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Leiche bereits mumifiziert

Tote lag zwei Jahre in der Wohnung

In einer Wohnung in Stuttgart-West sind die sterblichen Überreste einer Frau entdeckt worden. Die Kripo geht davon aus, dass sie zwei Jahre tot war.

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SEBASTIAN STEEGMÜLLER JAN-PHILIPP SCHÜTZE

Stuttgart Der Anblick der Mumifizierten sei selbst für die Einsatzkräfte schockierend gewesen, sagte eine Polizeisprecherin. In einer Wohnung in Stuttgart-West wurden die sterblichen Überreste einer Frau gefunden, die wohl im Februar 2011 im Alter von 80 Jahren gestorben war. Auch ohne große Obduktion der Verstorbenen konnten die Polizeibeamten den Todeszeitpunkt schnell eingrenzen. Grund: Im überfüllten Briefkasten der Bewohnerin fanden die Ermittler bis zu zwei Jahre alte Post.

Der immer voller werdende Briefkasten der ansonsten vereinsamten Frau - ihr Sohn lebt seit Jahren im Ausland - blieb auch den Nachbarn im Mehrfamilienhauses in der Gutbrodstraße irgendwann nicht mehr verborgen. Sie wandten sich in der Vergangenheit wohl mehrfach an die Hausverwaltung, am Mittwoch alarmierten sie dann die Polizei. Diese fand eine Wohnung vor, bei der die Fenster verschlossen und die Wohnungstür mit mehreren Schlössern von innen verriegelt war. Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden am Tod der Frau gebe es nicht, bestätigt die Polizeisprecherin, die den Nachbarn keinen Vorwurf mache. "Es gibt keine rechtliche Verpflichtungen. Auch für die Hausverwaltung gibt es kein vorgeschriebenes Handlungskonzept." Auffälliger Gestank sei ebenfalls nicht aus der Wohnung gedrungen.

Nicht ungewöhnlich, bestätigt Felix Amrein, Aufseher im Leichenhaus auf dem Pragfriedhof. "Zu einem starken Verwesungsgeruch muss es in solchen Fällen nicht zwangsläufig kommen. Der Geruch kann bis ins Treppenhaus gelangen oder kaum wahrnehmbar sein." Dies könne unter anderem auch damit zusammenhängen, wie luftdicht die Wohnung abgeschottet sei. Er sei seit 20 Jahren im Dienst und habe auch schon Fälle erlebt, wo selbst direkt vor der Wohnungstür keinerlei Auffälligkeiten zu bemerken gewesen seien. "Fäulnisgeruch heißt nicht umsonst so", fügt Dr. Frank Wehner, Rechtsmediziner am Robert-Bosch-Krankenhaus, hinzu. Der unverkennbare Geruch entstehe durch Fäulnis-Bakterien, die bei Sauerstoffmangel und Feuchtigkeit aktiv werden. "Wenn aber in der Wohnung, in der die Leiche liegt, viel trockene und warme Luft vorhanden ist, kann es stattdessen auch nur zu einer Mumifizierung kommen."

So wie im aktuellen Fall, der die Polizeisprecherin nicht einfach zur Tagesordnung zurückkehren lässt. "Er gibt mir zu denken. Es ist sehr bedauerlich, wenn ältere Menschen so wenig soziale Kontakte haben, dass sie zwei Jahre nicht vermisst werden." Auch Claudia Mann, Pressesprecherin der Diakonie Württemberg, ist sichtlich betroffen. "Der Fall ist traurig und unfassbar. Ich kann mich an nichts Vergleichbares erinnern." Sie frage sich schon, "wie das mit den Nachbarn ist". Sie betone, dass älteren Menschen, die in ambulanter Pflege sind, so etwas nicht passieren könne. "Sollte bei den Besuchen unserer Mitarbeiter niemand aufmachen, benachrichtigen diese sofort die Angehörigen oder alarmieren die Einsatzkräfte."

Das bestätigt auch die Polizeisprecherin: "In Betreuung wäre das nicht vorgefallen. Viele alte Menschen leben jedoch alleine, sind auf fremde Hilfe nicht angewiesen." Sie rate Anwohnern, sich bei einem dummen Gefühl an die Polizei zu wenden. "Vielleicht ist ein Nachbar in seiner Wohnung nur gestürzt und kann sich nicht mehr selbst helfen." Wo die zeitliche Grenze liege, sei sehr schwer abzuschätzen. "Früher sind Fälle, wie der jüngste im Stuttgarter Westen, deutlich seltener gewesen. Sie fielen schneller auf, heute werden Strom, Rente und Miete automatisch abgebucht." Der Kontakt zur Bank laufe maschinell ab. Daher sei es auch kein Einzelfall, dass Tote erst nach Wochen in ihren Wohnungen gefunden werden. "Das ist so alltäglich, dass wir es nicht mehr an die Presse weitergeben." Sogar Zeiträume von mehreren Monaten seien keine Seltenheit: Am 6. März 2012 wurde ein 70 Jahre alter Mann, der sich in seiner Wohnung von der Außenwelt abschottete, vollkommen verwest aufgefunden worden. Im Januar 2007 wurde ein 78-Jähriger entdeckt, der 15 Monate lang tot in seiner Wohnung im Stadtteil Rot gelegen hatte.

25.01.2013 - 08:30 Uhr

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