In der Tagesstätte Olgastraße der Caritas bekommen Bedürftige täglich eine warme Mahlzeit. In der Landeshauptstadt wächst die Armut.
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CHRISTIAN FEHRENBACH
Stuttgart Punkt 12 Uhr, eine Kantine mitten in Stuttgart: Knapp 20 Menschen stehen in einer Schlange und warten auf ihr Essen. "Entenkeule, Honig-Pfeffersauce, Rotkohl, Salzkartoffeln" steht auf einer Tafel. "Armenküche heißt heutzutage längst nicht mehr ein Teller Suppe", erklärt Caritas-Mitarbeiterin Johanna Renz, kurz nachdem sie ein weiteres der 1,80 Euro teuren Essen über die Theke geschoben hat. Und sie betont: "Der Mensch braucht mehr als einen vollen Bauch."
Seit 1978 arbeitet Renz mit "denen, die ganz am Rande sind", wie sie selber sagt. Jeden Tag erlebt die 63-Jährige nicht nur angesichts neuer Speisepläne, wie sich die Armut in diesem Land verändert. "Die Chancen der Leute, wieder zurückzukommen, wenn sie mal arm sind, sind geringer geworden", beobachtet sie. Durch Niedriglöhne und befristete Arbeitsverhältnisse habe sich die Armut in andere Gesellschaftsschichten verlagert.
Im Großraum Stuttgart wuchs die Armutsquote von 9,2 Prozent im Jahr 2008 auf nun 10,9 Prozent - immerhin ein Anstieg um fast ein Fünftel. Allein in Stuttgart, die als eine der reichsten Städte bundesweit gilt, ist mit 15,1 Prozent mehr als jeder Siebte von Armut bedroht. Mit täglich 120 Frühstücken und Mittagessen versucht die Caritas, ihnen Hilfe zu geben. Ähnliches bietet die Evangelische Gesellschaft oder die im Winter beliebte "Vesperkirche". Viele Institutionen berichten von größerem Hilfsbedarf.
"In unseren Fachbereichen gibt es zwischen zehn und fünfzehn Prozent mehr Anfragen als im Vorjahr", stellt Harald Wohlmann fest. Er arbeitet beim Stuttgarter Caritasverband als Leiter für die "Offene Hilfe für Wohnungslose". Wohlmann beobachtet in Stuttgart zwar eine große Spendenbereitschaft, doch die rasant steigenden Mieten seien ein großes Problem. "Für arme Menschen bieten wir solitär etwas an, so dass sich die Gesellschaft nicht mehr damit auseinandersetzen muss", meint Wohlmann mit Blick auf spezielle Supermärkte und kaum bezahlbare Wohnungen. Johanna Renz glaubt, dass bei genauerem Hinsehen viele Menschen überrascht wären, welche Schicksale sich hinter den Zahlen verbergen. "Schauspieler, Philosophen, Geschichtskenner: Wenn man bereit ist, seine Vorurteile zuzugeben, sieht man hier die Palette menschlichen Reichtums."
25.01.2013 - 08:30 Uhr
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