Mit Alt-Bundeskanzler Ludwig Erhard, einem der Väter der "sozialen Marktwirtschaft", schmücken sich viele Politiker gern - auch die Spitzen der CSU. Dabei haben die allen Anlass zur Zurückhaltung.
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WILHELM HÖLKEMEIER
Großer Bahnhof bei der Verleihung des Ludwig-Erhard-Preises 2012 in Fürth: Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer als Festredner, unter den Ehrengästen sein Vorgänger Günther Beckstein, Innenminister Joachim Herrmann, Finanzminister Markus Söder aus der Regierungsmannschaft. Alle CSU.
Ludwig Erhard (rechts) und Theodor Heuss im April 1954 bei einer Veranstaltung des Zentralverbands des Deutschen Handwerks in Bonn. Foto: imago
Doch der Versuch Seehofers, den Franken Ludwig Erhard (1897 - 1977) in die CSU-Ahnengalerie einzureihen, ruft auch heute noch den Widerspruch älterer politischer Zeitzeugen hervor. Der 86-jährige Karl Moersch, bis in die 1970er Jahre Spitzenpolitiker der FDP aus Baden-Württemberg, ärgert sich über den geschichtsvergessenen Umgang der Bayern mit dem Alt-Kanzler: "Historische Tatsache ist nämlich, dass Ludwig Erhard, im Jahre 1949 Zwei-Zonen-Wirtschaftsdirektor, keine Chance hatte, mithilfe der CSU als Parteiloser in Bayern für den Bundestag zu kandidieren."
Der 1926 in Calw geborene Moersch war gelernter Journalist und arbeitete als Redakteur auch für den Bayerischen und den Süddeutschen Rundfunk. Nach dem Ende seiner politischen Karriere hat er sich akribisch mit dem Thema Erhard beschäftigt.
Der spätere Bundeskanzler war Sohn eines Textilwarenhändlers im fränkischen Dorf Ranningen. Nach einer kaufmännischen Lehre studierte er Betriebswirtschaft und Nationalökonomie. Er hielt Distanz zu den Nazis und wurde als bereits renommierter Wirtschaftsexperte im Oktober 1945 von der amerikanischen Militärregierung als Minister für Handel und Gewerbe in die vom Sozialdemokraten Wilhelm Hoegner geführte bayerische Staatsregierung berufen. Später zeichnete er als "Zwei-Zonen-Direktor" für die Wirtschaftspolitik in der amerikanischen und britischen Besatzungszone verantwortlich und entwickelte Ende der 1940er Jahre mit seinem Mitstreiter Alfred Müller-Armack bereits das Konzept einer "sozialen Marktwirtschaft". "Wohlstand für alle" wurde sein Motto, in den fünfziger Jahren auch Titel seines Bestsellers.
Politisch galt Erhard als Vertreter des Ordoliberalismus. Erst nachdem er im Februar 1949 den späteren Bundeskanzler Konrad Adenauer kennenlernte, trat er für die CDU auf. Vor der ersten Bundestagswahl 1949 warben dann die mit Erhard befreundeten Fürther Unternehmer Max Grundig und Gustav Schickedanz bei der CSU-Spitze in München dafür, den parteilosen Franken in seiner Heimatstadt Fürth oder in Nürnberg für den Bundestag zu nominieren.
Der Versuch scheiterte. Moersch hat bei der bayerischen Landes-Archivverwaltung das Protokoll der entscheidenden Sitzung des CSU-Vorstands entdeckt. Demnach stemmte sich besonders ein einflussreicher Vertreter des bayerischen Bauernverbandes gegen Erhards Nominierung. Der propagiere als Zwei-Zonen-Wirtschaftsdirektor nichts weniger als den "freien Wettbewerb", warnte der Landmann - das werde die bayerische Landwirtschaft am Ende ruinieren. Der gesamte CSU-Vorstand folgte der Argumentation und lehnte Erhard als Kandidaten ab.
Dass der damals 52-Jährige gleichwohl 1949 nicht nur in den Bundestag einzog, sondern auch Wirtschaftsminister der Regierung Adenauer wurde und von 1963 bis Ende 1966 schließlich selbst Kanzler, verdankte er einer konzertierten Aktion von CDU und FDP.
Die CDU im damaligen Bundesland Württemberg-Baden bot Erhard nämlich eine neue politische Heimat im Wahlkreis Ulm-Heidenheim an - nicht ohne Vermittlung des damaligen bayerischen FDP-Landesvorsitzenden Thomas Dehler und des FDP-Bundesvorsitzenden Theodor Heuss. Der schlitzohrige Schwabe Heuss habe, so erinnert sich Moersch, mit der CDU im Südwesten einen Pakt geschlossen. Demnach unterstützte die FDP Erhard im Wahlkreis Ulm, im Gegenzug führte die CDU in Stuttgart keinen Wahlkampf gegen den dort antretenden Heuss. Der Plan ging auf. Beide zogen in den Bundestag ein. Heuss behielt das Mandat jedoch nicht lange, denn er wurde bereits kurz nach der Wahl zum ersten Bundespräsidenten gewählt.
Erhard ist damals nicht CDU-Mitglied geworden. Auch später gibt es keinen Beleg für einen formellen Parteieintritt. Erhard sei bewusst nie Parteimitglied geworden, weil ihm "Überzeugungen wichtiger als Parteien" gewesen seien, erklärte 2007 sein letzter wissenschaftlicher Mitarbeiter Horst Friedrich Wünsche. Der Vorkämpfer der Marktwirtschaft wurde gleichwohl 1949 von der CDU in Württemberg-Baden sofort zum Spitzenkandidaten auf der Landesliste gewählt und stieg in den 1960er Jahren zum CDU-Vorsitzenden und späteren Ehrenvorsitzenden auf. Mit Alfred Müller-Armack als Staatssekretär setzte der erste Wirtschaftsminister der Bonner Republik die "Soziale Marktwirtschaft" als Basis des "Wirtschaftswunders" durch.
Zu den heutigen Versuchen der CSU, sich als Erhards Enkel zu gerieren, fällt dem alten Kämpen Moersch ein Wort des Parteifreundes und damaligen Ministerpräsidenten Reinhold Maier ein. Der habe jungen Liberalen stets eingebleut: "Glaubet net alles, was ihr saget."
02.01.2013 - 08:30 Uhr
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