Zu teuer und zu kompliziert: Kartenvergabe schreckt die Fußballfans ab
Fünf Monate vor dem Anpfiff läuft der Ticket-Verkauf für die Fußball-WM schleppend - besonders im Gastgeberland Südafrika. Grund ist das komplizierte Verfahren. Nun soll es Karten über den Tresen geben.
Anzeige
KARL-LUDWIG GÜNSCHE
Umständliches Registrierungsverfahren: Nur wenige südafrikanische Fußball-Fans stehen dafür an. Foto: dpa
"Nach dem gegenwärtigen Stand wird England bei den Spielen seiner Nationalmannschaft mehr Unterstützung durch britische Fans haben, als Bafana - die Nationalmannschaft Südafrikas - durch einheimische Anhänger", sagt der Chef des lokalen WM-Organisationskomitees (LOC) 2010, Danny Jordaan, traurig. Sogar der Mann, der bisher noch alles schöngeredet hat, muss eingestehen, dass die WM für Südafrika zum Flop werden könnte: "Dies wird wohl die erste Fußball-Weltmeisterschaft in der Geschichte, bei der die Gastgebernation nicht die meisten Tickets gekauft hat." Nicht einmal unter die ersten zehn habe es Südafrika bisher auf der Top-Liste der Kartenverkäufe gebracht. Selbst für die Vorrundenspiele der südafrikanischen Mannschaft gegen Mexiko, Uruguay und Frankreich seien bisher nur wenige Karten verkauft worden, klagt der sonst immer so optimistische LOC-Chef.
Auch aus den fünf anderen afrikanischen Ländern, die sich für die WM qualifiziert haben, kommen knapp sechs Monate vor dem Anpfiff keine ermutigenderen Nachrichten: Insgesamt seien in allen teilnehmenden afrikanischen Ländern - Kamerun, Nigeria, Algerien, Elfenbeinküste, Ghana und Südafrika - "weniger als 100 000 Karten" abgesetzt worden, erklärte Jordaan im Gegensatz zu Angaben der Fifa. Der Fußball-Weltverband hatte fünf Monate vor dem Anpfiff bekanntgegeben, insgesamt seien rund 800 000 Karten verkauft, rund 70 Prozent davon in Südafrika. Jordaan fordert daher eine Änderung der komplizierten Prozedur beim Kartenkauf. Ab Mitte April sollen die Tickets in Südafrika "über den Tresen" verkauft werden.
Südafrikaner müssen ihre WM-Karten bisher entweder über das Internet bei der Fifa bestellen oder bei der FNB-Bank - Sponsor der Fifa - ein kompliziertes Bewerbungs-Formular ausfüllen. Damit sind offenbar gerade die begeisterten Fußball-Fans in den Townships überfordert, die weder Internetzugang noch Kreditkarten haben. "Aber", schreibt Arlene Levitan in einem Leserbrief an die Wochenzeitung "Mail&Guardian": "Ich denke, der Preis für die Tickets ist abschreckender als die Bewerbungsprozedur. Für Südafrikaner sind sie einfach unbezahlbar." Preise ab 136 Rand (13 Euro) auf den billigsten Plätzen der Vorrundenspiele sind in einem Land mit Durchschnittseinkommen von monatlich rund 2000 Rand (190 Euro) für die meisten unerschwinglich. "Doch", so hofft Poly Ticks auf der Leserbriefseite des "Mail&Guardian", "am Ende werden sie die leeren Ränge wieder mit den wenig bemittelten Fans füllen".
Denn bereits beim Confederation Cup im vergangenen Jahr hatte Südafrika sich beim Ticketverkauf verspekuliert. Von den rund eine Million Karten sind offiziell nur knapp 500 000 verkauft worden. Südafrikanische Medien berichteten, in Wirklichkeit seien es noch viel weniger gewesen. Um der Welt nicht TV-Bilder mit kaum besetzten Stadien zeigen zu müssen, seien die Tore in letzter Minute für alle geöffnet worden. Beim Afrika-Cup in Angola wurden bei einem Spiel in einem neuen 55 000-Plätze-Stadion gerade mal 200 Zuschauer gezählt.
Im Laufe der vergangenen zwei Jahre sind die Erwartungen an die WM in Südafrika insgesamt drastisch heruntergeschraubt worden: Vor allem die Tourismus-Industrie hatte anfangs auf rund 1,5 Millionen WM-Besucher aus dem Ausland gehofft. Inzwischen wird nur noch mit etwa 500 000 gerechnet. Nach inoffiziellen Angaben werden sich voraussichtlich auch nur rund 10 000 Fans aus Deutschland auf den Weg zur WM nach Südafrika machen. Ursprünglich waren Zahlen von 25 000 bis 50 000 gestreut worden. Doch gerade in Deutschland lief der Kartenverkauf schleppend. Für die drei Vorrundenspiele der deutschen Mannschaft sind erst knapp 2000 Tickets abgesetzt worden. Die hohen Flugpreise und die Kriminalität in Südafrika wirkten abschreckend auf deutsche Fans, heißt es in Medienberichten. "Aber mit diesen ganzen Zahlen ist auch viel Spekulation verbunden. Da wird auch viel gemogelt und getrickst", sagt ein südafrikanischer Fußball-Funktionär. "Wer warum wie viel Karten gekauft hat, wird sich erst am Ende herausstellen - und auch dann ist noch Vorsicht bei diesen Statistiken geboten." Auch Danny Jordaan scheint seinem eigenen Pessimismus wenig zu trauen. Denn nach all seinen schwarzmalerischen Prognosen warnte er die südafrikanischen Fußball-Fans gleich wieder, auf den freien Verkauf im April zu hoffen: "Wer solange wartet, läuft Gefahr, dass es dann nur noch ganz wenige oder gar keine Karten mehr gibt."