Viele Wünsche nach Adoptionskindern, doch Pflegeeltern gibt es zu wenig - Manche Schützlinge bleiben nur Monate
Alkoholprobleme, Vernachlässigung, Gewalt - viele Kinder leiden schwer unter Problemen in ihrer Familie. Pflegeeltern könnten ihnen eine Perspektive geben. Doch die sind rar und brauchen viel Geduld.
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WENKE BÖHM, DPA
Mutter mit Pflegekindern in Heilbronn: Die Jugendämter schauen heute genau hin. Foto: epd
Die Kluft ist groß: Während auf ein Adoptionskind in Baden-Württemberg rund 15 potenzielle Elternpaare kommen, stehen Pflegekinder nicht selten im Regen. Es fehlt an Ersatzeltern.
"Das sind Äpfel und Birnen", sagt Jasmin Heier, Vorsitzende des Landesverbandes Pfad für Kinder in Pflegefamilien, zum Vergleich von Adoption und Pflegeelternschaft. Adoption ist für immer; die Pflegezeit kann schon nach Monaten enden. "Vollzeitpflege ist Erziehen auf Zeit - eine Hilfe für die leiblichen Eltern", sagt die 46-Jährige. Pflegekinder würden selten direkt nach der Geburt vermittelt. Das liege auch daran, dass die Probleme der Eltern oft erst auffallen, wenn sich die Kinder in Kindergarten oder Schule seltsam verhalten. Viele hätten psychische Probleme - oder gesundheitliche, etwa durch Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft.
2010 waren landesweit 8403 Kinder und Jugendliche Vollzeit in Pflegefamilien. 2006 waren es 7544. Dass die Nachfrage trotz Geburtenrückgangs steigt, führt Heier auf den Werteverfall und zunehmende Probleme bei der Erziehung zurück. Zudem würden die Jugendämter heute genauer hinschauen und früher eingreifen. Laut Empfehlung sollen Pflegeeltern je nach Alter des Kindes 729 bis 886 Euro pro Monat steuerfrei bekommen. 252 Euro davon sind Honorar. Ein Großteil des Kindergeldes fließt auch an sie.
In der Regel nehmen Pflegeeltern ihre Aufgabe ernst und verwenden das Geld zum Wohl des Kindes, betont Heier. Fälle wie der des verhungerten fünfjährigen Pflegesohns Alexander aus dem Rems-Murr-Kreis (1997) sollten laut Reinhold Grüner, Leiter der Zentralen Adoptionsstelle des Kommunalverbands für Jugend und Soziales (KVJS), heute fast ausgeschlossen sein. Inzwischen werden Pflegeeltern gründlich auf ihre Eignung geprüft.
Sie bräuchten "einen langen Atem, ein dickes Fell und viel Geduld", sagt Heier. Und Zeit. Vorausgesetzt werde zudem die Bereitschaft, mit den Behörden und den leiblichen Eltern eng zusammenzuarbeiten. Einige "Herkunftseltern" wollen ihre Kinder jedes zweite Wochenende sehen, andere jahrelang nicht. Manchmal verlassen die Kinder ihre Pflegeeltern schon nach einigen Monaten wieder. Häufig bleiben sie aber auch bis zum Erwachsenenalter, berichtet die dreifache Mutter und dreifache Pflegemutter. Ihre eine Pflegetochter kam mit einem Jahr. Heute ist sie 19.
Auch Adoptionsstellen-Leiter Grüner weiß um den Bedarf an Pflegeeltern. Eine Auswahl sei wichtig, um eine optimale Familie für ein Kind zu finden. Und: "Auch Pflegefamilien werden älter. Es braucht schon deshalb immer Familien, die nachwachsen." Er kennt auch die Verzweiflung mancher kinderloser Paare, die ein Baby adoptieren möchten.
Einen anderen Weg möchte Pfad nun mit der Pflegeelternkampagne bekannter machen. In 18 größeren Städten wollte der Bundesverband ab Juli auf die Bedeutung des Familienmodells hinweisen. Doch nachdem zunächst rund 40 Kommunen Interesse bekundet hätten, sei bislang nur eine bereit, die notwendigen 15 000 bis 20 000 Euro aufzubringen, teilte der Bundesverband gestern beim Jugendhilfetag in Stuttgart mit. Deshalb muss die Kampagne vorerst vertagt werden.