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Schikane im Job ist keine Seltenheit

Seit gut 15 Jahren hilft das Mobbing-Telefon

Fünf Prozent der Deutschen wurden laut einer aktuellen Studie der Techniker-Krankenkasse am Arbeitsplatz schon einmal schikaniert. Der Druck im Job nimmt zu - und mit ihm Mobbing. Doch es gibt Hilfe.

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ELKE HAUPTMANN

Stuttgart Wo Menschen über viele Stunden zusammenarbeiten, gibt es Reibungspunkte und Auseinandersetzungen - das ist normal. "Es ist noch nicht Mobbing, wenn mal ein böses Wort fällt. Kritisch wird es aber dann, wenn ein Mitarbeiter systematisch über einen längeren Zeitraum schikaniert wird", weiß Wolfgang Herrmann aus Erfahrung: Der Betriebsseelsorger leitet das Mobbing-Telefon Region Stuttgart. Dort melden sich regelmäßig Betroffene, die einfach nicht mehr weiter wissen. "Nicht selten haben sie bereits über Jahre persönliche Angriffe am Arbeitsplatz erlebt, leiden körperlich und psychisch."

Artikelbild: Seit gut 15 Jahren hilft das Mobbing-Telefon Schikanen am Arbeitsplatz können vielfältig sein. Die Betroffenen leiden unter den Angriffen oft körperlich und psychisch. Foto: Archiv

Zur Zielscheibe könne jeder werden, typische Charaktereigenschaften, die einen Menschen zum bevorzugten Opfer machen, gebe es nicht. "Aber es ist auffällig, dass vor allem ältere Arbeitnehmer gemobbt werden. Häufig, um sie loszuwerden", berichtet Herrmann. Grund dafür sei unter anderem der wirtschaftliche Druck vieler Unternehmen, der die Arbeitsbelastung anwachsen und das Betriebsklima rauer werden lasse. Der zielgerichtete Terror - ob direkt durch öffentliche Angriffe und Streitereien oder indirekt durch Intrigen und Gerüchte - finde durchaus zwischen Kollegen statt, viel öfter aber gehe er von Vorgesetzten aus. "Eine gewisse Strategie ist erkennbar", meint Herrmann.

Die Vehemenz und Intensität von Mobbing sei jedenfalls stärker geworden, stellt auch Pfarrer Paul Schobel fest, der das Mobbing-Telefon 1997 mit initiiert hat. Es war eine der ersten Einrichtungen dieser Art in der Region. Damals habe man das Thema kaum ernst genommen, erinnert er sich an die Anfänge. "Mittlerweile aber wächst das Bewusstsein für diese Problematik, zumindest in größeren Firmen." Denn Mobbing schade auch dem Unternehmen, unter anderem durch hohe Krankenstände, große Mitarbeiterfluktuation und langwierige Rechtsstreitigkeiten.

Vor allem Frauen ab 30 Jahren seien betroffen, berichtet Schobel aus der Beratungspraxis. In sozialen Berufen sei Psychoterror am Arbeitsplatz am häufigsten, gefolgt von Verwaltungsberufen. Den Seelsorger verwundert das nicht: "Mobbing geht oft einher mit organisatorischen Mängeln und permanent hoher Arbeitsbelastung." Deshalb ist er auch wenig zukunftsoptimistisch: "Das Problem wird bleiben." Wenn die Wirtschaft schwächle, würden die Arbeitsplatzunsicherheit und der Konkurrenzdruck steigen - und damit auch das in der Öffentlichkeit derzeit viel präsentere Phänomen "Burn out", das eine Folge von Mobbing sei.

Das Mobbing-Telefon Region Stuttgart ist ein Gemeinschaftsprojekt von katholischer und evangelischer Betriebsseelsorge, dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) sowie dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Durch diese Zusammenarbeit hebe man sich von den üblichen Ratgeber-Angeboten ab. "Wir kennen viele Betriebe von innen, wissen, wie die Strukturen sind", betont Schobel, der sich - mittlerweile pensioniert - als "Industriepfarrer" im Dekanat Böblingen der Diözese Rottenburg-Stuttgart einen Namen gemacht hatte.

Das Beraterteam besteht ausschließlich aus ehrenamtlichen, lebenserfahrenen Mitarbeitern, die aus verschiedenen Berufen und Branchen kommen. Sie hören sich am Mobbing-Telefon (anonym) die Probleme der Betroffenen an, geben Verhaltenstipps, erarbeiten gemeinsam Lösungen, stehen bei Bedarf auch für ein persönliches Gespräch zur Verfügung - und das alles unentgeltlich. "Aber wir sind nicht mehr als eine erste Anlaufstelle", räumt Herrmann ein. "Wir ermutigen Betroffene, selbst Schritte zur Bewältigung ihrer Situation zu unternehmen." Oft liege ihr "nur" ein ungeklärter Konflikt zugrunde. Bei schwerwiegenden Problemen werde fachkompetente Hilfe vermittelt - zumeist Ärzte und Therapeuten. In manchen Fällen sei auch Rechtsbeistand notwendig - dennoch hält Schobel nicht viel davon, gleich juristische Schritte gehen zu wollen. Denn: "Mobbing ist keine Straftat."

Info Das Mobbing-Telefon Region Stuttgart ist Dienstag und Donnerstag jeweils von 17 bis 19 Uhr besetzt - allerdings erst wieder nach den Sommerferien. Die Rufnummer lautet (0711) 202 836 0.

20.08.2012 - 08:30 Uhr

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