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"Elite-Agent" auf der Kanzel

Stasi-Vergangenheit holt Pastor in Schweden ein

In Schweden ist ausgerechnet ein Pastor als früherer Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit entlarvt worden. Der Geistliche soll Studenten verraten haben, die nach Westdeutschland fliehen wollten.

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HANNES GAMILLSCHEG

Seit 17 Jahren ist er Pastor in Burträsk, einer 4000-Seelen-Gemeinde im Norden Schwedens. Die Leute dort kennen Alexander Radler nicht nur als Seelsorger, sondern auch als Vorsitzenden des Fußball- und Tischtennisklubs, als Marathonläufer und als christdemokratischen Kommunalrat. An der Universität Umeå war er als Gastprofessor für Ideengeschichte tätig. Doch nun wird das Wirken des 68-Jährigen von ganz anderen Schlagzeilen überschattet: 25 Jahre lang soll Radler für die Stasi gearbeitet haben, und zwar nicht als Mitläufer, sondern als "Elite-Agent", wie der Stasi-Experte Helmut Müller Engbergs nach Prüfung der mehr als 1000-seitigen Akte in einem Gutachten urteilt. Radler ist inzwischen von seinem Amt zurückgetreten, daraufhin hat die Kirche ihre disziplinarischen Untersuchung eingestellt. Für ein Strafverfahren ist es wohl zu spät: Nach schwedischem Recht verjähren Spionageanklagen nach zehn und nur in schwersten Fällen erst nach 25 Jahren.

Artikelbild: Stasi-Vergangenheit holt Pastor in Schweden ein Füllte mit seinen Berichten zahlreiche Aktenordner des Ministeriums für Staatssicherheit: Pastor Alexander Radler. Foto: afp

Die Geschichte des Stasi-Pastoren mit dem Agentennamen "IM Thomas" tauchte erstmals in dem Buch "Nicht nur Spione" auf, das die Autorin Birgitta Almgren im Vorjahr über die Infiltration Schwedens durch den DDR-Geheimdienst veröffentlichte. Sie hatte den Zugang zu den Archiven der schwedischen Sicherheitspolizei mit der Auflage bekommen, keine Namen zu nennen. Dennoch führten die Spuren die Zeitung "Expressen" zu Radler. Als dieser im Frühjahr mit den belastenden Dokumenten konfrontiert wurde, wies er sie als Lüge und Komplott zurück: "Ich bin nicht Spion, war nie Spion und habe meines Wissens nie etwas mit der Stasi zu tun gehabt." Die Handschrift in den Dokumenten ähnle seiner, sei es aber nicht. Er möge "naiv und gutgläubig" gewesen und möglicherweise ausgenützt worden sein. Aber: "Ich habe nichts zu bekennen und nichts zu bereuen."

Eine innerkirchliche Untersuchung wurde zunächst mangels Informationen eingestellt, doch als weiteres belastendes Material auftauchte, wurde Müller Engbergs um eine Einschätzung gebeten. Sie lautet: Radler gehörte einer Elitegruppe an, der nur 3900 von insgesamt 189 000 Stasi-Informanten zuzurechnen sind. Von der Zeitung "Dagens Nyheter" befragt, schrieb der Pastor in in einer Mail: "Ich bedaure den ganzen Handlungsverlauf zutiefst und werde in der kommenden Zeit meine Lebensgeschichte bearbeiten." Die Akte helfe ihm, "mehr über den Zusammenhang zwischen gewissen Begegnungen und Personen zu verstehen". Seine Frau bestätigte: Alexander Radler ist IM Thomas.

Als dieser 1968 nach Schweden kam, um an der Universität Lund Theologie zu studieren, soll er schon eine Agentenkarriere hinter sich gehabt haben. Kann man den Dokumenten glauben, dann wurde er schon als 18-jähriger Student von der Abteilung XX/7 der Stasi-Bezirksverwaltung in Frankfurt/Oder angeheuert. Er sollte seine Kommilitonen überwachen. Er soll ein eifriger Spitzel gewesen sein: Schon im ersten Jahr verzeichnet seine Akte 121 Kontakte mit seinen Führungsoffizieren. Er rapportierte, wie sich der Einfluss des Prager Frühlings auch an der Universität Jena ausbreitete. Er war Teil eines systemkritischen Milieus und lieferte seine Kameraden aus: Sechs von ihnen wurden wegen geplanter Republikflucht festgenommen und zu Gefängnisstrafen von 18 Monaten bis zu vier Jahren verurteilt. Zwei begingen Selbstmord.

Radler, der in Wien geboren ist, einen österreichischen Pass hatte und daher frei nach Westen reisen konnte, soll für sie in Westberlin Bankkonten mit jeweils 10 DM Einsatz eröffnet und Briefe an ihre Verwandten mitgenommen haben, damit diese Geld für die Flucht darauf einzahlen konnten. Auch Abschiedsbriefe an Freunde in der DDR, die er nach der Flucht absenden sollte, sollte er für sie aufbewahren. Doch er ging damit zu seinen Vorgesetzten. Als diese fürchteten, dass Radlers IM-Tätigkeit nach den Prozessen auffliegen könnte, beschloss die höchste Stasi-Leitung - mit Kopie an den "Genossen Minister" -, dass er sich "aus operativen Gründen ins kapitalistische Ausland begeben" solle, mit Instruktionen ausgestattet, wie er sich verhalten solle, wenn die Schweden Verdacht schöpften: die Fähre nach Polen nehmen und ein Code-Telegramm schicken, "dann sorgen wir für alles Nötige".

Sein Agentendasein war damit nicht beendet. Fortan berichtete er, während er sein Studium in Lund mit dem Doktorat abschloss, über die Haltung der schwedischen Kirche in politischen Fragen, über Fluchtrouten und über DDR-Bürger, die nach Schweden abgesprungen waren. Müller Engberg verweist darauf, dass die meisten Spitzel höchstens sechs bis sieben Jahre für die Stasi arbeiteten. Radler soll 25 Jahre dabei geblieben sein, bis zum Fall der Mauer. Noch Anfang 1989 rapportierte er angeblich während einer Gastprofessur in Jena über die Aktivitäten in kirchlichen Kreisen, die zum Sammelplatz der Regimekritiker geworden waren.

Wenig später war Schluss mit der Stasi und mit IM Thomas. Radler blieb in Schweden und ging 1995 als Pastor nach Burträsk. Dort, in der Einöde von Norrland, holt ihn jetzt seine Vergangenheit ein.

11.08.2012 - 08:30 Uhr

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