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Tatort-Kommissar in geheimer Mission

SWR hat getarnt einen Film über Scientology gedreht

Was wahrscheinlich drei bis vier Millionen Zuschauer am 31. März in der ARD sehen, wurde unter Federführung des SWR als geheime Kommandosache produziert: Ein Spielfilm über einen Scientology-Aussteiger.

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BETTINA WIESELMANN

Die Tarnung war perfekt. Es sah ganz so aus, als würde wieder einmal ein Sonntagabend-Krimi produziert: Auf den Drehbüchern, den Filmklappen, überall stand: "Der Tote am Sund". Und den Hauptdarsteller gab auch noch Felix Klare, der Stuttgarter "Tatort"-Kommissar. Doch was die ARD am 31. März zur allerbesten Sendezeit ausstrahlt, ist alles andere als entspannende Abendunterhaltung. Vielmehr wird mit "Bis nichts mehr bleibt" in einem beklemmenden Spielfilm gezeigt, mit welch raffiniert-skrupellosen Methoden Scientology auf Menschenfang geht.

Die Organisation, die für sich in Anspruch nimmt, "Kirche" zu sein, aber seit 1997 bundesweit vom Verfassungsschutz überwacht wird, wird erstmals in einem Spielfilm überhaupt beim Namen genannt. Man sieht ihre originalen, freilich erst nachträglich elektronisch eingefügten, Schriftzüge und Embleme auf den gezeigten Gebäuden. Die übliche Vorab-DVD für die Presse gibt es nicht.

Nur unter Aufsicht kann der Film bis zur Sendung angeschaut werden. "Wir wollen auf jeden Fall die Ausstrahlung sicherstellen", begründet Carl Bergengruen, Fernsehfilmchef des Südwestrundfunks im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE die ungewöhnlichen Maßnahmen der Geheimhaltung, die einen Stopp durch eine Einstweilige Verfügung verhindern sollen. Seit der SWR, der die Federführung bei der Koproduktion hatte, vor anderthalb Jahren das Projekt über einen Scientology-Aussteiger in einer knappen Pressenotiz angekündigt hatte, gab es ständig Versuche der Organisation, Details über das Vorhaben zu erfahren, es womöglich zu torpedieren.

Doch die Fernsehmacher sind "bestmöglichst vorbereitet". Von der Entwicklung des Drehbuchs, das Regisseur Niki Stein schrieb, bis zur Fertigstellung des Films stand qualifizierte Beratung zur Verfügung, um das Projekt, für das penibel recherchiert wurde, auch juristisch wasserdicht zu machen. "Das Allerwichtigste aber ist immer, nicht zu übertreiben und nicht zuzuspitzen", sagt Carl Bergengruen, gegen den trotz vieler potenziell prozessträchtiger biografischer Filme noch nie ein Verfahren angestrengt worden ist. Dass der SWR-Hauptabteilungsleiter bei aller professionellen Coolness immer mit heißem Herzen dabei war, geht auf seine eigene, bald drei Jahrzehnte zurückliegende Scientology-Erfahrung zurück.

Als junger Student war er in den USA angesprochen und zu einem vermeintlichen Keks-Test gebeten worden. Spaßeshalber ließ er sich darauf ein. "Da ging es aber nicht um Kekse, sondern ich musste Psycho-Fragen schriftlich beantworten. Als ich gehen wollte, musste ich wider Willen bleiben. Angeblich hätte ich große psychische Probleme, die einer dringenden Hilfe bedürften." Drei lange Stunden dauerte das "nachhaltige Erlebnis". Als ausgerechnet der Filmstar und Scientologe Tom Cruise 2007 einen "Bambi" in der Kategorie "Mut" bekam, "wusste ich, wir müssen diesen Film machen".

"Bis nichts mehr bleibt" ist ein ruhiger, gleichwohl fesselnder Spielfilm mit bekannten Schauspielern wie Suzanne von Borsody und Robert Atzorn und vor allem mit aufklärerischem Anspruch geworden: "Menschen, die nie ein Buch dazu lesen oder eine Dokumentation sehen würden, sollen wissen, wie diese Organisation arbeitet." 2,5 Millionen Euro wurden in die zusammen mit Teamworx, ARD-Degeto und dem NDR produzierte Sendung gesteckt. Aus dem Ausland wird bereits reges Interesse an einer Ausstrahlung registriert.

Zugrunde liegt der bewusst mit Mitteln der Fiktion arbeitenden Produktion, die vorwiegend in Hamburg und Kopenhagen gedreht wurde, zusammen mit anderen Fällen die authentische Geschichte des Scientology-Aussteigers Heiner von Rönn. Wie dieser vor anderthalb Jahrzehnten verliert auch Protagonist Frank Reiners (Felix Klare) am Ende sein Kind an Scientology. Nicht ihm, der sich nach Jahren immer bedrückender werdender mentaler wie finanzieller Abhängigkeit aus den Fängen der Organisation löst, wird das Sorgerecht zugestanden. Die Ehefrau und Mutter Gine (Silke Bodenbender), die sich erst zögernd, dann aber umso fanatischer der kruden Irrlehre des Ron Hubbard verschrieben hat, darf von Gerichts wegen weiter die Verantwortung für die kleine, ebenfalls schon von Scientology manipulierte Tochter tragen.

Im Vorgriff giftet Scientology-Sprecher Jürg Stettler schon mal, man habe "bewusst einen Propaganda-Film zusammengestellt, der Scientologen diskriminieren soll".

18.03.2010 - 08:30 Uhr
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