Internet-Anbindung bringt eine andere Kultur in die Wohnzimmer
Fernsehen verändert sich radikal. Internet-Anschlüsse der Geräte lassen uns Filme, Nachrichten, Magazine, Web-Inhalte dann sehen, wann wir wollen. Für den Käufer wird es immer schwerer, wie die Ifa zeigt.
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THOMAS VEITINGER
Besucher der Internationalen Funkausstellung (Ifa) in Berlin testen TV-Systeme, die das Internet integrieren. Foto: afp
Berlin So richtig will der Sony-Manager nicht über den Fernseher sprechen, auf dessen Bildschirm ein Mann gerade Werbung für den Dienst Google-Earth macht. Ja, es ist das erste Internet-Google-TV. Ja, das Gerät kommt im Oktober in den USA auf den Markt und später auch in Deutschland. Ja, damit lassen sich Google-Dienste nutzen. Aber recht viel mehr wisse er nicht. Nur eines noch: Dem Fernseher liegt eine Tastatur statt einer Fernbedienung bei.
Muss der Internet-Dienst Google, der vor allem für durch seine Suchmaschine und umstrittene Fotos von Häusern bekannt ist, auch noch Fernseher erobern? Es scheint so. Aber Google ist nur einer von vielen Anbietern. Was die dreidimensionale Darstellung bei der Internationalen Funkausstellung Ifa für Fernseh-Geräte ist (wir berichteten), ist das Internet für die Fernseh-Inhalte: ein Muss.
Alle großen Hersteller zeigen an ihren Ständen TV-Geräte mit Online-Anschluss. "Die Integration von Internet und TV ist einer der wichtigsten Trends in der Unterhaltungselektronik", sagt der Vizepräsident des Branchenverbandes Bitkom Achim Berg. "Hybrid-TV ist der Senkrechtstarter im Technologiemarkt." 1,2 Mio. Geräte wurden seit März 2009 verkauft, jedes dritte Gerät ist solch ein Zwitter. Der Durchschnittspreis liegt dabei mit 1060 EUR deutlich über dem konventioneller Geräte (683 EUR). Vor allem Jüngere wollen laut Bitkom das Fernseh-Web, bei den 14- bis 26-Jährigen sind es 60 Prozent.
Was sich nach einer weiteren durchs Technik-Dorf getriebenen Sau anhört, dürfte unsere Fernseh-Gewohnheiten revolutionieren. Die Unternehmensberatung Arthur D. Little stellt in ihrer Studie "Future of Television - The End of TV as We Know it?" (Zukunft des Fernsehens - Das Ende des TV wie wir es kennen?) dramatische Veränderungen in der Fernsehlandschaft fest: Es gibt neue Mitspieler, die neue Inhalte auf unterschiedlichen Plattformen bieten.
Ein Beispiel. Nach Arbeit und Hausaufgaben versammelte sich früher die Familie zum Abendessen und sah zusammen "heute" oder "Tagesschau". Jetzt kann sich der Sohn nachmittags auf dem Fernseher Video-Clips der beliebten Internet-Plattform Youtube auf dem Fernseher ansehen und über Skype mit der Freundin sprechen und sie auch sehen - in Fernsehern sind schon Mikrofone und Kamera eingebaut. Die Mutter liest abends Aktienanalysen im Web nach, schreibt ihrer Freundin auf Facebook. Der Vater kann spät in der Nacht die immer online zur Verfügung stehende 20-Uhr-Tagesschau ansehen und sich danach den letzten Teil der Millennium-Trilogie zeigen lassen, den er online abruft und bezahlt.
Ein Ifa-Fernseher des deutschen Herstellers Loewe zeigt die Entwicklung: Die Bildschirm-Schaltfläche "Was jetzt läuft" im Fernsehen ist eine Möglichkeit - von vielen. Videoplattformen und Seiten von Zeitungen und Zeitschriften sind andere. Das aktuell laufende TV-Programm dürfte immer unwichtiger werden.
Dies bringt den Herstellern der Hybrid-TV-Geräte neue Herausforderungen. Denn sie bieten nicht nur Apparate an, sondern vermitteln auch Inhalte. Kooperationen mit Anbietern sind zu schließen. Und zu präsentieren: Um das Online-Material auf der Mattscheibe zu zeigen, konkurrieren fünf verschiedene Systeme. Anbieter wiederum müssen die Anforderungen der Portale erfüllen. Das macht es auch für den Fernseh-Käufer nicht eben einfacher. Künftig kommt zu Preis, Technik und Design auch noch die Überlegung hinzu, welche Inhalte geboten werden.
Selbst über die Frage, ob der Kunde nur Ausgewähltes und Aufbereitetes sehen oder wie am Computer frei im Internet surfen will, gehen die Meinungen auseinander. Bei Panasonic glaubt man dies, bei Sony nicht. Der Neuling Vizio legt eine Steuerung bei, die eine ausschiebbare vollständige Tastatur hat, bei Loewe müssen Buchstaben auf dem Schirm einzeln angesteuert werden. Samsung bietet Online-Dienste wie Youtube, Wetterprognosen und aktuelle Nachrichten. Auch der gute alte Videotext soll künftig weiter eine Rolle spielen: Erstmals auf der Ifa wird die neue Generation präsentiert - die natürlich auf dem Internet basiert.
Wie es mit dem Fernsehen weitergeht, wird vielleicht am Ifa-Ende deutlicher. Die Abschluss-Rede hält in Berlin niemand geringeres als Google-Chef Eric Schmidt. Angeblich soll der Dienst Verträge mit Hollywood abgeschlossen haben, die ihre Filme künftig über Youtube zeigen - und so zu jeder Zeit auf Internet-Fernseher gelangen.