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Tübinger Gemeinderat stimmt für neuen Bebauungsplan

Brennenstuhl will anbauen und 30 neue Jobs schaffen

Ein Betrieb will erweitern, Anwohner sind dagegen. Diesen typischen Konflikt gibt es derzeit in Pfrondorf – wenn auch nur zaghaft. Die Firma Brennenstuhl will im Gewerbegebiet Hofstrütle II anbauen. Der Tübinger Gemeinderat zeigte sich am Montagabend mehrheitlich wirtschaftsfreundlich.

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Gernot Stegert

Pfrondorf. Die Gebäude der Firma Brennenstuhl Im Hofstrütle 9 sind auf der Pfrondorfer Hochebene weithin sichtbar. Denn drumherum sind nur Wiesen, Wohnhäuser und kleinere Gewerbebetriebe. Nun will das Unternehmen weiter expandieren, auch baulich. Ein Controlling-, Prüf- und Logistikcenter soll entstehen. Ein paar Anliegern passt das nicht. Sie fürchten beispielsweise Schatten vom neuen großen Gebäude.

Auf diesem Betriebsgelände soll das neue Logistikcenter der Firma Brennenstuhl entstehen. Rechts ... Auf diesem Betriebsgelände soll das neue Logistikcenter der Firma Brennenstuhl entstehen. Rechts ist eine bestehende Halle zu sehen, hinten die Nachbarhäuser im Gewerbegebiet. Bild: Stegert

Tatsächlich will Brennenstuhl 15 Meter hoch bauen. Das sind fünf mehr als nach dem bisherigen Bebauungsplan erlaubt. Auch die festgelegte maximale Gebäudelänge von 80 Metern wird um etwa 45 Meter überschritten. Die Baugrenzen werden teils verletzt. Rechtlich möglich wäre das alles durch eine Befreiung. Doch da müssten die Nachbarn mitmachen.

Das Elektronik-Unternehmen gestand immerhin eine Abstufung des Gebäudes gen Norden zu, also Richtung Anlieger. Auch würde das Gebäude dort wegen leichter Hanglage gar nicht so weit aus dem Erdreich herausragen wie im Süden. Doch zu einer Einigung kam es nicht. Also blieb nur der zweite Weg: ein neuer Bebauungsplan, der den alten von 1995 gleichsam überschreibt. Dafür hat sich am Montagabend der Tübinger Gemeinderat mit nur einer Enthaltung von Gretel Schwägerle (CDU) entschieden. Zuvor hatte bereits der Pfrondorfer Ortschaftsrat mit acht Ja-Stimmen und drei Enthaltungen entsprechend votiert.

Beschlossen sind damit aber keineswegs die Brennenstuhl-Pläne eins zu eins. Der Gemeinderat hat erst einen Aufstellungsbeschluss gefasst. Das heißt: Die eigentliche baurechtliche Planung beginnt, auch die Beteiligung von Bürgern. Gegner können ihre Einwände also noch einbringen.

Die Stadträte taten sich nicht leicht mit den Dimensionen des geplanten Baus. Doch in Gesprächen mit der Geschäftsführung kam die Verwaltung zum Ergebnis: Weniger geht aus betrieblichen Gründen kaum. Und eines war unstrittig: Die Firma soll am Standort in Pfrondorf gehalten werden.

Wie wichtig dieses Signal für die Firma ist, machte Unternehmensgründer Hugo Brennenstuhl gestern gegenüber dem TAGBLATT deutlich. Wenn der Bau nicht zustände käme, „dann wäre das ein Riesenproblem für Pfrondorf“. Man müsste ins Ausland verlagern und habe bereits einen Plan B, erklärte der alteingesessene Pfrondorfer. Zu groß sei der Druck der internationalen Konkurrenz, vor allem aus China. Doch das Bekenntnis ist klar: „Wir wollen in Deutschland bleiben.“ Das Unternehmen müsse die „Flucht nach vorne“ antreten und stetig weiterwachsen, wie in den mehr als 50 Jahren zuvor auch, erläuterte der Firmengründer. Und das Unternehmen, das seine Produkte mit täglich 40 bis 60 Sattelschleppern vertreibe, müsse bei den Wegen durch Logistik sparen. Dafür sei das geplante neue Gebäude unverzichtbar, sagte Brennenstuhl. Überdies würden 30 neue Arbeitsplätze geschaffen.

Eine Verlagerung ins Ausland wollte niemand im Gemeinderat riskieren. In der Aussprache zeigten sich allerdings teils überraschende Unterschiede. Die CDU sorgte sich um Solaranlagen auf den Dächern von Nachbarn, die verschattet würden – die es allerdings kaum gibt, wie ein Blick vor Ort zeigt. Gretel Schwägerle formulierte ihre Bedenken. CDU-Fraktionschef Albrecht Kühn (CDU) sagte zwar: „Wir sollten Tübinger Betriebe weitestgehend unterstützen.“ Auch wolle er prinzipiell eher den Ortschaftsräten folgen. Doch forderte er eine gründliche Diskussion über die Gebäudehöhe und mögliche Schatten. Da müssten noch „echte Veränderungen“ her.

Brennenstuhl berichtete dem TAGBLATT allerdings von einem Gutachten zur Verschattung. Demnach würde der Schatten die Nachbarhäuser nur bei tief stehender Sonne um die Weihnachtszeit herum und dann auch nur für ein bis zwei Stunden am Tag treffen.

Oberbürgermeister Boris Palmer erklärte die Einbußen für mögliche Solaranlagen für geringfügig. Wichtiger war dem Grünen-Politiker die Wirtschaftsförderung: „Vertrauensschutz gilt auch für die Firma Brennenstuhl. Die Pfrondorfer mussten immer damit rechnen, dass da noch gebaut wird. Die Anwohner sollen alle ihre Rechte wahrnehmen und Einwände formulieren, aber genauso wichtig ist mir, dass wir wirtschaftsfreundlich sind.“ Brennenstuhl sei „ein bedeutendes Unternehmen dieser Stadt“. Zudem dämpfte der OB Hoffnungen, die Gebäudehöhe zu senken. Die Geschäftsführung habe gesagt: „Die Regaltechnik gestattet es nicht, das Gebäude niedriger zu bauen.“

Die Anlieger mit Einwänden wohnen im Gewerbegebiet, das Wohnhäuser nur für die dort angesiedelten Handwerker vorsieht.

Klaus te Wildt (SPD) formulierte pointiert: „Wer bauen will, soll bauen.“ Der Pfrondorfer sagte, Brennenstuhl schaffe Arbeitsplätze, die Pläne seien „kein Verbrechen“. Helga Vogel (AL/Grüne) – ebenfalls aus Pfrondorf – freute sich, dass mit einem neuen Bebauungsplan ein klares transparentes Verfahren eingeleitet werde. Das sei besser als Ausnahmen über eine Befreiung. Ähnlich äußerten sich Gerlinde Strasdeit (Linke) und Ulrike Heitkamp (WUT). Dietmar Schöning (FDP) betonte: „Wir sind ja erst am Anfang des Verfahrens.“

Zufrieden zeigte sich Ortsvorsteher Siegfried Rapp mit dem Beschluss der Stadträte. Er sagte dem TAGBLATT: „Es ist schön, dass die Stadträte dem Ortschaftsrat folgen.“ Man sei bereits an den Vorbereitungen für das Gewerbegebiet Hofstrütle III. Das soll gegenüber auf der bisher noch unbebauten Seite der Blaihofstraße entstehen und Handwerkern „mit Bezug zu Pfrondorf“ vorbehalten bleiben.

Zahlen und Fakten zur Firma Brennenstuhl
Die Brennenstuhl GmbH & co. KG gibt es seit 1958. Seither wächst das Unternehmen kontinuierlich und zählt heute europaweit zu den führenden Unternehmen im Bereich Elektronik und Elektrotechnik. Der Umsatz liegt „im neunstelligen Bereich“, sagte Brennenstuhl dem TAGBLATT. Weltweit habe das Unternehmen 350 Mitarbeiter, davon 200 am Sitz in Pfrondorf. Weitere Standorte sind in Frankreich, Österreich und der Schweiz. Zahlreiche nationale und internationale Patente schützen die Innovationen. Weltweit sind mehr als 100 Millionen Produkte in Gebrauch und werden in über 100 Ländern vertrieben. Die Palette umfasst neben Geräten zur Stromverteilung (u.a. Kabeltrommeln, Kabelboxen und Steckdosenleisten), Solar-Technik, Solar-Leuchten, LED-Strahler und LED-Leuchten auch Geräte zum Überspannungsschutz sowie zur Haus- und Sicherheitstechnik (etwa Bewegungsmelder und Rauchmelder).


22.11.2012 - 08:00 Uhr | geändert: 22.11.2012 - 08:04 Uhr

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