14 Uhr.

Artikelbild: Ansichten aus dem Inneren der Fische „Between black and white“ – die drei Grazien von Wolfgang Thiel in der Tübinger Galerie Gottschick.

Sie verbinden die Spontaneität von Polaroids und das Formbewusstsein von Stillleben. Die Wanderausstellung zum Fotowettbewerb „Schau mich an! – Regarde-moi!“ in der Clubhaus-Cafeteria zeigt das studentische Leben in Deutschland und Frankreich aus überraschenden und sehr persönlichen Blickwinkeln. Auf einer Fotoserie ist eine nackte Frau schemenhaft in leere Innenräume montiert, in einen Waschraum, eine Cafeteria, auf einen Treppenabsatz – als würde ein Mensch, der sich einmal dort aufgehalten hat, noch etwas in einem Raum zurücklassen. Das Innere eines Kühlschranks, fünfmal variiert, ergibt eine amüsante Serie von Alltagsstillleben zwischen Intimität und Minimalismus. Eine Porträtfolge zeigt Gesichter mit je einem eigenen und einem fremden Auge – Identität als Montage, als Konstruktion?

Info

Cafeteria Clubhaus, Wilhelmstraße 30, bis 11. September, montags bis donnerstags 8 bis 19 Uhr; freitags 8 Uhr bis 17.30 Uhr.

Sechs junge Künstler/innen aus dem Umkreis der Münchener Kunstakademie präsentieren derzeit „abstrakte Positionen“ in der Kulturhalle. Etwas krude und wenig abstrakt ist die Symbolik einer der beiden Hölderlin-Installationen von Daniel Müller geraten. Sie kombiniert ein Spielzeugschloss, einen gelben Reclam-Hölderlin, und drei Bänke, die laut Mitausstellerin Annemarie Roesch von einer jüdischen Mitbürgerin Tübingens stammen sollen. Als „Abstandshalter“ seien halbe Hakenkreuze schwarz auf den Boden aufgemalt oder aufgeklebt.

Info

Kulturhalle, Nonnengasse 19, bis 23. Juli, dienstags bis freitags 15 bis 19 Uhr; samstags 11 bis 13 Uhr. Am Tübinger Stadtfestwochenende am 18. und 19. Juli jeweils von 11 bis 24 Uhr.

Bernard Villers ist ein spielerischer Minimalist. Ein schlichtes Blatt Papier, eine Buch- oder Zeitungsseite werden ihm zu einer Reflexion über Farbe, Raum und Licht. Auf den ersten Blick umschließt sein „Echo“, ein Stück Papier, an beiden Schmalseiten halb zugeklappt, nur ein sattgelbes Rechteck. Ein grünes und ein rotes Farbfeld erspäht man erst, wenn man unter die beiden Deckblätter schaut. Lässt man dann den Blick schweifen von Grün über Gelb nach Rot oder umgekehrt, scheint ein Ausschnitt des Farbspektrums aufzuleuchten. Eine andere Arbeit spart auf einem weißen Blatt Papier drei Kreise aus, jeweils eine kleine runde Leere, deren Ränder auf geheimnisvolle Weise ein Pink, ein Neongrün umspielen, als wären diese Farberscheinungen eine Projektion aus dem Nichts, dem Immateriellen.

Die Papier- und Buchobjekte des Brüsseler Künstlers sind derzeit in der Galerie Druck & Buch zu sehen. Es gibt Arbeiten zu Goethes Farbenlehre und poetische, kostbar wirkende Kleinformate von 14 mal 10 Zentimetern, die „Cahiers japonais“ (japanische Hefte). Durch die unterschiedlichen Materialien Reispapier, Seidenpapier, Dünndruckpapier und Luftpostpapier bekommen sie eine verführerische haptische Qualität. Die minimalistischen Farbakzente bringt Villers meist per Siebdruckverfahren auf. „Das Papier, die Wand, der Raum, das Licht, das Leere werden selbst Farben, und sind Elemente seiner Malerei, wie die Stille Bestandteil der Musik von Cage ist“, schrieb einmal ein früherer Kurator, Guy Schraenen.

Info

Galerie Druck&Buch, Bachgasse 15, bis zum 8. August. Donnerstags und freitags von 11 bis 19 Uhr, samstags von 10 bis 14 Uhr.

Seine drei Grazien besitzen eine nahezu klassische Strenge, als würden sie den Blick zurückweisen und durch die feinen Strukturierungen zugleich anziehen. Ihre dunkle Kontur ist neu für den Bildhauer Wolfgang Thiel, der mit bunten Skulpturen für öffentliche Plätze bekannt wurde. Mit winzigen Drehungen scheinen die drei ineinander übergehenden Figuren sich voneinander weg- und wieder einander zuzuwenden. Mit noch weniger Raum muss sich „die große weiße“ begnügen. Die Arme hoch über den Kopf erhoben, steht sie wie eingemauert auf ihrem flachen Sockel.

Das Festgebanntsein von Thiels Skulpturen ist ein reizvoller Kontrast zu Intensität und Bewegung, die von den ausdrucksstarken Bildern und stelenähnlichen Hochformaten von Peter Degendorfer ausgehen, deren Farben einen nahezu anspringen. Dabei verwendet der Ulmer Künstler die eher schweren Materialien Öl auf Holz und trägt die Farbe bis über den Bildrand hinaus in mehreren Schichten auf. In der so entstehenden Tiefendimension finden sich verrätselte Einritzungen und figürliche Andeutungen. „Between black and white“ heißt die Ausstellung in der Galerie Gottschick – weil dazwischen alle Farben liegen, sagt die Galeristin Margot Gottschick.

Info

Die Doppelschau Degendorfer-Thiel ist bis zum 1. August zu sehen. Galerie Gottschick, Uhlandstraße 10a, mittwochs bis freitags 15.30 bis 19 Uhr, samstags 11 bis 15 Uhr und nach Vereinbarung unter Telefon (0 70 71) 3 44 23.

10.07.2009 - 08:30 Uhr | geändert: 10.08.2009 - 17:57 Uhr

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