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"Wir brauchen flexible Lösungen"

Gesamtmetall-Chef Rainer Dulger lehnt Forderung nach 5,5 Prozent mehr Lohn ab

Die Forderung der IG Metall nach 5,5 Prozent Tariferhöhung passt für den Präsidenten des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Rainer Dulger, nicht zur Lage in der Branche. Er will flexible Lösungen.

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DIETER KELLER

Herr Dulger, der Vorstand der IG Metall empfiehlt heute voraussichtlich eine Tarifforderung von 5,5 Prozent. Das ist 1 Prozentpunkt weniger als 2012. Klingt bescheiden - oder?

Artikelbild: Gesamtmetall-Chef Rainer Dulger lehnt Forderung nach 5,5 Prozent mehr Lohn ab Gesamtmetall-Chef Rainer Dulger hält einen Tarifabschluss im Mai für möglich. Er rechnet dennoch mit Warnstreiks. Foto: dpa

RAINER DULGER: Diese Forderung passt nicht zu einer Industrie, die kein Wachstum hat. Deswegen ist sie zu hoch. Wir müssen sehen, wie die Zukunftsaussichten sind, wenn wir in die heiße Phase der Verhandlungen kommen. Im Moment sieht es nicht sehr gut aus, zumal unsere Industrie sehr heterogen ist.

Welche wirtschaftliche Entwicklung erwarten Sie in diesem Jahr?

DULGER: Manchen Betrieben geht es gut, anderen bescheiden. Das ist von Firma zu Firma ganz unterschiedlich, wie die Autozulieferer zeigen. Wer auf Teile für Kleinwagen spezialisiert ist und für Autohersteller fertigt, die hauptsächlich in Südeuropa verkaufen, hat massive Probleme. Wer einen Premiumhersteller beliefert, der in China verkauft, dass sich die Tische biegen, steht gut da. Dem müssen wir mit dem diesjährigen Abschluss gerecht werden. Dazu passt nicht eine pauschale Forderung nach 5,5 Prozent für alle.

Wie könnte eine flexiblere Lösung aussehen? In der Vergangenheit wurden Nullmonate vereinbart oder die Möglichkeit, die Tariferhöhung früher oder später zu zahlen.

DULGER: Es gibt viele Möglichkeiten. Das Wichtigste ist, dass wir den Abschluss unter Mitbestimmung des Betriebsrats an die konkreten Bedingungen im einzelnen Unternehmen anpassen können.

War die Tariferhöhung 2012 mit 4,3 Prozent zu hoch?

DULGER: Die Unternehmen haben ein schweres Paket zu tragen. Die 4,3 Prozent wirkten erst ab 1. Mai, und das für weitere 12 Monate. Aber da die meisten Firmen nach Kalenderjahren rechnen, hatten sie 2012 nur 8 Monate aus dem Abschluss zu verkraften. In diesem Jahr wirkt sie voll. Damit schleppen wir einen Grundsockel von mehr als 1 Prozent mit. Dazu kommt die Forderung von 5,5 Prozent. Das passt nicht zur heterogenen Lage der Betriebe.

Als Verteilungsspielraum gelten häufig der Produktivitätsfortschritt plus die Inflationsrate, was in diesem Jahr zusammen etwa 3 Prozent wären. Die IG Metall will deutlich mehr durchsetzen, um die Binnenkonjunktur anzukurbeln. Haben Sie für solche Rechnungen Verständnis?

DULGER: Die Metall- und Elektroindustrie hat eine ganze Menge für die Binnenkonjunktur getan, indem sie seit dem Ende der Krise 250 000 neue Arbeitsplätze geschaffen hat: Das ist Kaufkraft! Unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit - und damit diese Stellen - durch eine überzogene Tarifforderung zu gefährden, ist der falsche Weg.

Rechnen Sie mit einer harten und langen Tarifrunde?

DULGER: Es ist ein ganz normaler Verteilungskampf, wie wir ihn auch in den Jahren zuvor hatten. Die IG Metall ist ein ernstzunehmender und seriöser Tarifpartner. Ich halte einen Abschluss der Verhandlungen bis Mitte Mai für möglich.

Gehören Warnstreiks zu solchen Tarifverhandlungen dazu?

DULGER: Die Metall- und Elektroindustrie ist eine Hochlohnindustrie mit 3,7 Mio. Beschäftigten. Wir haben ein durchschnittliches Jahreseinkommen von mehr als 48 000 EUR. In der Krise 2008 bis Frühjahr 2010 haben wir unsere Arbeitsplätze weitgehend gehalten. Das ist europaweit ein Erfolgsmodell. Dazu gehören auch die Rituale als unser Weg zur Lösungsfindung.

Auch Warnstreiks?

DULGER: Leider. Streiks bedeuten immer einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden. Ich kann sie im Prinzip nicht gutheißen. Es wäre mir viel lieber, wenn wir noch mehr am Verhandlungstisch bewegen könnten, als wir es auf Druck der Straße tun. Aber die Rituale in unserer Industrie bitte ich zu akzeptieren. Das ist bei uns halt so.

Sie haben sich vorgenommen, mehr Individualisierungsmöglichkeiten für die einzelnen Betriebe durchzusetzen. Was schwebt Ihnen da vor?

DULGER: Das ist für uns nichts Neues. Seit den Pforzheimer Verträgen 2004 haben wir den Wandel geschafft, weg vom steifen einheitlichen Tarifsystem zu festen Rahmen mit betrieblichen und konjunkturellen Anpassungsmöglichkeiten. Wir sind sehr heterogen geworden, die Konjunkturzyklen werden immer kürzer und die Schwankungen nehmen zu - an Häufigkeit und an Ausmaß. Deswegen sieht ein moderner Tarifvertrag solche Anpassungsmöglichkeiten vor.

Was brennt Ihnen längerfristig unter den Nägeln?

DULGER: Wir müssen einen strategischen Dialog über die Entwicklung unserer modernen Arbeitswelt führen. Um ein Beispiel aus meinem eigenen Unternehmen zu geben: Wir haben Mitarbeiter, die den asiatischen Markt betreuen. Die müssen im Extremfall morgens um 6 Uhr da sein, können aber um 15 Uhr nach Hause gehen. Wer die USA betreut, kann um 15 Uhr erst kommen, muss aber bis 21 Uhr bleiben. Das sind angesichts der Globalisierung ganz normale Dienstzeiten. Daher will ich weder morgens noch abends Zuschläge zahlen müssen. Wir reagieren da schon heute hoch flexibel. Der Mitarbeiter kann auch mal gar nicht kommen, wenn sein Kind krank ist, und das nacharbeiten. Über solche strategischen Dinge müssen wir mit der IG Metall sprechen: Wie können wir unser bestehendes Tarifsystem noch zukunftsfähiger machen? Das ist aber noch kein Thema für diese Tarifrunde, und es verträgt auch keinen Druck von der Straße.

Ein Ergebnis der letzten Tarifrunde war eine deutlich bessere Bezahlung der Leiharbeiter. Was hatte das für praktische Auswirkungen?

DULGER: Das kommt auf die schon beschriebene Sockelbelastung in diesem Jahr mit drauf. Ungefähr die Hälfte unserer Firmen nutzt Zeitarbeit, und sie belastet es schwer. Das ist ein Riesenpaket, das einige nicht mehr stemmen können.

Mit welchen Konsequenzen?

DULGER: Das lässt sich generell nicht sagen. Aber am Ende steht die Erkenntnis: So können wir nicht weitermachen, weil wir keine Erträge mehr erwirtschaften.

Die Gewerkschaften klagen, Zeitverträge würden zunehmend durch Werkverträge ersetzt, die noch schlechter bezahlt werden. Ist das auch ein Problem in der Metallindustrie?

DULGER: Diesen Trend können wir nicht erkennen. Ein Werkvertrag ist kein wirklicher Ersatz für Flexibilisierung. Er ist die Abgabe von Wertschöpfungsstufen in Unternehmen. Das macht nur bedingt flexibel.

04.03.2013 - 08:30 Uhr

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