Curevac, Immatics und Cegat: Auch die Vorzeige-Firmen der Tübinger Biotech-Branche haben klein angefangen. Ohne konsequente Förderung gäbe es sie nicht – oder zumindest nicht in Tübingen.
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Angelika Bachmann
Tübingen. Ein bisschen klingt es so, als könnte Saskia Biskup es immer noch nicht fassen: Dass aus ihrer Idee eine Firma entstanden ist, deren Erfolg selbst alte Hasen im Gründergeschäft staunen lässt. „Nach einem Jahr“, erzählt Biskup, „hatten wir Break-even erreicht“ – die Firma schrieb schwarze Zahlen und machte eine Million Euro Umsatz. Das ist rasant. Normalerweise brauchen Biotech-Firmen Jahre, um sich am Markt zu etablieren.
Cegat heißt die Firma, gegründet haben Saskia Biskup (Medizinerin und Biologin) und ihr Mann Dirk Biskup (Betriebswirtschaftler) sie 2009. Cegat bietet Gen-Analysen und genetische Diagnostik als Dienstleistung für Unis, Ärzte und Kliniken an. Die Geräte-Ausstattung und die Expertise des Cegat-Teams ist so exzellent, dass es an Aufträgen nicht mangelt. Dieser Tage wurde Cegat für den deutschen Gründerpreis nominiert.
In den ersten Monaten war alles unsicher
Derzeit hat Cegat 15 Mitarbeiter. Die Zielrichtung ist für Biskup klar: „weiter wachsen“. Bei einer solchen Erfolgsgeschichte könnte man fast vergessen, dass auch die Biskups in den ersten Monaten schlaflose Nächte hatten. „Als wir gestartet sind, war alles unsicher.“ Die Idee für ihre Firmengründung hatten Biskup und ihr Mann am Strand von Florida. „Das war dann auch der letzte Urlaub, den wir hatten. Seither gab es keinen Tag, an dem wir nicht gearbeitet haben.“
Man kann ein Produkt entwickeln. Doch wie es am Markt angenommen wird, ist schwer zu berechnen. Der erste Business-Plan von Cegat hatte denn auch kaum etwas mit der realen Geschäftsentwicklung gemeinsam. „Außerdem hatten wir die Bedeutung des Marketings komplett unterschätzt“, sagt Biskup. Kunden zu akquirieren – dieses offensive Vorgehen sei man als Wissenschaftler nicht gewohnt. Die ersten anderthalb Jahre seien „ein absoluter Kampf“ gewesen.Dann kam der Durchbruch. Ausgelöst durch eine Veröffentlichung bei „Nature Genetics“ stieg der Bekanntheitsgrad – und mit ihm die Auftragslage. Dass Cegat die anfängliche Durststrecke überstand, lag nicht zuletzt an der Förderung durch die Städte Reutlingen und Tübingen. Deren Technologie-Fördergesellschaft TF R-T vermittelte der jungen Firma Labor- und Büroräume im Biotechnologiezentrum auf der Oberen Viehweide. „Die Räume waren für uns perfekt“, sagt Biskup. Zudem bot der Staffelmietvertrag günstige Bedingungen, gerade in den ersten Monaten, als die Schulden drückten: Für ihr Labor hatten die Biskups hohe Investitionskosten für Geräte. Teure Laborräume zu mieten oder gar selbst zu bauen, wäre kaum zu finanzieren gewesen.
Optimistisch in die Zukunft schauen die Firmengründer (von links): Harpreet Singh (Immatics), Ingmar Hoerr (Curevac) und Saskia Biskup (Cegat), hier auf dem Balkon des Tübinger Biotechnologiezentrums. Doch auch ihre Firmen hatten am Anfang schwierige Phasen zu überstehen. Heute beschäftigen die drei Unternehmen zusammen 165 Mitarbeiter/innen. Im Hintergrund zu sehen: die Gebäude der Zahntechnik-Firma Cumdente. Bild: Sommer
Der Technologiepark liegt zudem in unmittelbarer Nähe zum Schnarrenberg, wo Biskup weiterhin eine Arbeitsgruppe in der Parkinson-Forschung leitet. In ihrer Doppelrolle als Unternehmerin und Wissenschaftlerin geht Biskup auf. Das Standbein in der Wissenschaft will sie auch nicht aufgeben. Gleichzeitig hat es sie gereizt, als Firmenchefin „Verantwortung zu übernehmen“, ein Team zu gestalten, Entscheidungen zu treffen – und dabei Gas zu geben. Dieselbe Technologie, auf der die Firma basiert, an der Universität voranzutreiben, hatte sie sich nur kurz überlegt. „Ich dachte zuerst: Das wird nie funktionieren. Und dann dachte ich: Es dauert ewig, bis ich von der Uni erfahre, dass es nie funktioniert.“
Cegat wird das Gründerzentrum noch einige Zeit benötigen. Die Firma hat zwar gute Umsätze – aber eben auch Schulden. Zudem wolle man „organisch wachsen“ und keine fremden Investoren in die Firma holen. Cegat hat sich schon um zusätzliche Räume beworben – man wolle die Forschung vorantreiben. Nur so könne die Firma die „Poleposition“ am Markt behalten.
Günstige und passende Laborräume – damit steht und fällt manche Firmengeschichte – auch die von Curevac. Die Firma entwickelt Krebsmedikamente auf RNA-Basis. In das Tübinger Biotechnologiezentrum zog die Firma 2003: Die sechs Mitarbeiter belegten damals zwei Labore und drei Büros. Heute ist Curevac der größte Mieter – mit 2000 Quadratmetern, davon 300 Quadratmeter Reinräume und 900 Quadratmeter Labor. Die Firma stellt ihren Impfstoff, der zur Zeit in klinischen Studien getestet wird, selbst her. „Wir brauchten dazu GMP-Labore“ sagt Curevac-Geschäftsführer Ingmar Hoerr. GMP steht für „Good Manufacturing Practice“. Solche Standards sind für die Medikamentenproduktion vorgeschrieben, entsprechende Labore immens teuer – für eine neugegründete Firma kaum zu finanzieren. Die Technologieförderung Reutlingen-Tübingen sprang in die Bresche. Die Investition wird über die Miete allmählich abbezahlt.
Diese Laborräume binden Curevac allerdings auch an den Standort Tübingen. Zudem hat die Firma allmählich eine Größe erreicht, mit der man nicht mehr so einfach umziehen kann. „Wir haben 80 Mitarbeiter, viele davon mit jungen Familien“. Ähnlich ist es bei Immatics, dem zweiten Hauptmieter des Biotechnologiezentrums. Bei ihrem Einzug konnten sie selbst mitbestimmen, wie die Laborräume gestaltet wurden, sich die Räume maßschneidern lassen. Ob es die Firma heute geben würde ohne den Tübinger Technologiepark und Förderprogramme? „Immatics“, sagt Forschungschef Harpreet Singh, „hätte ich trotzdem gegründet.“ Aber er wäre dann vermutlich nach München gegangen., wo man sich in jener Zeit sehr um junge Biotech-Firmen bemüht habe. Auch Immatics entwickelt Krebsmedikamente und ist – wie Curevac – angewiesen auf hoch motivierte und spezialisierte Mitarbeiter. 70 Beschäftigte hat das Team. Dass viele davon in der Familienphase sind, sieht man bereits am Eingang zu den Büroräumen: In einer Vitrine ausgestellt sind neben T-Shirts auch Lätzchen mit dem Firmenlogo. „Unsere Mitarbeiter sind hier in der Gegend verwurzelt“, sagt Singh. Man würde „viel zu viel Energie verlieren“, wenn die Firma ihren Sitz in eine andere Stadt verlegen würde.
Heute profitiert die Uni von ihrem Biotech-Spross
Immatics und Curevac haben beide ihre Wurzeln auf der Morgenstelle. In den Hochhäusern und den Verfügungsgebäuden schlummert manche Idee, die sich vielleicht für eine Firmengründung eignen würde – würden die jungen Wissenschaftler die Unternehmensgründung überhaupt als Karriereoption in Erwägung ziehen. Auch deshalb sei es wichtig, dass Technologie- und Gründerförderung in die Universität hineinreicht und dort präsent ist, wie es die Attempto-Gesellschaft früher war, sagen die Reutlinger und Tübinger Technologieförderer.Sowohl Curevac als auch Immatics wurdenBeide wurden durch das Landesprogramm „Junge Innovatoren“ gefördert. Es ermöglicht Existenzgründern, eine Firma im Schoß der Universität zu gründen. Das Programm finanziert eine halbe Stelle, erlaubt den Firmen, Uni-Einrichtungen (etwa Labore) zu nutzen und bietet Coaching beim Management. Firmen in den Institutsgebäuden – das war anfangs für viele an der Uni ungewöhnlich, sagt Hoerr. Das fing schon damit an, eine Genehmigung dafür zu bekommen, mit dem Auto auf das Gelände der Morgenstelle fahren zu dürfen, wenn man eine Lieferung Labormaterial im Kofferraum hatte. „Allein dafür, dass die Schranken aufgehen“, brauchte man pragmatische Helfer.
Als solche erwiesen sich die Berater der Attempto-Gesellschaft und der Abteilung für Technologie-Transfer in der Uni-Verwaltung. Auch Rektor Eberhard Schaich habe den Technologietransfer forciert. „Wenn ich anfangs auf Riesenhürden gestoßen wäre, hätte ich mir das schon überlegt, ob ich die Firma gründe“, sagt Hoerr rückblickend. „Damals war die Datenlage ja noch viel zu gering, um eine Zukunftsplanung darauf aufzubauen.“ Mittlerweile hat Curevac über 60 Millionen Euro an Risikokapital eingeworben. Auch die Uni profitiert jetzt von ihrem Biotech-Spross, der Drittmittel und Projekte an die Hochschule bringt. „1,5 Millionen Euro haben wir an die Uni in Kooperationsprojekten zurück transferiert“, sagt Hoerr.