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Maßarbeit hinter den Kulissen

70 Mitarbeiter stellen in den Dekorationswerkstätten des Staatstheaters Bühnenbilder her

Sie zaubern die Kulissen am Staatstheater Stuttgart. Was Oper, Schaupiel und Ballett an Bühnenbild brauchen, ist das Werk von 70 Mitarbeitern der Dekorationswerkstätten. Sie sind Meister ihres Fachs.

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SEBASTIAN STEEGMÜLLER

Stuttgart Hier mal eben etwas fest getackert, dort mal mit Gafferband den Scheinwerfer fixiert oder noch schnell eine Trennwand festgenagelt, bevor die Premiere los geht - gang und gäbe für kleine Häuser, am Stuttgarter Staatstheater undenkbar. Flickschusterei sucht man sowohl beim Ballett, beim Schauspiel als auch in der Oper vergebens. In den Kulissen steckt monatelange Arbeit, dahinter ein Team von ausgebildeten Handwerkern. Egal ob Schlosser-, Schreiner- oder Malermeister - ohne die Profis wären die Bühnenbilder nicht zu realisieren. Beispielsweise der weiße Salon des Ehepaars Einstein in der "Fledermaus": Ein weißer Kubus, der sich auf der Bühne, wie ein Riesenrad, um die eigene Achse dreht.

Artikelbild: 70 Mitarbeiter stellen in den Dekorationswerkstätten des Staatstheaters Bühnenbilder her Der Malsaal zählt zu den weltweit größten seiner Art innerhalb eines Theaters. Hier entstehen Bilder im XXL-Format, Arbeiten von Azubis schmücken die Wände. Foto: Steegmüller

"Es war bislang die aufwendigste Installation. Teilweise hängen Sänger und Statisten über Kopf in der Trommel. Zu deren Sicherheit musste gewährleistet sein, dass die Mechanik nicht unvermittelt stehen bleibt und im Notfall auch weitergedreht werden kann", sagt Bernhard Leykauf, Leiter der Dekorationswerkstätten. Obwohl man Experten wie Statiker an Bord habe, hole man sich für solche Fälle die Meinung eines externen Gutachters ein. "Zur eigenen Absicherung. Viele schwebende Lasten über den Köpfen der Darsteller bedeuten eine große Verantwortung", sagt Leykauf. Dank hoher Standards sei man von schweren Unfällen "glücklicherweise verschont geblieben".

Artikelbild: 70 Mitarbeiter stellen in den Dekorationswerkstätten des Staatstheaters Bühnenbilder her Den Tierschädel, den Bernhard Leykauf in der Hand hält, sieht täuschend echt aus. Er wurde jedoch von den Bildhauern aus Gips modelliert

An ein großes Haus stelle der Besuche große Ansprüche. Wie viel Arbeit aber wirklich dahinter steckt, sehen nur die wenigsten. Bis ein Bühnenbild steht, ist es ein langer Weg." Zum einen muss es massiv sein, um Jahrzehnte zu überdauern. Beste Beispiele sind die Oper "Alcina", die seit 1998 läuft, und einige John-Cranko-Stücke, die schon seit den 60er-Jahren regelmäßig im Programm sind. Zum anderen sollte ein Bühnenbild auch innerhalb von drei Stunden auf- und abbaubar sein. Dabei ist bei den Einzelteilen, die meistens auf massiven Rollen stehen, auf eine Maximalhöhe von 3,48 Metern zu achten. "Sonst passen sie gekippt nicht mehr in den Aufzug und können nicht in unser Zentrallager gebracht werden." Natürlich muss auch die Kalkulation stimmen und der Aufwand im abgesteckten Rahmen bleiben. Während im Schauspiel zur Not auch Mal acht Wochen Vorlauf reichen müssen, beträgt die Vorbereitungszeit bei Opern und Balletten schon Mal bis zu zehn Monate.

Den Anfang der Produktionen machen immer Innenarchitekten, Konstrukteure und Bauzeichnerinnen, die mit CAD-Programmen aus den häufig auch kontrovers diskutierten Vorgaben der Bühnenbildner quasi ständig neue Prototypen entwerfen. Unter anderem einen Personenaufzug, der im Probezentrum Nord im Stück "Himbeerreich" eingesetzt werden soll. Das Problem: An der Interimsspielstätte des Schauspiels gibt es an der Decke keine Obermaschinerie, der Hebemechanismus musste über Bänder- und Kettenzüge bewerkstelligt werden. "80 Prozent unserer Schlosser waren skeptisch, ob die Konstruktion wirklich funktioniert." Zu unrecht. Sie wurde dieser Tage bei der sogenannten "technischen Einrichtung" abgenommen, am 11. Januar findet die Uraufführung statt.

Auch Otfried Preußlers Krabat, das im März als Ballett im Opernhaus Premiere feiert, sorgt bei Leykauf noch für Kopfzerbrechen. Vor allem das Thema Brandschutz. "Wir dachten nicht, dass es so ein Aufwand ist, aber die Bühne wird von 1200 Säcken umrahmt. Damit die Laken feuerfest sind, wird zu schwerentflammbaren Stoffen gegriffen, die 100 Kubikmeter Holzwolle wohl zudem in feuerfeste Flüssigkeit getränkt. Letzteres lassen wir eine Spezialfirma machen", sagt der 51-Jährige. Trotz des riesigen Malsaals, viel Know-how der 70 Mitarbeiter und der Unterstützung einiger Azubis stoßen die Dekorationswerkstätten ab und zu an ihre Kapazitätsgrenzen. "Die Ausnahme. Grundsätzlich versuchen wir alles selbst herzustellen", so Leykauf, der vor 17 Jahren als Schreinermeister am Staatstheater anfing. "Ich habe mich auf eine Annonce in einer Zeitung beworben und war am Anfang von der Größe geplättet." Seit acht Jahren leitet er die Dekorationswerkstätten, eine Rückkehr in eine Schreinerei ist für ihn nur schwer vorstellbar. "Mich faszinieren am Staatstheater die Abwechslung und die Atmosphäre. Viele von unseren Handwerkern sind hoch qualifiziert und könnten woanders mehr Geld verdienen. Sie schätzen es aber, dass sie sich hier jeden Tag neu verwirklichen können."

29.12.2012 - 08:30 Uhr

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