Handwerk hat goldenen Boden, hieß es einst. Heute tun sich Handwerker schwer, Auszubildende zu finden. Dabei ist es im Handwerk leicht, Karriere zu machen und letztlich sein eigener Herr zu werden.
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PETER ILG
Stuttgart Den Letzten beißen die Hunde. "Mehr Betriebe bieten mehr Lehrstellen an, aber die Anzahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge stagniert", sagt Joachim Möhrle, Präsident des Baden-Württembergischen Handwerkstages. Weil ein Handwerksberuf für viele junge Leute nicht die erste Wahl ist, bekommen die Handwerksbetriebe den demografischen Wandel als erste zu spüren: Sinkende Schülerzahlen führen zwangsläufig zu weniger Bewerbern um einen Ausbildungsplatz.
Dabei bietet gerade der demografische Wandel, der dem Handwerk Sorgen macht, Nachwuchshandwerkern gute Karrierechancen: Jeder dritte Betriebsinhaber ist älter als 55 Jahre, viele davon suchen vergeblich einen Nachfolger. Wer also eine Selbstständigkeit anstrebt, der kann sie in einem der 130 000 Handwerksbetriebe Baden-Württembergs verwirklichen.
Schreinermeister Tobias Rehder tut das seit 1993. Damals ist er bei Türenmann in Stuttgart eingestiegen, heute gehört ihm die Firma. Er berät Privat- und Firmenkunden sowie Architekten bei Neu-, Umbauten und Renovierungen in den Bereichen Fenster, Türen, Glas, Beschläge und Vordächer. Produziert wird so gut wie nichts, aber die passenden Produkte werden eingebaut, gewartet und repariert.
In Karlsruhe hat Türenmann eine Niederlassung, insgesamt hat der Betrieb rund 60 Mitarbeiter, davon 19 Auszubildende. Drei Azubis lernen Bürokauffrau, 13 Schreiner und drei Schreiner mit der Zusatzqualifikation "Management im Handwerk", die Abiturienten vorbehalten ist. Diese Auszubildenden lernen handwerklich dasselbe, haben aber eine andere Theorieausbildung als üblich. Denn sie werden auch in Management, technischem Englisch und Informationstechnologie unterrichtet. "Die Zusatzqualifikation verbessert die Chancen der Auszubildenden auf eine verantwortliche Tätigkeit nach ihrem Abschluss", sagt Rehder. Doch an qualifizierte Auszubildende zu kommen, werde immer schwieriger.
Stefan Baron, Abteilungsleiter Bildungspolitik beim Baden-Württembergischen Handwerkstag, nennt einige Gründe dafür. "Viele wissen gar nicht, welche Chancen das Handwerk überhaupt bietet, hinzu kommt ein Konkurrenzkampf mit der Industrie. Die größte Herausforderung aber sind die Eltern. Viele Eltern sagen: Unsere Kinder sollen es einmal besser haben, als wir selbst", hat Baron bei Veranstaltungen schon oft zu hören bekommen. Deshalb scheide das Handwerk meist bei Berufsüberlegungen aus.
Dabei bietet das Handwerk über 140 Ausbildungsberufe. Mit der Lehre kann parallel ein höherer Schulabschluss erreicht werden. Hauptschüler, die im Schulzeugnis und im Gesellenbrief einen besseren Durchschnitt als 2,5 haben, bekommen automatisch die mittlere Reife. Wer die mittlere Reife hat, der kann während der Ausbildung zusätzlich die Fachhochschulreife erlangen. Und der Meisterbrief ist zugleich eine Hochschulzugangsberechtigung. Die gibt es auch für Gesellen mit dreijähriger Berufserfahrung und zusätzlichem Test.
Der beliebteste Ausbildungsberuf ist zugleich Beispiel für den Wettbewerb zwischen Handwerk und Industrie: Kraftfahrzeugmechatroniker werden in den Autowerkstätten der KfZ-Innung ausgebildet und bei Daimler. "Wer die Wahl hat, geht oft zu Daimler, weil er dort mehr verdient", sagt Baron. Dass ein Handwerksbetrieb kein anonymer Großbetrieb sei, familiäre Atmosphäre biete und junge Leute früh Verantwortung übernehmen können, würde häufig nicht bedacht.
Der Baden-Württembergische Handwerkstag unterstützt die Handwerksbetriebe mit unterschiedlichen Aktionen darin, qualifizierte Auszubildende zu bekommen. Dazu gehören Image-Kampagnen, Auslandsaufenthalte während der Ausbildung, regionale Bildungspartnerschaften mit Schulen.
Das Handwerk versucht, die Lehrer mit ins Boot zu bekommen. "Als Akademiker kennen sie die duale Ausbildung nicht", sagt Baron. Inzwischen gibt es Lehrerfortbildungen für diese Art der Ausbildung, so dass auch die Lehrer als Botschafter wirken können.
Schreinermeister Rehder stellt jährlich 5 bis 7 Lehrlinge ein. 50 bis 60 Bewerbungen hat er meist zur Auswahl. Das liege wohl dran, dass er an vielen Aktionen und an Ausbildungsmessen teilnimmt. Und er achtet darauf, dass seine Azubis zufrieden sind. Von deren Empfehlungen profitiert der Betrieb.