Bundestagswahl: Unternehmen machen Produkt-Reklame
Wahl-Werbung für Filter-Kaffee
Die Kampagne im Kühlregal kommt mit politischen Sprachbildern daher. Wie zu Ostern oder bei Olympia stellen manche Firmen ihre Werbung auf Aktualität ab. Jetzt ist Wahl-Werbung angesagt.
Wahl-Werbung nach Firmenart: So ganz egal wird es nicht sein, was der Kunde auswählt - aber Hauptsache, die Reklame fällt auf. Foto: dpa
Berlin Sie ringen um Aufmerksamkeit und wollen viele Menschen mobilisieren - ganz wie die Strategen in den Parteizentralen: Vor der Bundestagswahl setzen auch Unternehmen auf spezielle Kampagnen und werben nach dem Vorbild der Politik. Statt um Steuerkonzepte oder den Atomausstieg geht es um "Konjunkturpakete" mit 250 Gramm Extra-Kaffee, Rabatt-"Wahlgeschenke" beim Möbelkauf oder eine "Bundesgenusswahl" im Kühlregal mit Einsendeschluss 27. September. Der Urnengang dient als Anlass wie Weihnachten oder die Fußball-Weltmeisterschaft.
Doch bei Werbung mit politischer Note ist Sensibilität gefragt. Für Wahl-Aktionen haben manche Firmen und ihre Agenturen gleich eine Fülle von Programmpunkten erdacht. Die Molkerei Bauer stellt mehr als 30 Geschmacksvarianten eines Fruchtjoghurt-Bechers zur Abstimmung und bietet neben einem Onlinevotum auch "Briefwahl" per Post. Eine Internetseite verspricht dazu "aktuelle Hochrechnungen".
Eine Bäckerei macht Filialen zu "Wahlbüros" und Verkäuferinnen zu "Wahlhelfern" für den Aufruf "Wähl den Bundeskampsler!" - mit "Spitzenkandidaten" namens Streuseltaler oder Korneck. Melitta plakatiert für ein Kaffeepad-Sortiment zum Beispiel "Unser Wahlkampfmotto: Aufstehen muss sich wieder lohnen!" und sammelt Bewerbungen um fiktive Ministerposten.
"Wir nutzen das Thema Wahl, um mit einer witzigen Kampagne auf das Angebot aufmerksam zu machen", sagt eine Unternehmenssprecherin. Ein verbindendes Element dabei sei, dass man sich zwischen verschiedenen Geschmacksrichtungen entscheiden könne. Mit einer "humoristisch-satirischen" Aktion schaltete sich auch der Konkurrent Tchibo in den Wahlkampf ein - und zeigte in einer Anzeige unter der Überschrift "Unser Konjunkturpaket" die realen Hauptkontrahenten Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier mit einer Kaffee-Großpackung für 6,98 EUR.
Dass sich Produktkampagnen auch an Ereignissen orientieren, die gerade in aller Munde sind, ist eine erprobte Methode - ob zu Ostern, vor Halloween oder bei Olympischen Spielen. "Werbung muss aktuell sein", sagt Volker Nickel, Sprecher des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft. Auch eine Anspielung auf die Bundestagswahl könne Aufmerksamkeit erregen.
Insgesamt greifen aber wenige Firmen auf die Sphäre von Regierung und Parlament zurück. "Es ist mit dem Risiko verbunden, dass es parteipolitisch zugeordnet werden könnte." Daher seien solche Aktionen meist humorvoll und strikt positiv angelegt.
Überhaupt sehen sich Unternehmen in Wahlkampfzeiten stärkerer Konkurrenz gegenüber, wenn Kandidaten-Plakate an jeder Straßenecke stehen. Über alle Werbeformen wie Anzeigen, Rundfunk und Internet könne von einer "dominanten Ablenkung" aber keine Rede sein, sagt Nickel. Dafür sei die Wahlwerbung zu gering. Dass umgekehrt auch ein Parteienvorstoß ins Revier der Produktwerbung Tücken haben kann, erlebte die CDU in Berlin. Stolz präsentierte sie auf dem baubedingt verhüllten Charlottenburger Tor das "größte Wahlplakat Deutschlands". Das Parteilogo wurde nun aber abgenommen, weil an dem historischen Bau keine politische Werbung erlaubt ist. Nun wirbt das Plakat ganz allgemein: "Am 27.9. wählen gehen." dpa