Der Abriss des Nordflügels des Stuttgarter Hauptbahnhofs hat noch nicht begonnen - gestern zumindest nicht. Rund 500 Stuttgart-21-Gegner hatten sich darauf vorbereitet und waren um 7 Uhr morgens vor Ort.
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ULRIKE SCHLEICHER
S21-Gegner waren schnell zur Stelle - Doch der Zaun steht
"Halt, Zonengrenze - Sie verlassen den demokratischen Sektor der Stadt Stuttgart." Das Plakat hängt am Bauzaun vor dem Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Der Zaun steht dort seit Freitagnacht - Auftakt zu und Vorbereitung für den vorgesehenen Abriss des Gebäudes, an dessen Südseite ein unterirdischer Bahnhof entstehen soll. Seit 37 Montagabenden demonstrieren Bürger aller Altersklassen und Schichten gegen dieses Milliarden-Projekt namens Stuttgart 21. Anfänglich ein kleiner Haufen, inzwischen regelmäßig im vierstelligen Bereich und gut organisiert.
Er will raus, die andern wollen rein. Morgens am Bauzaun vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Foto: C. Reicherter
Seit Freitag sind die Demonstranten rund um die Uhr da. So auch gestern früh um sieben - auch für den Fall, dass die Bagger anrollen. Um "uns zu demoralisieren", wie es unter den Anwesenden heißt. Denn das 1927 fertiggestellte, denkmalgeschützte Gebäude des Architekten Paul Bonatz ist längst zum Symbol für den Widerstand gegen Stuttgart 21 geworden. Die Errichtung des Bauzauns am Freitag entsetzte die S21-Gegner: Der Abriss des Flügels sei von der Bauplanung her erst in ein bis eineinhalb Jahren nötig, erklärt einer. "Aber die Ohnmacht ist glücklicherweise wieder gewichen", sagt ein anderer.
Tatsächlich ist die Stimmung heiter. Viele trinken Kaffee, kauen Butterbrezeln, lesen Zeitung und diskutieren. Über die anmaßende Haltung der Politiker, die Verflechtung von Personen und Ämtern, die sie auf die Palme bringt. "Michael Föll, erster Bürgermeister von Stuttgart ist im Beirat der Abbruchfirma Wolff und Müller", heißt es auf einem Schild am blumen- und ballongeschmückten Bauzaun. "Das Vertrauen der Bürger ist kaputt."
Dazu beigetragen habe die unerhört schlechte Kommunikation seitens der Protagonisten des Milliardenprojektes, urteilt Michael Kienzle, langjähriges Mitglied der Grünen im Stuttgarter Stadtrat. Er ist überzeugt, dass der Protest nicht nachlassen wird. Aber er befürchtet eine Spaltung der Stadt und - weil die Verantwortlichen nicht innehalten, um auf das Ergebnis der Berufungsverhandlung des Bonatzenkels Peter Dübbers zu warten - Eskalationen. "Das Gebäude ist eine Sache, aber wenn die 282 Bäume im Park dran sind, dann wird es wirklich emotional." Bisher zeichne sich der Protest durch unglaubliche Phantasie und friedlichen Widerstand aus.
Um 8 Uhr gestern Morgen gibt der Schauspieler Walter Sittler, der wie der Grünen-Chef Cem Özdemir überzeugter Kritiker von Stuttgart 21 ist, Entwarnung: "Die Bagger kommen nicht." Trotzdem bleiben viele Demonstranten da. Sie begleiten die Befreiungsaktion eines Sicherheitsbeamten der Deutschen Bahn, der die Nacht über 13 Stunden das abgesperrte Gelände bewacht hatte. Hinter dem Zaun. Als seine Ablösung kommen sollte, stellte er fest, dass jemand eine Kette mit Schlössern am Bauzaun angebracht hat. "Ich komm nicht raus", sagt er und nimmt dankbar einen Kaffee entgegen, den ihm eine Frau durch das Gitter reicht. Kurz darauf klettert der Wachmann über Leitern in seine verdiente Pause.
Eine Pause gönnen sich auch die Demonstranten. Aber nur bis zum Abend. Um 18 Uhr beginnt die Montagsdemo - dann wird vermutlich ein großer Teil der bislang fast 18 000 registrierten Kritiker des Projektes lautstark weiter bekämpfen.