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Sanfter Whisky von der Alb

Das aus Schottland bekannte "Lebenswasser" wird auch in Owen gebrannt

Kommt man im Winter von draußen in die warme Stube, ist etwas Heißes richtig. Dazu passt ein Schluck guter Whisky. Dieser muss nicht von den Highlands kommen: Auch im Schwabenland wird gebrannt.

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THOMAS VEITINGER

Owen Für Whisky-Trinker hat es sicherlich etwas Tröstendes: Angels dram, der Schluck für Engel, heißt der Anteil von Whisky, der während seines Reifens aus dem Fass verdunstet. Je nach Temperatur, Feuchtigkeit und Beschaffenheit des Fasses macht sich so ein Teil des Getränks in die Luft davon, bevor es in Flaschen gefüllt wird. Jahrhunderte lang durften sich Engel in Schottland und Irland über den entfleuchten Alkohol freuen. Jetzt sind auch die schwäbischen Engel dran. Seit Ende der 80er Jahre wird in Owen (ausgesprochen: Auen) am Fuße der Burg Teck das bernsteinfarbene Getränk gebrannt.

Artikelbild: Das aus Schottland bekannte "Lebenswasser" wird auch in Owen gebrannt Immanuel Gruel nimmt eine Whisky-Probe. Viele Jahre muss das Getränk im Fass lagern. Foto: Oliver Schulz

Warum ausgerechnet Owen? Dieses Rätsel lässt sich am besten bei einem Besuch am Rande der Schwäbischen Alb lösen. Der Ort im Landkreis Esslingen sieht mit seinen 3400 Einwohnern an jenem Tag Anfang Dezember besonders idyllisch aus. Zwischen den schwarzen Bäumen leuchtet weißer Schnee an den Hängen. Der kleine weiße Bahnhof könnte für eine Modelleisenbahn Vorbild gestanden haben. Viele der Häuser sind weihnachtlich geschmückt.

"Das ländlich, bäuerliche Flair wollen wir auch erhalten, wir sind keine beliebige Firma XY", sagt Immanuel Gruel. Seine "Spirituosen Manufaktur und Whisky-Destillerie" ist eine von mehr als 30 Brennereien am Ort. Eigenes Obst wird verarbeitet, aber auch andere Obstwiesenbesitzer bringen ihre eingesammelten Birnen, Zwetschgen und andere Früchte zu der Destillerie, die daraus Hochprozentiges fertigt. Diese Dienstleistung bietet der 25-Jährige in der vierten Generation an. In seinem warmen Verkaufs- und Probierraum hinter einer schwergängigen Holztüre stehen Quitte-, Schlehe- und Kirschschnaps. Im Regal sind aber auch Flaschen des fünf Jahre alten "Tecker" für 32 EUR zu finden.

Am Entstehen dieses "Swabian Single Grain Whisky" (schwäbischen reinen Whiskys aus Korn) ist vor allem Christian Gruel, der Großvater von Immanuel Gruel, schuld. Der fand, dass Whisky gut zur Schwäbischen Alb passt. Die Gegend sei ähnlich rau wie Schottland, die Menschen ähnlich zurückhaltend, aber herzlich. Eigentlich wollte der heute 77-Jährige noch früher mit der Whisky-Herstellung beginnen, aber sein Schwiegervater war strikt gegen Getreidedestillate.

Anfangs hielten seine Kollegen und die Owener diese Idee wohl für so sinnvoll wie Krabbenpulen auf einer bayerischen Hochalm. Schließlich hat die Qualität von Whisky mit speziellem weichem Wasser, salzhaltiger Luft, Torffeuer, geeigneten Fässern und über Generationen weitergegebenem Wissen zu tun. Doch das Ergebnis überzeugte.

"Erst jüngst haben wir bei einer Blindverkostung gut abgeschnitten", freut sich der Jung-Brenner heute. Das Wasser spiele fast keine Rolle bei der Whisky-Herstellung, glaubt er. Wie in den USA gebe es hierzulande zwar kein brauchbares Torf für das Feuer, dafür aber Fässer, die innen ausgebrannt werden oder bereits Getränke wie Portwein, Sherry oder Cognac enthalten hatten und so für den rauchigen Geschmack des jahrelang darin lagernden Whiskys sorgen. Für einen speziellen schwäbischen Geschmack werden Strohballen bei den Fässern gelagert. Der Bio-Weizen und die -Brenngerste stammen vom eigenen Acker.

In der sauberen Brennerei mit den grauen Fliesen riecht es fast neutral. Zuerst wird das Schrot von Weizen und Gerstenmalz in große Bottiche mit 60 Grad warmen Wasser gerührt. Wenn das Gemisch abgekühlt ist kommt die Hefe dazu. Nach vier Tagen wird destilliert und schließlich das Hochprozentige in Fässer gefüllt. Der Whisky von Gruel gilt als sanft, was Frauen besonders schmecken soll.

Als Immanuel Gruel das Geschäft 2007 übernahm, war Whiskybrennen mit jährlich 300 bis 450 Litern "eher ein Hobby" seines Großvaters. Der Enkel steigerte den Ausstoß auf 2500 Liter und will einmal 6000 bis 8000 Liter verkaufen. "Derzeit arbeiten wir damit noch nicht wirtschaftlich", sagt der Owener mit seiner 70-Stunden-Woche. Allein die für die Qualität entscheidenden Fässer aus den USA kosten mehrere hundert Euro.

Die Obstbrände müssen das "Lebenswasser" - wie die Übersetzung des gälischen Wortes für Whisky "Uisge Beatha" lautet - mittragen. In Deutschland stagniert der Absatz von Spirituosen, bei Obstschnaps geht er sogar zurück - nur die Nachfrage nach Whisky steigt, weiß Gruel. "Das liegt sicher an dem Produkt selbst mit seinem breiten Geschmacksspektrum und langen Abgang", ist der staatlich geprüfte Brenner überzeugt. "Das Aroma von Whisky ist viel komplexer als etwa das von Schnaps."

An jenem Dezembertag fühlt man sich in Owen auch meteorologisch ein wenig wie im schottischen Lowland: Nässe von oben, Kälte von unten. Statt Tee und schottischen Weihnachtskuchen gibt es in einer warmen Stube in Schwaben zwar Kaffee, Plätzle und Früchtebrot. Ein guter Schluck Whisky passt aber in jedem Fall dazu.

31.12.2012 - 08:30 Uhr

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