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Ein Zeitpolster für das Alter

Ideen für alternde Pflege-Belegschaft

Arbeitszeitkonten, veränderte Schichtmodelle und Qualifizierungsangebote – am Uni-Klinikum bereitet man sich auf die Bedürfnisse einer älter werdenden Belegschaft vor.

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Angelika Bachmann

Tübingen. Die „Rente mit 67“ ist gesetzlich beschlossen. Ist sie aber auch schon in den Personalabteilungen der Firmen angekommen? Oh ja, „das ist ein Thema!“, sagt Gabriele Sonntag. Die Kaufmännische Direktorin des Uni-Klinikums breitet eine Grafik auf dem Tisch aus. Sie zeigt die Altersverteilung der Pflegekräfte am Klinikum. Einen ersten Berg weist das Diagramm für die Beschäftigten im Alter zwischen 20 und 30 Jahren aus. Dann kommt die Elternzeit-Delle (zwischen 30 und 40). Danach steigt die demografische Kurve wieder an: Die Mehrzahl der Pflegekräfte am Uni-Klinikum ist jenseits der 40.

Diese Verteilung wird im Prinzip auch in Zukunft so sein. Mit einem Unterschied: Von den 2489 Pflegekräften am Uni-Klinikum sind derzeit gerade mal 44 älter als 60. Das wird sich mit Sicherheit ändern. Denn nicht nur das gesetzliche Rentenalter steigt an. Auch die Altersteilzeit wird nicht mehr gesetzlich gefördert. Diese Möglichkeit, vorzeitig auszusteigen, wurde aber von vielen Beschäftigten am Uni-Klinikum wahrgenommen, sagt Sonntag.

Mit dem Wegfall der gesetzlichen Förderung sei die Altersteilzeit für Pflegekräfte kaum noch machbar, „da braucht man gar nicht drum rum zu reden“, sagt Sonntag. Ohne Zuschüsse vom Staat und vom Arbeitgeber bliebe am Ende zu wenig Rente übrig. Für das Klinikum heißt das: Die Belegschaft wird im Schnitt älter.

Angesichts des Pflegekräftemangels kommt es der Klinikumsverwaltung zwar einerseits entgegen, wenn gut eingearbeitete Fachkräfte länger im Beruf bleiben. Andererseits stelle man sich die Frage, wie sich Arbeitsalltag und Betriebsstrukturen ändern müssen, um älteren Beschäftigten gerechter zu werden. Gerade in der Pflege, die psychisch und körperlich sehr belastend sei. Die Sparzwänge haben zu einer deutlichen Arbeitsverdichtung geführt, so Sonntag. „Die Mitarbeiter wären natürlich auch dann länger fit, wenn wir finanziell nicht so geknechtet würden.“ Dann könnte sich das Klinikum mehr Personal leisten und die Arbeit würde sich auf mehr Schultern verteilen.

Folgende Strategien als Reaktion auf den geänderten Alters-Mix der Beschäftigten sind am Uni-Klinikum im Gespräch:

Langzeitarbeitskonten: Auf diesen sammeln Beschäftigte über die Jahre Geld und Arbeitszeit an. Beides kann für eine Auszeit oder einen vorgezogenen Ruhestand verwendet werden. Oder aber dafür, auf eine Vier-Tage-Woche zu reduzieren, wenn man im Alter längere und häufigere Regenerationszeiten braucht. Sollte der Beschäftigte den Arbeitgeber wechseln, kann das Geld einfach ausgezahlt werden. Das Uni-Klinikum verhandelt derzeit mit der Gewerkschaft Verdi über die Einführung solcher Langzeitarbeitskonten für die vier Universitätsklinika im Land, berichten Sonntag und der stellvertretende Leiter des Geschäftsbereichs Personal, Dietmar Rau. „Wir wären damit bundesweit Vorreiter“, so Sonntag.

Altersgerechte Arbeitszeiten: Es wird überlegt, Nachtdienste von zehn auf acht Stunden zu verkürzen. Viele Pflegekräfte, die keine Nachtdienste mehr machen, wären bereit, wieder in diese Schicht miteinzusteigen – wenn diese nicht so lang wäre, sagt Pflegedirektorin Jana Luntz. Die Nachtdienste, ergänzt sie, seien ja längst keine Nachtwachen mehr, sondern reguläre Dienste. Am Klinikum sucht man derzeit eine Pilotstation, auf der geänderte Schichtzeiten erprobt werden.

Das Uni-Klinikum verfügt über eine Akademie für Bildung und Personalentwicklung (ABiP), an der es unter anderem „Seminare für Arbeitnehmer/innen 50+“ gibt. Darin werden Bewältigungsstrategien für den beruflichen Alltag vermittelt. Zudem will man fördern und unterstützen, dass Beschäftigte sich auch mit Mitte 50 noch weiterqualifizieren und neue Herausforderungen suchen, sagt die Leiterin der Akademie, Dagmar Brendle.

Andere Aufgabenfelder: Viele ältere Pflegekräfte mögen sich dem strapaziösen Dienst auf der Pflegestation nicht mehr gewachsen fühlen. Mit ihrer Erfahrung sind sie jedoch die idealen Kandidaten für andere Aufgaben am Uni-Klinikum. Im Fall- und Belegungsmanagement zum Beispiel werden die unterschiedlichen Behandlungsschritte eines Patienten aufeinander abgestimmt und geplant – von diagnostischen Untersuchungen bis hin zur Nachsorge. „Dafür braucht man erfahrene Kräfte“, so Sonntag. Ein Vorteil für Ältere: Diese Jobs sind in der Regelarbeitszeit und nicht im Schichtdienst angesiedelt. Zunehmend soll auch der Wechsel auf Verwaltungsstellen, etwa zur medizinischen Dokumentation, möglich sein.

Führungskräfte schulen: Untersuchungen haben gezeigt, dass die Zufriedenheit der Mitarbeiter deutlich steigt, wenn eine Abteilung gut geführt. „Die Leute sind gestresst, wenn die Arbeitsabläufe nicht stimmen, wenn zum Beispiel nicht klar ist, wer für was zuständig ist“, sagt Sonntag. Die Schulung von Führungskräften bis hin zum Ärztlichen Direktor gehört deshalb zum Pflichtprogramm am Uni-Klinikum. So sollen Überlastung und Burn-Out verhindert werden. Burn-Out und psychische Erkrankungen sind heute die häufigste Ursache für eine frühzeitige Verrentung aufgrund einer schweren Erkrankung.

Rente mit 67 – arbeiten mit 60
Seit diesem Jahr wird das Rentenalter schrittweise erhöht. Lag das gesetzliche Rentenalter bislang bei 65 Jahren, wird man im Jahr 2030 erst mit 67 in Rente gehen – formal zumindest. Denn Frühverrentung und Altersteilzeit führen dazu, dass viele sich bereits früher von ihrem Betrieb verabschieden. In einer Serie will das TAGBLATT in Interviews und Porträts der Frage nachgehen: Wie realistisch ist die „Rente mit 67“? Wie erleben Ältere ihren Arbeitsalltag? Und was können Betriebe tun, um ältere Arbeitnehmer in den Betrieben zu halten?


15.11.2012 - 08:00 Uhr | geändert: 15.11.2012 - 22:07 Uhr

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