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Vom Gift befreit

USA beginnen in Vietnam von Agent Orange verseuchte Böden zu sanieren

Auf den ersten Blick sanieren die USA vergiftete Böden beim ehemaligen Kriegsgegner Vietnam. Auf den zweiten Blick geht es um mehr: Den Ausbau politischer Beziehungen in der strategisch wichtigen Region.

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SASCHA ZASTIRAL

Fast 40 Jahre nach dem Ende des Vietnamkrieges haben die USA zum ersten Mal begonnen, sich um die schweren Folgen ihres Einsatzes des Pflanzenvernichtungsmittels Agent Orange zu kümmern. Von den US bezahlte Arbeiter begannen damit, den Boden auf dem Gelände des Flughafens in Danang zu entgiften. Danang war eine der US-Basen, von denen aus die Agent Orange-Flüge gestartet sind.

Artikelbild: USA beginnen in Vietnam von Agent Orange verseuchte Böden zu sanieren Das Bild trügt: Der vietnamesische Soldat hat es sich nicht gemütlich gemacht. Er sitzt auf einem dioxinverseuchten Feld nahe dem Flughafen von Danang. Von dort starteten während des Vietnam-Krieges US-Flugzeuge mit Gift. Foto: afp

Zum Auftakt der Sanierungsarbeiten sagte der US-Botschafter in Vietnam, David B. Shear: "An diesem Morgen feiern wir einen Meilenstein in unseren bilateralen Beziehungen." An der Zeremonie nahmen auch mehrere Generäle der vietnamesischen Armee teil. Nach der Veranstaltung wich Shear jedoch Berichten zufolge Fragen eines Reporters aus, ob die USA nun auch die Verantwortung für die gesundheitlichen und Umweltfolgen des Giftes übernehmen würden.

Ab 1961 haben die USA rund 80 Millionen Liter des Pflanzenvernichtungsmittels versprüht, das mit hochgiftigem Dioxin versetzt war. So sollten die kommunistischen Vietcong-Rebellen ihren Schutz im dichten Blattwerk der Wälder Südvietnams und ihre Vorräte verlieren. Erst, nachdem ein Bericht des US-Landwirtschaftsministeriums öffentlich wurde, der davor warnte, dass Dioxin schwere Geburtsfehler verursachen könnte, stellten die USA den Einsatz von Agent Orange 1971 ein. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Gift mehr als zwei Millionen Hektar Land und Agrarflächen zerstört. Viele Menschen waren mit der hochgiftigen Substanz in Kontakt gekommen. Seitdem sind in Vietnam geschätzt 150 000 Kinder mit zum Teil schwersten Geburtsfehlern auf die Welt gekommen. Diese treten vor allem in Gebieten auf, in denen Agent Orange versprüht wurde. Dort ist auch die Zahl der Krebserkrankungen im Kindesalter außergewöhnlich hoch.

Dennoch weigern sich die USA bis heute, zuzugeben, dass ihre Kriegsführung die Geburtsdefekte verursacht haben könnte. Nicht ohne Grund: Die Kosten für Schadenersatzforderungen und die vollständige Sanierung aller betroffenen Gebiete würden Schätzungen zufolge rund eine halbe Milliarde Dollar betragen. Sollte es sich herausstellen, dass die USA das Gift eingesetzt haben, obwohl den Verantwortungsträgern die Folgen bewusst waren, wären Anklagen wegen Kriegsverbrechen vorstellbar.

Doch dazu wird es wohl nie kommen. Einen ersten Versuch, die USA und mehrere Hersteller des Giftes - darunter den Olympia-Sponsor Dow Chemicals und den Monsanto-Konzern - zu belangen, haben US-Gerichte vor einigen Jahren abgeblockt. 2005 wies ein Gericht in Brooklyn eine Sammelklage im Auftrag vietnamesischer Agent Orange-Opfer ab. Die USA hätten mit dem Einsatz des Giftes gegen keine internationalen Gesetze, wie etwa die Genfer Konventionen, verstoßen, urteilten die Richter. Ein Berufungsgericht befand zwei Jahre später, es gäbe keine groß angelegten Studien, die belegten, dass die Erkrankungen und Geburtsdefekte in Vietnam durch das Gift verursacht worden seinen. Der Oberste Gerichtshof weigerte sich 2009, die Klage zuzulassen.

Auch US-Soldaten, die durch Kontakt zu dem Gift krank geworden sind, haben Jahre gebraucht, um Schadenersatzzahlungen zu erhalten. Für sie hat die US-Regierung Milliardenbeträge an Invaliditätsrenten und Krankenkosten ausgegeben. Dennoch streitet Washington bis heute ab, dass es einen Zusammenhang zwischen den Erkrankungen der Soldaten und deren Arbeit mit Agent Orange in Vietnam gibt.

Und so geht es auch bei der jüngsten Initiative der USA in Vietnam vermutlich nur am Rande darum, Unrecht zu sühnen. Die ohnehin regional begrenzte Sanierung ist wohl eher ein politisches Signal, mit dem die USA weiter auf Vietnam zugehen möchten, um sich gegen den nächsten potentiellen Widersacher in Stellung zu bringen: China.

Bereits vor rund einem Jahr hat US-Außenministerin Hillary Clinton angekündigt, dass sich die USA stärker in Asien engagieren würden. Die USA wollten ein "transpazifisches Bündnis" ins Leben rufen, wie sie es nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem transatlantischen Bündnis in Europa getan haben.

Die "Öffnung neuer Märkte für amerikanische Unternehmen", die "Verhinderung der Verbreitung von Atomwaffen" und das "Freihalten von Seewegen" seien "Schlüssel zu Wohlstand und Sicherheit" in den USA, betonte Clinton. Die Asien-Pazifik-Region sei "begierig" auf die Führung Washingtons und auf die Geschäfte mit der US-Wirtschaft.

Seitdem haben die Spannungen zwischen Vietnam und China zugenommen. Beide Staaten erheben Ansprüche auf meist unbewohnte Inselgruppen im Südchinesischen Meer, die chinesische Truppen nach einem kurz Krieg gegen Vietnam 1974 teilweise besetzt haben. Die verbalen Auseinandersetzungen haben zuletzt an Schärfe gewonnen. Kein schlechter Anlass für Washington, um durch eine unverbindliche Geste die Beziehungen zu Vietnam zu verbessern.

11.08.2012 - 08:30 Uhr

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