„Austausch ist eine Öffnung zur Welt“, sagt der 88-jährige Robert Piat. Er hat die Städtepartnerschaft zwischen Arcis-sur-Aube und Gomaringen mitbegründet und kam gestern zu einem kleinen Festakt an die Maria-Sibylla-Merian-Realschule: Diese ist seit 30 Jahren mit dem Collège de la Voie Châtelaine verschwistert.
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Gabi Schweizer
Glückwünsche zum 30-jährigen Bestehen der Schulpartnerschaft baumeln an den Luftballons, die französische und schwäbische Schüler/innen gestern steigen ließen – assistiert von Lehrerin Agnete Bauer-Ratzel, die den Austausch heuer zusammen mit einer deutschen und zwei französischen Kolleginnen organisierte. Bild: Rippmann
Dußlingen / Gomaringen. Luftballons mit Glückwünschen, in den Nationalfarben Frankreichs und Deutschlands, schaukelten am späten Dienstagvormittag über der Höhnisch-Realschule in die Höhe – zur Feier der 30-jährigen Partnerschaft zwischen der Realschule auf dem Höhnisch und dem Collège in Gomaringens Partnergemeinde Arcis-sur-Aube. Was dabei passierte, war beinahe schon symbolisch – im positiven Sinne. Denn Lehrer und Schüler konnten einen großen Strauß Ballons gar nicht mehr entwirren, so fest hatten sich die Schnüre ineinander verwickelt.
Der 88-jährige Partnerschafts-Mitbegründer Robert Piat Bild: Rippmann
Zwischen einigen Jugendlichen sind in den vergangenen Tagen richtige Freundschaften entstanden, die mit etwas Glück auch nach dem Austausch bestehen bleiben. Die 15-jährige Katarina etwa hat ihre neue französische Freundin schon für die Sommerferien eingeladen, ganz privat, ohne schulisches Rahmenprogramm – und vermutlich werden die beiden auch dann wieder in einer „Mischsprache“ reden, einem Kauderwelsch aus deutsch und französisch. „Meine Austauschschülerin war am Anfang richtig schüchtern“, erzählt Vanessa. Doch das habe sich mit der Zeit gelegt, und nun freut die 15-Jährige sich richtig auf den Gegenbesuch. Im Juni nämlich fahren auch die Schüler/innen aus Dußlingen, Gomaringen und Nehren nach Arcis-sur-Aube in die Champagne.
„Ein Tourist ist weit entfernt von der Erfahrung, die ihr machen dürft“, sagte Rektor Michael Schönfeld in seinem Grußwort. Wer in Familien lebe, lerne ein Land viel besser kennen. „Lasst euch darauf ein!“ forderte er die Jugendlichen auf. Jedes Jahr heiße es an der Schule: „Wir wissen nicht, wie es weitergeht, aber dieses Jahr können wir den Austausch noch machen“ – eine Anspielung auf den hohen Zeitaufwand, den engagierte Lehrer – und deren Vertretungen – in Kauf nehmen.
23 Jungen und Mädchen sowie zwei Lehrerinnen haben zehn Tage im Steinlachtal verbracht – und zur 30-Jahr-Feier der Schulpartnerschaft war sogar Robert Piat angereist, Ex-Bürgermeister von Arcis-sur-Aube, Mitbegründer der Städtepartnerschaft und trotz seiner 88 Jahre jemand, der offenbar gern reist: Seine Gemeinde habe auch noch Partnerstädte in der Ukraine und in Belgien, erzählte er begeistert. In seiner kurzen Ansprache berichtete er, wie 1971 eine Gruppe des Christlichen Vereins Junger Menschen nach Arcis gereist war, um dort einen deutschen Soldatenfriedhof zu pflegen. Piat, damals Bürgermeister, nahm die Jugendlichen im Empfang – weil in der CVJM-Gruppe auch die Kinder des damaligen Bürgermeisters Heinz Raff waren, kam ein Kontakt zwischen den Gemeindechefs zustande. 1978 unterzeichneten sie die Partnerschaftsurkunden.
Zwei Jahre später zogen die beiden Schulen nach. Jürgen Wissenbach, ehemaliger Leiter der Realschule, erinnerte sich an das „freudige und spontane Ja“ des Gomaringer Bürgermeisters Raff, als die Schule vorsichtig wegen einer Partnerschaft mit dem Collège von Arcis anfragte.
„Austausch ist etwas extrem Wichtiges. Es ist die Öffnung zur Welt hin“, betonte Piat. Er ist Vorsitzender des nationalen Komitees der Zwangsarbeiter und Deportierten in Frankreich – auch aus eigenen Erfahrungen schöpfe er den großen Willen zur Versöhnung, sagte Lehrerin Agnete Bauer-Ratzel, die den diesjährigen Austausch mitorganisiert hat. Gerade für junge Leute seien solche Austauschprogramme gedacht, betonte Piat.
Eine schöne Zeit war’s, versichern die französischen Schülerinnen Clothilde, Pauline und Charlotte (alle 14), die heute wieder abreisen. Sie haben Leute kennengelernt, Städte angeschaut und nebenbei festgestellt, dass es an deutschen Schulen weniger streng zugeht als an französischen – Essen im Unterricht ist nicht per se verboten. Und sie haben zusammen mit deutschen Schülern „Säulen der Freundschaft“ im Hof bemalt, sie mit Schriftzügen und Ornamenten versehen. Die Kunst könne Grenzen im Kopf überwinden, hat Kunstlehrerin Irmgard Birk-Orth gemerkt. Und zum Motiv: „Ornamente sind etwas sich Wiederholendes, etwas Verbindendes und eine Zierde für jede Schule.“ Wie ein Austausch eben auch.