Reutlingen / Tübingen. 1999 gründeten die Nachbarstädte die Technologieförderung Reutlingen-Tübingen (TF R-T). Die GmbH nahm vor zehn Jahren ihr erstes Technologiegebäude in der Aspenhaustraße im Industriegebiet Reutlingen-West in Betrieb. Ziel der Kooperation ist, Hochschulabgänge vor Ort zu halten, Wirtschaft und Forschung zu vernetzen. Schwerpunkt: „Die Region arbeitet am Schnittpunkt von Medizintechnik und Biotechnologie“, biologisch hergestellte Gewebe für die Medizintechnik seien heute nahezu Alleinstellungsmerkmal, so TF R-T-Geschäftsführer Christoph-Michael Pfefferle, Reutlinger Wirtschaftsförderer, gestern vor Medien.
In der Nachbarschaft des Technologiegebäudes sitzt schon seit 1998 das Naturwissenschaftliche und Medizinische Institut der Uni Tübingen (NMI), das betreibt als „Inkubator“ marktnahe Forschung und fördert Uni-Ausgründungen. Im Januar 2001 schlossen die Städte eine Kooperation mit der L-Bank. Diese gründete als Tochter die TTR-GmbH. Dieser Technologiepark Tübingen-Reutlingen nahm 2003 und 2009 zwei Neubauten in der Gerhard-Kindler-Straße in Betrieb, gegenüber entsteht jetzt ein dritter Bau mit ebenfalls 4900 Quadratmetern Nutzfläche. Vorgesehen sind ein knappes Dutzend weitere Gebäude, so könnten bei Bedarf rund 80 000 Quadratmeter Nutzfläche entstehen. Dort gibt es schon eine Bank und ein Reisebüro, vielleicht kommt ins dritte Gebäude eine Kindertagesstätte.
Ebenfalls die L-Bank hat das 2003 bezogene Biotechnologiezentrum in der Tübinger Paul-Ehrlich Straße in der Oberen Viehweide gebaut. Dort sitzen heute auf 8600 Quadratmetern 14 Firmen und vier Uni-Abteilungen mit 300 Beschäftigten. 55 Prozent der Nutzfläche sind Labore, Reinräume und Tierställe; 45 Prozent Büros, so Wolfgang Kleinmann, Tübinger Mitgeschäftsführer der TF R-T. Nach zwischenzeitlicher Flaute sind seit einem halben Jahr alle Räume voll belegt, um die Sternwarte sei ein Bebauungsplan für ein weiteres Gebäude in Arbeit. Im Technologiegebäude Vor dem Kreuzberg 17 in der Tübinger Weststadt waren nach der Anmietung im Jahr 2000 alle drei ansässigen Firmen in Insolvenz gegangen, heute ist das Gebäude auf 1850 Quadratmetern von sechs Firmen mit 60 Beschäftigten belegt. In Tübingen sind laut Pfefferle sieben Hektar für Erweiterungen vorgesehen, in Reutlingen sechs Hektar.
Von Anfang an in der Aspenhau straße im Industriegebiet West sitzt Mediagnost. Die GmbH entstand vor 26 Jahren als Uni-Ausgründung für ein Verfahren, das Hepatits-A-Viren kultiviert und in großen Mengen produziert. Zweites Standbein wurden Testsysteme zur Diagnostik. Ursprünglich saß es in der Tübinger Südstadt, doch die Anwohner waren nicht begeistert. Vor zehn Jahren zog das Unternehmen, das heute 20 Beschäftigte hat, in das Technologiegebäude. „Eine sehr inspirierende Umgebung“, sagte Produktentwickler Markus Langkamp – auch wegen gemeinsamer Projekte mit dem NMI.
Neuester Betrieb ist die 2010 gegründete Sense2care GmbH, die am NMI entstand und ab September mit sechs Leuten auch in der Aspenhaustraße sitzt. Die Gesellschaft will mit einem Mess-System für Operationssäle und Intensivstationen zur Überwachung physiologischer Blutparameter an kritisch kranken Patienten bis 2015 auf den Markt, so Geschäftsführer Andreas Scheipers.
Im Technologiepark teilen sich Tübingen und Reutlingen Steuer-Einnahmen und Ausgaben zur Hälfte, im Reutlinger und Kusterdinger Industriegebiet ist auch Kusterdingen beteiligt. „Das unternehmerische Risiko liegt bei den Firmen, das Risiko der Städte sind Leerstände durch Insolvenzen“, so Pfefferle. Wobei heute Businesspläne viel besser geprüft würden als 2000, bevor die Börsenblase platzte. Scheipers: „Damals hat man Pläne auf Papier skizziert und Geld gekriegt, heute braucht ein Medizinprodukt sieben Jahre, auf den Markt zu kommen.“