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Die Schneckenköniginnen

Wie zwei junge Griechinnen der Rezession trotzen

Die Schwestern Vlachou haben ein neues Geschäftsmodell in der griechischen Landwirtschaft etabliert: die Schneckenzucht. Diese Idee wird in der Krise zur Hoffnungsperspektive für viele ihrer Landsleute.

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GERD HÖHLER

Der Weg zu Maria und Panagiota Vlachou führt in ein griechisches Krisengebiet. Verlassene Lagerhäuser, Schrotthalden und aufgegebene Werkstätten säumen den Weg, der am Stadtrand von Korinth vom Meer hinauf in die Hügellandschaft führt. Rostige Getreidesilos und die Ruine eines Mühlenbetriebs ragen in den grauen Winterhimmel. Ausgerechnet in dieser trostlosen Gegend, wo der wirtschaftliche Niedergang eines ganzen Landes zu besichtigen ist, suchen Woche für Woche Dutzende Griechen Hoffnung.

Artikelbild: Wie zwei junge Griechinnen der Rezession trotzen Die Schwestern Penny (links) und Maria Vlachou haben in Griechenland mit der Schneckenzucht einen neuen Geschäftszweig aufgetan. Immer mehr ihrer Landsleute wollen in das lukrative Geschäft mit den Kriechtieren einsteigen. Foto: Gerd Höhler

Sie wollen einen neuen Start wagen. Und die Vlachou-Schwestern sollen ihnen dabei helfen. "Die Schneckenköniginnen" nennt man sie in Griechenland. Die Schneckenzucht ist ein neues Geschäftsmodell in der griechischen Landwirtschaft, seit immer klarer wird, dass der Anbau von Tabak, Baumwolle oder Oliven künftig wegen ausbleibender Subventionen nicht mehr viel Gewinn abwerfen wird.

Maria und Panagiota, genannt Penny, Vlachou führen den Besucher hinter das Gebäude. Was auf den ersten Blick wie ein Feld voller Unkraut aussieht, ist ein Schneckenparadies: Abertausende der Weichtiere bevölkern scheinbar regungslos das grüne Blattwerk, das aus dem Boden sprießt. Netze, die um das Feld gespannt sind, hindern sie daran, im Schneckentempo das Weite zu suchen. Regelmäßige Duschen aus einer Sprinkleranlage halten die Tiere bei Laune. "Schnecken mögen Regen", erklärt Maria.

Aber eigentlich beginnt diese Geschichte nicht hier, in Korinth, sondern am Nikolaustag 2006 in einem französischen Restaurant in Zürich. Maria Vlachou, eine vielgereiste, erfolgreiche Philologin, die neun Sprachen spricht und zu der Zeit in Brüssel als Übersetzerin arbeitet, sitzt beim Abendessen, als ihr Handy klingelt. Es ist ihre Schwester Penny, die aus Korinth anruft. "Ich habe gerade Schnecken bestellt", sagt Maria, "die Portion kostet 38 Franken." Einen Augenblick herrscht Funkstille. Dann sagt Penny: "Vielleicht sollten wir Schnecken züchten. . ."

Die fixe Idee war geboren. Sie lässt die Schwestern nicht mehr los. Penny geht ins Internet, liest alles, was sie dort über die Schneckenzucht erfahren kann. Dann reisen die Schwestern nach Cherasco im Piemont, Italiens "Hauptstadt der Schnecken". Dort belegen sie Kurse am Instituto Internazionale di Elicicoltura, dem Internationalen Institut für Schneckenzucht.

Im April 2007 machen Maria und Penny ihren ersten Businessplan. Noch gibt es Lehman Brothers, noch ist von der heraufziehenden Krise in Griechenland nichts zu spüren. Die Frauen ahnen nicht, dass ihr Geschäftsmodell drei Jahre später zur Hoffnungsperspektive für viele Griechen werden wird. Es ist ein pfiffiger Plan, den sie entwerfen: Sie bringen anderen bei, wie man Schnecken züchtet, liefern Know-how und Ausrüstung.

Im Gegenzug kaufen sie den Züchtern ihre Schnecken zu vorab vereinbarten Preisen ab und vermarkten sie international - ein Franchise-System. 70 Prozent gehen in den Export, an über 100 Hotels, Restaurants und Feinkostläden in Frankreich, Spanien, Italien und anderen Ländern. Einen Teil der Produktion verarbeiten die Schwestern in ihrer Firma Fereikos-Helix selbst zu Konserven. "Mit sieben Vertragsabschlüssen hatten wir im ersten Jahr gerechnet, es wurden 20, im Jahr danach waren es bereits 78. Heute haben wir Verträge mit 168 Schneckenfarmen", sagt Maria.

Und es werden ständig mehr. Jede Woche kommen rund 100 Interessenten nach Korinth. Leute wie der 25-jährige Nikos. Er ist von der Insel Euböa nach Korinth gefahren, um sich über die Schneckenzucht kundig zu machen. In einem kleinen Konferenzraum verfolgt Nikos eine einstündige Power-Point-Präsentation. Er hat seine Eltern mitgebracht. Die Familie betreibt ein kleines Hotel auf Euböa. "Noch läuft das Geschäft einigermaßen, auch weil wir die Zimmerpreise gesenkt haben, aber wir wollen vorsorgen und uns in der Krise ein zweites Standbein schaffen", sagt der Vater.

Anfangs waren es vor allem Landwirte, die sich für die Schneckenzucht interessierten. "Inzwischen kommen immer mehr junge Leute aus den Großstädten, die ihre Jobs verloren haben und zurück aufs Land wollen", berichtet Penny. Viele machen sich allerdings Illusionen: "Sie träumen von schnellem Reichtum und wissen nicht, dass schwere Arbeit auf sie wartet." Die Schwestern bieten neben kostenlosen Seminaren daher Schnupper-Praktika auf einer Schneckenfarm an. Da scheidet sich die Spreu vom Weizen: "Von 100 Interessenten springen 99 wieder ab", sagt Maria.

Wer dabei bleibt, die Arbeit nicht scheut und ein Jahr finanziell überbrücken kann, das bis zur "Ernte" der ersten Schnecken vergeht, kann von der Zucht leben. Für ein Kilo Schnecken kann der Züchter rund 3,80 Euro erlösen. "Ein Hektar Land bringt ungefähr einen Ertrag von 30 000 Euro im Jahr", rechnet Maria vor. Der Start ist inzwischen aber schwieriger. Die griechischen Banken geben so gut wie keine Kredite mehr, das Startkapital von 15 000 Euro muss der Schneckenzüchter in spe also meist selbst aufbringen.

"Auch wir werden von der Krise gebremst", sagt Maria. Das im Sommer bezogene neue Gebäude am Stadtrand von Korinth haben sie mit eigenem Geld gekauft, ohne Bankkredit. Da kamen jene 50 000 Euro gelegen, die Maria und Penny 2010 gewonnen haben. Ein Preis, den der Easyjet-Gründer Stelios Haji-Ioannou jedes Jahr für junge Unternehmer stiftet. Wegen der Liquiditätsprobleme der griechischen Wirtschaft "wachsen auch wir nur noch im Schneckentempo".

Immerhin haben sie keine Mitarbeiter entlassen müssen. Während andere Firmen Personal kündigen, haben sie sogar drei neue Stellen ausgeschrieben - und arbeiten an der nächsten Geschäftsidee: Sie planen, im Ausland eine Kette von Feinkostläden aufzuziehen, in denen sie außer Schnecken auch griechische Gewürze, Oliven, Käse und andere Bio-Delikatessen verkaufen wollen. Maria weiß schon, wo sie den ersten Laden eröffnen möchte: in Berlin.

02.01.2013 - 08:30 Uhr

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