21.09.2012 Drucken Empfehlen
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überraschenden Fund in Bad Cannstatt

Archäologen entdecken Holzboden der Römer

Ein Fund in Bad Cannstatt ist sensationell: Ein mindestens 30 Quadratmeter großer Holzboden, der mehr als 1900 Jahre alt ist. Mit ihm lässt sich die Ankunft der Römer am Neckar genauer datieren.

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ULI NAGEL

Stuttgart "Hier entsteht in Kürze ein Mehrfamilienhaus mit acht Eigentumswohnungen", steht auf dem Bauschild im Sparrhärmlingweg 6, wo im vergangenen Jahr die Neuapostolische Kirche abgerissen worden war. Doch die Bauherren, die bereits gut vier Monate im Verzug sind, müssen sich noch einige Tage gedulden. Denn die Archäologische Denkmalpflege des Regierungspräsidiums Stuttgart, die hier seit Mai zugegen ist, hat ihre Arbeiten noch nicht ganz abgeschlossen. "Ende September werden wir die Baustelle räumen", verspricht Andreas Thiel, Archäologe bei der Landesdenkmalpflege den Eigentümern, die die Ausgrabungen seit Wochen verfolgen.

Artikelbild: Archäologen entdecken Holzboden der Römer Experten vom Bodensee werden ab kommendem Montag den gut 30 Quadratmeter großen Holzboden unter die Lupe nehmen. Fotos: Uli Nagel

Der Grund für die massive Verzögerung ist historisch bedeutsam, wenn nicht sogar laut Thiel "sensationell". Denn in der vergangenen Woche stießen die Archäologen auf einen mindestens 30 Quadratmeter großen Holzboden. "Er war luftdicht in einer Tonschicht eingebettet, und so hat sich das Eichenholz hervorragend erhalten", so Andreas Thiel. Auf einer Unterkonstruktion auf etwa 30 Zentimeter breiten Brettern ruhen quer liegende, massive Balken. Da beides auch nach mehr als 1900 Jahren noch in einem guten Zustand ist, können sie vermutlich einzeln herausgenommen und geborgen werden. Doch leider nicht alle, das wäre viel zu zeitintensiv.

Artikelbild: Archäologen entdecken Holzboden der Römer Archäologe Andreas Thiel steht vor den Resten eines römischen Gebäudes.

"Die Funktion des Bodens gibt uns jedoch noch Rätsel auf", sagt der Denkmalpfleger, wobei es drei Theorien gebe. Es könne sich zum einen um Teile eines größeren Holzgebäudes der römischen Ansiedlung handeln. Denkbar ist aber auch, dass die römischen Soldaten, die in Cannstatt den Neckarlimes schützten, an diesem Platz vor den Toren des Kastells ein Wasserbecken als Zisterne errichteten, da die Versorgung mit Frischwasser auf der Hochterrasse über dem Fluss Schwierigkeiten bereitete. Schlussendlich könnte es sich auch um eine hölzerne Schicht handeln, die die darüber liegende Straße vor aufsteigendem Wasser schützen sollte. "Ab kommendem Montag kommen Experten vom Bodensee, die dies klären sollen."

Zudem werden Holzproben entnommen, anhand derer sich das Fälldatum des Baumes bestimmen lässt. "Sicher mehr als nur ein Indiz, wann sich die Römer erstmals am Neckar niedergelassen haben", so der Archäologe. Denn bisher können und wollen sich Historiker auf kein genaues Datum festlegen.

Fakt ist: Ab etwa 100 lag auf dem Hallschlag das Zentrum des römischen Cannstatt. Thiel schätzt die Zahl der Bewohner der Siedlung samt Kaserne auf etwa 2500. "Heute nicht mehr als eine Kleinstadt, damals zählte der Ort jedoch sicher zu den Top-Ten im Südwesten." Bekannt ist auch, dass der heutige Sparrhärmlingweg dem Verlauf der einstigen römischen Straße vom Neckar über die Prag in Richtung Pforzheim und weiter an den Rhein entspricht. Untersuchungen der Zeit um 1900 und der 1950er Jahre belegten zudem bereits Reste römischer Steingebäude nördlich dieses Straßenzuges. Die Ausgrabungen auf dem Baugrundstück Sparrhärmlingweg 6 zielten darauf ab, die Berichte dieser alten Ausgrabungen zu bestätigen und noch vorhandene Bodenzeugnisse der Römerzeit zu dokumentieren und zu bergen. In den vergangenen Wochen wurden so massive, zum Teil bis zu zwei Meter hohe Mauerreste der antiken Ansiedlung freigelegt. Darunter drei Mauerteile eines Gebäudes, dass gut 40 Meter lang und 18 breit gewesen sein muss. "Das wurde 1957 mit der apostolischen Kirche kurzerhand überbaut", so Thiel. Der Grund: Damals gab es noch kein Denkmalschutzgesetz. Ob sich die gefundenen Mauerreste erhalten lassen, muss die Bautechnik entscheiden. Denn das Gemäuer liegt an der Grenze zum Baufeld.

Beeindruckend war auch der Fund eines römischen Straßenkörpers, der mindestens sechs Meter breit und mit einer knapp einen Meter starken Steinpackung versehen ist. Hier, wie auch auf der übrigen Baustelle, wurden zudem weitere Beweise römischer Zivilisation entdeckt: Öllampen, Münzen, Siegelkapseln und jede Menge Tonscherben. Was nicht geborgen werden konnte, wird jedoch in den kommenden Wochen - wie auch die alte Römerstraße - verschwinden. Diesmal für immer. "Da blutet einem Archäologen immer das Herz", so Andreas Thiel, der jedoch weiß, dass angesichts der vielen Bauarbeiten auf dem Hallschlag in den kommenden Jahren er nicht zum letzten Mal hier Gast war.

21.09.2012 - 08:30 Uhr

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