Bischof Gebhard Fürst hat die kirchliche Akademie zur Absage einer Tagung über Sexualität gedrängt. Jetzt steht er mächtig in der Kritik.
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RAIMUND WEIBLE
Rottenburg Selten ist dem Rottenburger Bischof Gebhard Fürst in seiner nun fast elfjährigen Amtszeit so viel Empörung entgegengeschlagen wie seit dem Wochenende. Der Grund: Fürst hat die Leiterin der kirchlichen Akademie Hohenheim, Verena Wodtke-Werner, dazu gedrängt, eine Tagung über Sexualität und Moral abzusagen.
Wodtke-Werner wollte im Oktober eine Reihe von Wissenschaftlern "eine zeitgemäße, moralische und Orientierung gebende Position" in Fragen der Sexualität formulieren lassen. Das zu tun hielt die Akademieleitung für ein dringendes Anliegen, weil, so heißt es im Einführungstext der Tagung, die Kirche Gefahr laufe, einen wesentlichen Lebensbereich nicht mehr mitgestalten zu können. Plakativ lautete der Tagungs-Titel in Anlehnung an einen Popsong von Salt N Pepa "Lets think about sex".
Einem Bistumssprecher zufolge hält der Bischof die Tagung für eine Belastung des von ihm in Gang gebrachten Dialogprozesses zur Reform der Kirche. Sie könne zu Polarisierungen führen und das Gespräch zwischen den unterschiedlichen theologischen und kirchenpolitischen Strömungen erschweren. Ein weiterer Punkt, der den Bischof dazu bewog, Stopp zu sagen: Die Tagung sei zu einseitig besetzt.
Wodtke-Werner hatte 16 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen eingeladen, darunter den Berliner Sexualwissenschaftler Erwin Haeberle, die Theologie-Professoren Ottmar Fuchs (Tübingen) und Konrad Hilpert (München) sowie die ehemalige Staatsrätin Regina Ammicht Quinn aus Tübingen.
Ammicht Quinn hält die Absage für einen Skandal. Hilpert reagierte "etwas irritiert". Nach seinem Urteil ist das Tagungsprogramm sehr differenziert zusammengestellt worden. Die Absage, fügte er hinzu, könne auch als eine Art von Dialogverweigerung empfunden werden und andere vor den Kopf stoßen. Bei den katholischen Verbänden der Diözese stieß die Absage auf Unverständnis.
Fürst steuert einen riskanten Kurs in seinem Dialogprozess. Indem er große Rücksicht auf die Konservativen und traditionell Geprägten in der Kirche nimmt, verdirbt er es sich mit den Fortschrittlichen und Aufgeschlossenen.